Frühchen Patrick, geboren in der 28. SSW, 710g, 25cm, Diagnose: HELLP-Syndrom – GASTBEITRAG


Über Frühchen berichten wir gern, weil wir Eltern in dieser Extrem-Situation Hoffnung machen wollen. Und erreichen dazu immer wieder sehr bewegende Beiträge aus der Leserschaft.

Oft geht es einfach darum, einmal aufzuschreiben, was man erlebt hat, um anderen damit Mut zu machen, dass niemand allein ist. So auch dieser Text einer Leserin, die ihren Sohn unter großen Umständen bereits in der 28. SSW geboren hat. Lest selbst ihre Geschichte und wie die beiden zueinander fanden, die Jahre gemeistert haben und einander einfach lieb haben.

Ab hier berichtet unsere anonyme Frühchen-Mama

Im März 1999 bekam ich die Nachricht, dass ich schwanger bin, naja Freude war anders. Ich war 23, mein Freund grade 18. Also auf in den Kampf. Von Anfang an hatte ich immer hier ein Ziepen, da ein Drücken und überhaupt musste ich gefühlt alle 10 min auf’s Klo. Meine Chefin meinte „Schwangerschaft ist keine Krankheit“ und hat erwartet, dass ich normal weiter arbeite (Bäckereifachverkäuferin).
Am Karfreitag (11. SSW) bekam ich Blutungen und ging ins Krankenhaus.
Von da an gab es ein Beschäftigungsverbot. Es ging weiter mit Ziepen und Drücken und laut Arzt war immer alles in Ordnung. Ich bin dann natürlich auch nicht der Typ der sitzen bleibt. So hab ich eingekauft, den Haushalt gemacht und meine Nichte gehütet.

Bis zum 01.08., da kamen plötzlich Wehen.

Also ab ins Krankenhaus. Das volle Programm: Wehenhemmer, Lungenreifespritze und Liegen. Am 04.08. nachmittags gegen 16 Uhr fingen langsam Schmerzen im Oberbauch an, die immer stärker wurden. Gegen 18 Uhr hab ich der Schwester Bescheid gesagt und sie meinte nur: „Oh…Oh!“ und stürmt aus dem Zimmer. Ich lag da und verstand nix mehr. Danach ging alles ganz schnell (in meinem Verständnis damals). Ab in den Kreißsaal und jede Menge Leute um mich rum. Einer zum Blut abnehmen, der nächste wollte Urin, dann Blutdruck messen, CTG und meine Schmerzen wurden immer schlimmer. Ich war ganz allein, niemand hat meine Angehörigen informiert und ich wollte nur, dass es endlich vorbei ist. Es muss etwa gegen 22:30 Uhr gewesen sein, als ich um mich geschlagen und gebrüllt haben muss, dass sie diesen verdammten Balg endlich aus mir rausholen sollen. Danach ist alles nur noch schemenhaft, es ging ganz schnell. Ich bin noch mal kurz klar geworden, als sie sagten, es geht in den OP. Auf dem Weg habe ich noch meinen Freund angerufen.

Um 22:55 Uhr war Frühchen Patrick dann da.
710g schwer und 25cm groß, geboren in der 28. SSW, an einem Mittwoch.

Diagnose: HELLP-Syndrom (eine schwerwiegende Erkrankung während der Schwangerschaft, die zu den hypertensiven Störungen gehört) . Ich wurde dann Freitagabend wieder wach auf der Intensivstation und mein Kampf begann. Ich hab mich angestrengt, dass ich schnell fit genug bin, um mein Kind zu besuchen, das 30km weit entfernt war. 6 Tage später war es soweit und als ich vor der Frühchenintensiv stand, wollte ich wieder gehen. Als ich ihn das erste Mal gesehen habe, hab ich gesagt, das kann nicht meiner sein. Der ist ja noch gar nicht fertig. Und trotzdem bin ich jeden Tag hingefahren. Ich habe jeden Tag gebetet, dass es nicht der letzte ist. Er hatte schlimme Hirnblutungen, dadurch verstopfte der Kanal im Rücken und das Hirnwasser konnte nicht mehr ablaufen. Es folgten tägliche Punktionen über die Fontanelle bis er stabil genug für die OP war.

Der schönste Tag war für mich, und von da an fühlte ich mich auch als Mama, als ich ihn mit 6 Wochen das erste Mal auf den Arm nehmen durfte.

Nur 10 Minuten, aber das war wie Ostern und Weihnachten an einem Tag. Mit 8 Wochen wurde er den Beatmungsschlauch los, mit 10 Wochen hat er das erste Mal aus der Flasche getrunken und in der Woche auch seine 1. OP wegen Leistenbruch. Mit 12 Wochen konnte dann auch endlich die künstliche Ableitung fürs Hirnwasser gelegt werden (shunt) und mit 14 Wochen durfte er nach Hause. Das war ein Fest.
In den folgenden Jahren stellte sich dann nach und nach heraus, dass er schwerst mehrfach behindert sein wird.

Es folgten Shuntrevisionen, OPs von Leistenbrüchen, Hodenhochständen, Klumpfüßen, Hüftluxationen und im Alter von 9 Jahren dann die Anlage einer Ernährungssonde. Dazwischen hat er trotzdem so eine Freude am Leben entwickelt. Er ist immer gerne in den Kindergarten gegangen. Später in die Schule, wo er auch immer noch gerne hin geht. Ich habe und werde immer versuchen, alles Schlechte von ihm fern zu halten, aber leider geht das nicht immer.

Wir hatten/ haben viele tolle Erlebnissein unserem Alltag, aber leider genauso viele negative.

Jetzt grade tummelt Patrick sich mit einer Jugendgruppe auf Ameland herum und Mama genießt die Zeit zu Hause.

Wir werden niemals aufgeben und erwarten das, was da noch kommt.

Liebe Grüße an alle

Eine uns gekannte, aber anonym bleibende Leserin.

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Yvonne Petzke
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3 Kommentare

Ivonne
Antworten 23. August 2017

Liebe Frühchen-Mama,
Deine Geschichte hat mich sehr berührt und ich kann Dir mehr als gut nachempfinden! Meine Schwangerschaft war ein absoluter Traum, bis mir in der 26+1 SSW nach einer Pommes-Currywurst zunehmend schlecht wurde und ich mich fortwährend mehr und mehr übergeben musste mit stakenen Bauchkrämpfen... in der Klinik wurde ich zunächst abgefertigt, sollte aber über Nacht bleiben... nach dem Schmerzmittel ließen die Krämpfe und die Übelkeit nach... mitten in der Nacht holten sie mich in den Kreißsaal und mir wurde gesagt, man müsse mich verlegen, man sei für die SSW nicht entsprechend ausgerüstet... ich war bereits weit weg und habe das gar nicht mehr verstanden... Ich wurde dann für den Transport vorbereitet, die Aufzugtür schloss sich und damit auch meine Erinnerung... was in den folgenden -glaube ich- 2 Stunden bis zur Geburt geschah, keine Ahnung. Eklamptischer Anfall, gekrampft... all sowas! Meine Tochter kam mit 589 Gramm auf die Welt und jeden einzelnen Tag (erst am 2 Tag konnte man mich zum Kind bringen, habe wohl sehr lange gekämpft...) habe ich fortwährend am Inkubator gesessen, 10 Stunden am Tag..., 4 Monate lang... mit vielen, vielen Rückschritten und wenig Fortschritten...
Es wird noch Jahre dauern, bis sie ihre Defizite aufgeholt hat...
Kann Dir an dieser Stelle nur sagen, was mir von einer Kinderkrankenschwester gesagt wurde und ich habe es erst viel später wirklich verinnerlicht und verstanden: Frühchen sind nichts für Schwache!
Ich wünsche Dir und Deiner Familie von Herzen allein Gute!

Sanne
Antworten 24. August 2017

Ich ziehe meinen Hut vor Dir, nein, vor Euch - ihr habt meinen grössten Respekt!

Anja
Antworten 22. Februar 2019

Respekt!
Ein Löwen-Frühchen mit Behinderung durchs Leben zu begleiten bringt Dich garantiert hin und wieder an Deine Grenzen. Aber Du machst einen hervorragenden Job und darfst zu Recht auf Dich stolz sein!
Unsere Frühchen-Kinder sind stärker als man meint und wir werden dadurch auch gefestigter. Schließlich haben wir gemeinsam so viele Höhen, Tiefen und vor allem Ängste durchgestanden-Das können viele "Normaleltern" nicht nachempfinden.

Ich schließe mich der Vorkommentatorin an:
Ein Frühchen aufzuziehen, ist nichts für Flauschhandtuch-Benutzer (vor allem in den Kleinkindjahren)!
Liebe Grüße und alles Gute für Euch!

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