„Entscheide mich ganz klar für das Kämpfen. Beklage mich nur über die Steine, die mir in den Weg gelegt werden.“ – Gastbeitrag im Nachgang von Socken-Hellene


Im Nachgang an dem Beitrag „Socken-Hellene“ kam zu uns diese Nachricht, die unsere Herzen berührt hat. Bitte lesen. Bitte teilen. Und bitte, bitte, bitte, erzählt von Menschen, die Steine aus dem Weg Räumen. Es müssen keine Felsen sein… Auch Kies wegbewegen kann gut tun. Aber nun langsam, hier schreibt eine echte Kämpferin:

<< Zu dem Beitrag von Socken-Hellene: Oh ja, das kenne ich nur zu gut. Mir geht es im Moment (seit Monaten, Jahren) schlecht.

Ich fühle mich als Einzelkämpfer an allen Fronten.

Da ist mein Asperger-Kind (16), die ihren MSA nicht schafft, obwohl sie das nötige Zeug dazu hat, aber einfach nicht ins System passt.

Da ist meine 14-Jährige, die schwer depressiv ist, ritzt, lügt, schwänzt und sich von einer Gefahr in die nächste begibt. Die mir ständig den Boden unter den Füßen weg zieht, sobald ich ihn wieder gefunden habe. Die mit ihren 14 Jahren einen 24-jährigen Freund hat und mit diesem auch schläft. Wegen der wir Anzeige wegen schwerem sexuellen Missbrauch eines Kindes erstattet haben und das Verfahren läuft (das war letztes Jahr, als sie sich mit einem 19-jährigen aus Thüringen traf und mir erzählte, sie schläft das Wochenende bei einer Freundin. In Berlin. Wo wir wohnen. Da war sie noch 13. Den sie nur aus dem Internet kannte und der psychisch krank ist.).

Und da bin ich. Fix und fertig. Ich, die stark sein muss, weil es sonst niemand für mich ist. Die ebenfalls Asperger Autist ist.

Die ihren Job gekündigt hat, weil es viel zu viele Änderungen gab und für die einfach keine Kraft mehr war. Die auf Arbeit heulend zusammen gebrochen ist, weil ihre Tochter ihr mal wieder den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Ich, die am 26.12. 2018 für über eine Stunde der Überzeugung war, dass sich ebendiese Tochter umgebracht hat. Ich, die immer bereit ist, die Kripo an der Wohnungstür zu begrüßen, die ihr sagt, ihr Kind ist tot.

Ich, die sich den Arsch aufreißt und Hilfen organisiert und sich vor allen rechtfertigen muss, dass sie immer noch nicht arbeitsfähig ist (bin jetzt seit März krankgeschrieben). Ich, die alle 2 Wochen um eine Krankschreibung bettelt, weil ich absolut nicht belastbar bin und ständig los heult.

Ich, die Frau, die sich das Ziel gesetzt hat, ihrer Tochter zu helfen. Und auch für sich Hilfe zu suchen.

Die einen Rahmen schaffen möchte, damit es ihr und ihrer Tochter auch wirklich besser gehen KANN. Die dafür aber alle Kräfte mobilisiert und erst mal selbst gar nicht genesen kann. Die immer wieder erklären muss, dass es ohne diesen Rahmen nicht funktionieren wird. Die langsam wütend auf das System wird, weil man alleine gelassen wird. Wütend ist, dass dieses System einem auch noch Steine in den Weg legt.

Ja, es gibt die Leute, die sagen: Boah, Respekt, dass Du das alles schaffst. Aber der Preis ist hoch.

Ja, ich könnte mich in eine Ecke setzen und heulen. Aber davon wird es leider auch nicht besser. Also bin ich förmlich gezwungen, da durch zu gehen. Auf lange Sicht ist es das einzig Sinnvolle.

Aber ich wünschte mir Leute, die sagen: Respekt, kann ich Dir irgendwie helfen? Wie kann ich Dich unterstützen?

Ich habe die Wahl: Entweder ich nehme das jetzt alles in Kauf und es besteht die Chance, dass es dann bald besser wird oder ich breche auch in ein paar Monaten/ Jahren immer wieder zusammen, weil ich mich so hilflos fühle. Hilflos, weil ich meiner Tochter nicht helfen kann, obwohl sie so sehr leidet. Die ihre Last alleine tragen möchte, aber nicht stark genug dafür ist. Hilflos, weil ich zugucken muss, wie dieses wahnsinnig intelligente und tolle Kind ihr Leben ruiniert.

Ich entscheide mich ganz klar für das Kämpfen. Auch wenn mir die Kräfte ausgehen.

Und dann, bald, kann ich zur Ruhe kommen. Aber erst wenn der Rahmen steht. Dann kann ich genesen. Dann brauche ich nicht mehr um eine Krankschreibung betteln.

Ich beklage mich auch nicht, dass es so stressig ist. Nein. Das nehme ich gerne in Kauf. Für meine Tochter und für mich. Ich beklage mich nur über die Steine, die mir in den Weg gelegt werden.

Aber ich wünsche mir, dass es gar nicht erst so weit gekommen wäre. Ich kümmere mich schon seit einiger Zeit um Hilfen. Wollte vermeiden, dass es so weit kommt. Aber niemand hat zugehört, bzw. es wurde nur mit den Schultern gezuckt und gesagt: Sie schaffen das schon. Wir sind ausgelastet. Aber man hätte mir vernünftige Tipps geben können. Stellen, an die man sich wenden könnte, nennen können. Damit ich mir die nicht auch noch alleine raus suchen muss.

Was soll‘s. Wir schaffen das. Und dann heißt es für mich, ab vor den Kamin mit warmen Socken.

Eine anonyme Mama,
die zum Abschluss noch sagt:

Ich weiß auch, dass ich damit nicht alleine bin.
Ein Hoch auf alle Kämpfer 🙂 >>

P.S. Von Béa, weil es wichtig ist: Ich suche Geschichten und Erfahrungen. Von Menschen, die in ganz harten Situationen waren und nun sagen konnten: Dies und jenes hat geholfen. Vielleicht war es nicht viel. Vielleicht war es nur der richtige Ausmaß. Vielleicht hat jemand auch nur einen Stein aus dem Weg geholt… oder warme Socken gebracht.

Erzählt ihr uns davon?

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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1 Kommentare

Hannah
Antworten 7. Januar 2020

Hey! Die Geschichte hat mich echt berührt... Ich glaube der Autorin, dass sie richtig fertig mit den Nerven ist und keinen Weg aus ihrer Verzweiflung rausfindet, der unter anderem mit der großen Angst um ihre Tochter zusammenhängt. Ich kann ihr sagen, was mir geholfen hat und was ihr vielleicht helfen könnte. Ich weiß nicht an wie viel sie da schon gedacht hat. Ich weiß aber, dass wenn man selbst depressiv ist man Ermutigung braucht zu bestimmten Dingen hinzugehen. Weil man sich denkt, dass sowieso alles sinnlos ist und man es dann gar nicht versucht. Das haben Depressionen leider so an sich. Sie könnte sich erstmal an Familienberatungsstellen wenden, da kriegen die Autorin und ihre Tochter ziemlich schnell therapeutische Hilfe. Und selbst wenn die Frist meist 3 Monate ist. Wenn man sagt, dass die Tochter suizidgefährdet ist und sich nicht davor zurückhält in Tränen auszubrechen, geht das sicherlich schneller. Oder man geht zur offenen Sprechstunde. Dann kriegt man auch schneller einen Platz. Aber eigentlich hört sich das so an, als ob dieser ambulante Therapieplatz inzwischen viel viel zu wenig ist. Ich würde empfehlen die Tochter in eine Klinik zu schicken. Dann kann die Tochter runterkommen. Dann kann die Mutter runterkommen.
Eine schwere Depression ist kein Spaß. Es ist eine sehr ernstzunehmende, psychische, lebensbedrohliche Krankheit.
Der Autorin könnte ein Klinikaufenthalt auch gut tun, auch wenn ich nicht weiß wie das mit dem 2. Kind ist. Vielleicht wäre auch Tagesklinik eine Option.
Natürlich sollten beide auch bald einen ambulanten Psychotherapeuten finden, da hilft leider im khbv online nachschlagen, anrufen und nachfragen. Aber auch da würde ich von der suzidgefährdeten Tochter erzählen. Die kann man vielleicht auch zum Schulpsychologen schicken, man kann auch beim Jugendamt anrufen und um Hilfe bitten, die machen leider nicht viel aber können einem Beratungsstellen empfehlen. Vielleicht gibt es auch vertrauenswerte Lehrer oder andere Ansprechpartner in der Schule die einen unterstützen können bei der Suche nach Hilfe.
Ich kann ansonsten sehr gut 12-Schritte Selbsthilfegruppen empfehlen. Die und die tollen Freunde, die ich darin gefunden habe, haben mich aus der Krise gerettet. Ich würde empfehlen zu EKS und ACA Gruppen zu gehen. (Oder EA, aber die andern beiden sind noch besser.) Selbsthilfegruppen versprechen sofortige Hilfe. Und das Mitgefühl und Verständnis dort ist sooo hilfreich. Die Menschen dort werden die Autorin verstehen und sie unterstützen und ermutigen. Apropos Verständnis: Die Autorin hat eine richtige gute Entscheidung getroffen sich Krankschreiben zu lassen. Eine richtig gute! Und es ist richtig traurig zu lesen, dass ihr Umfeld ihr nicht hilft sondern sie sogar dafür fertig macht.
Ich persönlich kann sogar empfehlen Antidepressiva zu nehmen. Das entspannt einiges und man wird wieder handlungsfähig und stürzt nicht mehr so vor Verzweiflung ab.
Ich würde auch empfehlen sich einen Psychiater(In) zu suchen. Und sich eventuell Soziotherapie oder APP verschreiben zu lassen. Das sind Sozialarbeiter die einen 1-2mal die Woche sehen und die einem helfen können. Das geht auch ziemlich schnell diese Hilfe. Ganz generell gilt. Lange Wartezeiten sind sooo schrecklich. Aber Augen zu und trotzdem beantragen. In ein paar Monaten ist man dann sehr Dankbar.
Und ich weiß nicht, ob das ein dunmer oder übergriffiger Tipp ist. Aber vielleicht hilft es der Tochter, ihr jeden Tag bewusst zu machen und zu sagen, dass du als Mutter sie lieb, hast, dass sie wertvoll ist und dass sie ein liebenswerter Mensch ist.

Liebe Autorin,
Ich bin mir sicher du gibst jeden Tag das Beste, was du kannst. Ich weiß nicht wie viele du von den obigen Ideen schon umgesetzt hast. Viele sind sicherlich nicht neu. Aber vielleicht ein paar. Ich wünsche dir sehr viel Kraft, in der nächsten Zeit. Und Mut. Mut zu sagen, ich kann nicht mehr, ich brauche ganz dringend Hilfe. Mut zu sagen, meine Tochter braucht ganz dringend Hilfe. Und das Selbstbewusstsein, alle Nörgler zu ignorieren, die irgendein Müll wegen der Krankschreibung von sich geben. Und Durchhaltevermögen. Für die Hilfe zu kämpfen, die ihr benötigt.
Ich wünsche dir alles, alles Gute. Du bist nicht alleine. Ich denke an dich.

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