„Mama, du wolltest nicht das Beste für mich, sondern für dich!“ – Gastbeitrag einer Tochter


Die meisten Eltern wollen, dass ihr Kind glücklich ist, nur erkennen sie oft nicht, was sie wirklich glücklich macht. Hier kommt ein Gastbeitrag von einer Person, die gerade sehr verletzt und mitgenommen ist von einem Konflikt mit ihrer Mutter.

„Mama, du wolltest nicht das Beste für mich, sondern für dich!“

Unsere Gastbeitragende schreibt:


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Im Leben meiner Mutter ist vieles nicht so gelaufen, wie sie es sich gewünscht hatte. Falscher Job, falsche Ehe, falsche Erziehung. Meine Mutter bereut vieles, und wünscht sich, dass wir, also ihre Kinder, nicht dasselbe Schicksal erleiden wie sie.

Immer wieder sagte sie, dass sie das Beste für uns wollte.

Heute weiß ich, spüre ich, dass das nicht stimmte. Dass sie das glaubt, aber dass das mit meiner Realität nicht überein stimmt.

Nun aber zum Hintergrund:

Unser Streit eignete sich vor nicht allzu langer Zeit.
Ich erzählte meiner Mutter davon, dass mein Partner und ich den nächsten Schritt wagen würden.

Doch anstatt sich für mich zu freuen, zählte sie mir auf, warum er die falsche Wahl wäre. Sie bezog sich dabei auf Kleinigkeiten, und Dinge, die überhaupt nichts mit der Beziehung zwischen ihm und mir zu tun hatten. Ein Argument war, dass er ihr nie ein Geschenk brachte, wenn er zum Essen bei uns vorbeikam. Und sie das als Ausnutzerei empfinde, dass ein Mann einfach nur komme, um zu essen, und dann wieder abzöge. Ich hielt diesen Vergleich für lächerlich, denn wozu musste man bei jedem Besuch ein Geschenk mitbringen? Aber meine Mutter ist nun mal aus meiner Sicht ein sehr materiell orientierter Mensch und erwartet vom „Schwiegersohn“, dass er nicht nur mich, sondern auch sie auch mit Geschenken bedenkt.

Aber so ist er nicht, und das akzeptiere ich. Dafür hat er viele andere tolle Qualitäten, aber da schaut meine Mutter auch nicht weiter hin, und fragt mich auch nicht.

Der Streit schaukelte sich dermaßen hoch, und am Ende bezeichnete sie ihn als den größten Geizkragen der Welt und wie viel Angst sie um mich habe.

Um mich, ja klar… Ich war, ich bin überglücklich mit ihm, aber das sah sie nicht. In ihren Augen war er nicht derjenige, den sie sich vorgestellt hatte! Aber ich bin auch nicht sie. Daher kam bei mir der Gedanke: Sie wollte nicht das Beste für mich, sondern für sich.

Die eigenen Wünsche und Ziele auf das Kind projizieren

Was bei ihr im Leben aus ihrer Sicht schieflief, wollte sie bei ihren Kindern korrigieren. Sie meinte es nur gut, nur machte sie uns Kindern damit das ein oder andere Mal das Leben zur Hölle. Um was auch immer es in unserem Leben ging, sie wollte mit involviert sein, musste ihren Senf dazugeben, und sagte völlig offen, wenn ihr etwas missfiel. Jeden einzelnen meiner vorherigen gesunden Partner lehnte sie ab. Aber alle, die sich als für toxisch herausstellten, begrüßte sie – unabhängig davon, wie viel ich in der Beziehung darunter litt. Plötzlich wurde mir klar: Die sahen richtig gut aus und hatten Geld und ordentliche Zukunftsperspektiven…

Genauso war es mit meiner Berufslaufbahn, angefangen mit dem Studium, das sie ablehnte. Später auch mein restlicher Weg. Oft geriet ich ins Zweifeln und hinterfragte meine Pläne, obwohl mein Herz wusste, dass es der richtige Weg war. Aber Eltern haben nun mal eine gewisse Macht auf das Kind. Sie schaffte es immer wieder, dass ich kurz davor war, ihr Leben leben zu wollen und nicht meins.

Eltern wissen es nicht besser

Es wird wohl kein Elternteil geben, das alles, was das Kind tut, gutheißt. Oft hat es mehr Lebenserfahrung und kann besser einschätzen, wie die Dinge ablaufen. Aber nicht immer. Ich würde meine Mutter niemals um Rat bitten, weil wir zwei völlig unterschiedliche Sichtweise auf die Welt haben. Ich weiß, dass sie in vielen Momenten ganz anders denken, handeln und urteilen würde als ich.

(Psychische) Manipulation

Rückblickend fallen mir viele Momente ein, in denen sie meinem Partner kleine unbewusste Hiebe verpasste, und mich ganz subtil darauf hinwies, dass dies oder jenes ja nicht so cool von ihm gewesen sei. Zwischen meinem Partner und mir gab es Konflikte, in denen ich unbewusst die Dinge nachsagte, die meine Mutter mir einredete. Ich provozierte Streitereien und war nicht mehr zufrieden mit der Zufriedenheit, die ich vorher hatte. Meine Mutter manipulierte mich, und ich glaube, dass es ihr nicht einmal klar war. Ich konnte mich gegen ihren Einfluss kaum wehren, und auch das war mir öfters nicht klar.


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Wie gesagt, sie wollte mir nie etwas Böses, sondern mich vor ihren eigenen Fehlern bewahren.

Viele würden mir dazu raten, mich einfach mal mit einer Mutter auszusprechen. Aber das Problem ist, dass wir immer aneinander vorbeireden. Sie ist sich so sicher, dass ihre Lebensrealität die richtige, dass sie mich, ihr eigenes Kind weder kennt noch sieht. Sie hört nicht zu. Wir können nicht miteinander reden, ohne, dass sie mich als schrecklich naiv bezeichnet und mich oder meine Entscheidungen als „falsch“ abwertet.

Täter-Opfer-Umkehr

Ich habe mich jetzt von ihr zurückgezogen, woraufhin sie den Spieß umgedreht und mich als Verräterin bezeichnet hat, die mehr Loyalität für andere zeigt als für ihre eigene Mutter. Wenn ich das so schreibe, merke ich selbst, wie albern es klingt, aber sie trifft trotzdem einen sehr wunden Nerv bei mir, und hat mich mehrmals alles hinterfragen lassen. Einen Menschen so lange zu manipulieren, bis es an seiner eigenen Realität zweifelt, nennt sich Gaslighting.
Das ist emotionale Gewalt, und auch wenn es die eigene Mutter ist, ist in Wahrheit sie diejenige, die für mich toxisch ist.
Nicht mein „geiziger“ Freund.

Diesen Beitrag habe ich mit sehr viel Frust und Trauer geschrieben.

Ich wünschte, ich hätte eine Mutter, die keine solche Macht über mich hat.
Ich wünschte, sie würde mich sehen, und wollen, dass ich glücklich bin.
Ich wünschte, sie würde ihre Lebensvorstellungen nicht auf die ganze Welt übertragen.
Aber das wird sie nicht. Und das zu akzeptieren, tut unsagbar weh.

Bald ist Ostern und vermutlich werden wir die Feiertage nicht zusammen verbringen. Ich weiß jetzt schon, dass die vor der Familie so tun wird, als sei ich die Böse, die die Familie im Stich lässt, aber ich kann diese Frau einfach nicht sehen, ohne ständig das Gefühl zu haben, wie ein Kleinkind loszuheulen.

Wenn ich eines Tages eine Mutter werden sollte, wünsche ich mir sehr, dass mein Kind seinen Weg gehen wird, und ich ihm wie eine Freundin sein werde, dem ich alles anvertrauen kann.

Ich würde dem Kind zuhören, und versuchen zu akzeptieren, wenn es sich ganz anders entwickelt, als ich es an seiner Stelle tun würde. Es gibt nämlich nicht den einen Weg, und überhaupt ist es nicht schlimm Fehler zu machen. Das Schönste ist, wenn man danach zu seiner Mama gehen kann, und sich von ihr trösten lässt, weil sie immer da ist, und niemals verurteilt.

Wer von euch hat ähnliche Erfahrungen gemacht? Wie hat sich die Beziehung weiter entwickelt?

Liebe Grüße,
die Tochter!

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Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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2 Kommentare

Marieluise
Antworten 4. April 2022

Mir geht es mit meiner Mutter genauso. Nur Distanz hilft mir, ich selbst zu sein. Es tut weh aber ist sehr heilsam. Ich habe es mit 40 Jahren endlich verstanden und akzeptiert.

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