Eine „neue“ Art der Pubertät? Gastbeitrag von Sylvia Koppermann – Teil 2


Sylvia Koppermann war als erfahrene Mutter auf die Pubertät gewappnet. Ihre ältesten Kinder gingen noch fast klassisch durch die Pubertät. Sie hatten das gesamte Programm kollernder Hormone, Gezicke, alles misszuverstehen, sich ungerecht behandelt und zu wenig geliebt zu fühlen. Beidseitig. Sie dachte, sie kennt alles. Doch bei ihrer jüngeren Tochter ging es völlig anders zu.

Hier hat sie den Anfang erzählt, bei dem sie entdeckt, dass sich ihre Tochter ritzte – nun geht es weiter:

Sie hatte ihr Smartphone an ihrem 10. Geburtstag bekommen, kurz nachdem sie auf die weiterführende Schule gewechselt hatte.

Es war nicht nur eine riesige Freude, sondern regelrecht auch Erleichterung – denn nun würde sie endlich auch zu den anderen Kindern gehören, wie sie sagte. Diese hatten bereits in der Grundschule Handys. Sie prahlten, was sie alles damit tun könnten, auf welchen Seiten sie damit surfen, was für Videos sie sich ansehen.

Und da unsere Tochter noch kein Handy hatte, wurde sie ausgegrenzt, stellenweise fast gemobbt, denn wenn man kein Handy hat, sei man arm und asozial.

Allein dafür frage ich mich immer wieder, ob einige Eltern ihren Kindern vermitteln, dass ein Handy in erster Linie ein Kommunikationsmittel ist, um im Notfall wichtige Menschen erreichen zu können.

Kinder bis ins Grundschulalter, sollten doch erst einmal lernen, direkt miteinander zu agieren, spielen, miteinander sprechen.
Zumindest, wenn die Schule im gleichen Ort liegt und keine Gefahr besteht, dass sie den Bus verpassen können.

Nein, heutzutage werden die Kinder immer jünger, wenn sie ihre Handys bekommen.
Und genau diese Geräte werden dann zum Mittelpunkt ihres zwischenmenschlichen Sozialverhaltens.

Wir sind also asozial, weil wir unserem Kind ermöglichen wollten, durch miteinander sprechen, sich zum Spielen verabreden und dann miteinander direkt zu agieren, Bezug zu anderen Kindern aufzubauen.

Nun würden wir unsere Tochter auch mit der Cyberwelt der Smartphones teilen müssen.

Genau das bestätigte sich, als ich dann immer wieder ihr Handy kontrollierte, was mir widerstrebte, da wir unseren Kindern Privatsphäre ermöglichen wollen, doch in dem Fall, wo wir Angst um das Leben unserer Tochter haben mussten, gab es nur „Pest oder Cholera“, Privatsphäre wahren und sein Kind eventuell verlieren oder Vertrauen zu brechen, damit aber möglicherweise das eigene Kind retten können.

Neben sehr vielen gelöschten Verläufen, stieß ich auf Gruppen, in denen sie per WhatsApp angemeldet war, die allein der Partnersuche, manchmal sogar nur erotischen Treffen galten.

Diese habe man meiner Tochter empfohlen, dort würde sie nette Leute kennen lernen.
Dabei war sie doch früher nie so naiv.

Wir hatten sie aufgeklärt, immer wieder gewarnt, ihr Tipps gegeben, welche Tricks Menschen anwenden, die sich auf ihre Kosten amüsieren wollen.
Wer waren die, die es schafften, all die von uns anerzogenen Vorsichtsmaßnahmen über Bord zu werfen?

Ein Verdacht begann zu keimen und sollte sich leider auch bestätigen…

Nach und nach, in sehr kleinen Schritten und endlosen, manchmal tränenreichen Gesprächen, schafften wir es, das Ritzen zu verbannen.
Wir sprachen wieder über all das, was in einem jungen Mädchen vorgeht, über körperliche Veränderungen, wie die Hormone die Launen beeinflussen und zu meiner Tochter entwickelte sich wieder ein freundschaftliches Verhältnis.

Oft hatte ich das Gefühl, sie wäre erleichtert, fühle sich beschützt, durch die Autorität, mit der ich Einsicht in das Smartphone forderte und ehrlich gesagt, fiel es mir schwer, das nachzuvollziehen. Sollte sie nicht böse mit mir sein, weil ich sie kontrollierte und von extremem Leichtsinn abhielt?

Dann kam der Anruf, sie sei beim Stehlen erwischt worden.

Der erste Versuch und der ging natürlich und zum Glück, gleich schief.
Selbstverständlich schämte sie sich, aber auch da schien sie wieder erleichtert, so als wollte sie – ohne es auszusprechen – sagen, dass sie uns dankte, denn jetzt müsse sie nicht noch einmal klauen gehen.

Das war doch nicht einfach Pubertät!
So, in all dieser Gesamtform, kannte ich das nicht.

Aber durch Gespräche mit anderen Müttern erfuhr ich, dass deren Kinder teilweise identisch „pubertierten“.

Es war eigentlich purer Zufall, dass wir dann den entscheidenden Tipp einer Schülerin der Schule bekamen, die im Abschlussjahrgang war und versuchte, ein Auge auf ihre kleine Schwester und deren Freundinnen zu halten.
Sie kontaktierte mich und klärte mich dann über eine Szene auf, bei der es mir eiskalt den Rücken herunter lief.

Ältere Teenager freundeten sich mit jüngeren an und wurden eine Art Mentor.

Sie erklärten, was cool ist und was nicht, welche Videos man schauen müsste, wie man sich zu geben habe, was alles in ist, um dazu zu gehören.
Der Austausch fand zu einem Großteil über das Smartphone statt, über das weitere Kontakte zu „Mentoren“ und deren „Schüler“ geknüpft wurde.

Meine Tochter geriet in die Fänge einer emotional nicht stabilen jungen Dame, die das Ritzen verherrlichte, genauso wie sich zum Lustobjekt zu machen, für all die Jungen, die sich mit den Mädchen nur amüsieren und sie dann wegstoßen.

Das unterstützte die wachsenden Selbstzweifel, den Hass auf sich selbst und genau das bräuchte man schließlich, um sich davon zu überzeugen, nicht geliebt zu werden, lieber tot sein zu wollen und sich immer wieder zu verletzten.

Ein ganzes Netz dieser so genannten „Emos“ hatte sich entwickelt und man konkurrierte damit, wie man sich selbst herabwürdigte, sich ritzte, von Selbstmord sprach und sich billig anbot.

Nun verstanden wir auch immer mehr die Zusammenhänge, warum unsere Tochter sich einerseits regelrecht anbot, andererseits durch schmuddeliges Auftreten abstoßend wirken wollte.
Sie war nicht bereit, sich auf körperliche Intimitäten einzulassen, wollte aber zu den coolen Kids gehören.

Je mehr wir uns damit auseinander setzten, je mehr Szenen zeigten sich.

Es gibt solche, in denen Gleichaltrige, also auch 10- und 11jährige rauchen, viel Alkohol trinken, Gegenstände zerstören, Erwachsene sogar körperlich angreifen und vor nichts und niemandem Respekt haben. In verschiedenen Szenen werden weitere Drogen konsumiert, in anderen geht es rein um sexuellen Austausch.

Gemeinsam haben all diese Szenen, dass sie über die Nutzung der Handys viel mehr Möglichkeiten bieten, die Kinder zu beeinflussen.
Wir haben also gelernt, unsere Kinder mit dem Fortschritt gehen zu lassen, sind aber auf der Strecke geblieben, wenn es darum geht, sie auf die Gefahren vorzubereiten.

Und diese Gefahren sind die Grundlage für eine „Pubertät 2.0“, in der unsere Kinder verzweifelt nach Hilfe schreien, Halt suchen, dazu gehören möchten, beeinflussbar sind und nicht wissen, wie sie mit all den Forderungen der „coolen Kids“ klar kommen sollen.
Sie möchten dazu gehören, aber nicht so!

Und wir Eltern, selbst die, die der Pubertät gerüstet scheinen, sind genauso hilflos, denn erst einmal gilt es, einen Weg zu finden, an die eigenen Kinder heran zu kommen.

Will man ihnen die Handys abnehmen und sie damit wieder vor anderen Kindern ausgrenzen?
Das wäre eine Möglichkeit.

Eine, die den Kindern sehr weh tut, denn gerade am Fuße der Pubertät oder mittendrin, die für sie scheinbar einzige Möglichkeit, soziale Kontakte zu pflegen, zu entziehen, macht sie zu Außenseitern.

Und es bleibt die einzige Möglichkeit, da die anderen Kinder ja nicht gelernt zu haben scheinen, anders als über Handy miteinander zu agieren?
Ist es nicht traurig, dass unsere Kinder ausgegrenzt werden, wenn ein Handy und die damit verbundenen, erweiterten Möglichkeiten, rein als Kommunikationsmittel für Notfälle gilt?

Wir haben zur Zeit noch Glück, dass unsere Tochter ein sehr enges Verhältnis zu uns hat, uns vertraut und zugibt, dass sie all die Veränderungen nur mitmachte, weil die „coolen Kids“ das verlangten.
Doch die Pubertät ist noch lange nicht auf ihrem Höhepunkt.

Wie sollen wir unserem Kind beibringen, wo wahre Werte im Leben liegen – wenn dagegen unzählige Teenager stehen, die diese Werte nicht schätzen mögen, nicht beigebracht bekommen?

Es ist an uns Eltern, unseren Kindern Verantwortungsbewusstsein und Werte beizubringen.

Eine beständige Arbeit, die uns manchmal auch zwingt erzieherisch autoritärer einzugreifen, um unsere Kleinen zu schützen.
Ja, wir möchten von unseren Kindern immer geliebt werden.
Was hilft mir aber all die Liebe, wenn ich eines Tages Blumen auf das Grab meines Kindes lege, das mich bis zur letzten Minuten über alles liebte, weil ich es tun und machen ließ, was es will … während es sich, tief im Inneren, haltlos und überfordert fühlte?

Meine ältesten Kinder haben mich in ihrer Pubertät oft regelrecht gehasst. Das geben sie heute offen zu.
Im gleichen Atemzug bedanken sie sich aber auch dafür, denn sie konnten mich hassen, weil ich sie beschützte.

Und dafür lieben sie mich heute um so mehr.

Eure Silvia Koppermann

Titelbild: Photo by Elijah O’Donnell on Unsplash

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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