Glaube nicht alles, was du denkst! Von Interpretationen und verbalen Hämmern


Heute möchte ich mit euch eine Geschichte teilen:

Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Vielleicht hat er die Eile nur vorgeschützt, und er hat was gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts getan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht´s mir wirklich. – Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er „Guten Tag“ sagen kann, schreit ihn unser Mann an: „Behalten Sie Ihren Hammer!!!“.


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Diese Geschichte stammt aus „Anleitung zum Unglücklichsein“ von Paul Watzlawick – Philosoph, Psychotherapeut und Kommunikationswissenschaftler.

Bis vor ein paar Jahren hätte ich noch die Hauptrolle in dieser Geschichte spielen können.
Denn so war ich geprägt:

Analysieren und interpretieren, bis mir der Qualm aus den Ohren kam und manchmal war ich am Ende richtig verärgert.

Wieso war ich verärgert? Wegen dem, was passiert ist?
Nein, ich war durch meine eigenen Gedanken und Interpretationen verärgert.
Oder nennen wir sie Hypothesen, das ist auch ein Name dafür.

Ich habe oft Situationen oder auch das Verhalten von Menschen interpretiert und am Ende habe ich mir eine eigene „Realität“ geschaffen. Meine Gedanken waren für mich wahr. Besonders auch schriftliche Kommunikation war eine Einladung zur Analyse und Interpretation. Statt nachzufragen, besonders wenn ich unsicher war, habe ich meinen Gedanken geglaubt.

Und es begegnet mir immer wieder im Leben: Menschen, die interpretieren und am Ende davon überzeugt sind, dass ihre Annahme über die Gedanken, Gefühle und Absichten eines anderen Menschen tatsächlich gültig sind.

Womöglich haben jetzt viele Leser bei dieser Geschichte gelacht: Weil sie es von sich selbst kennen. Und wahrscheinlich merken viele Menschen überhaupt nicht, dass eben dieses Programm bei ihnen auch abläuft: unbewusst.

Seit ich in der Therapie Achtsamkeit gelernt habe, achte ich bei mir selbst darauf und ich war anfangs doch erschrocken, wie oft dieses unbewusste Programm bei mir ablief. Prägung, Glaubenssätze und noch viel mehr Gründe könnte ich jetzt aufzählen. Würde ich Gefühle benennen, die ich beim Interpretieren hatte: unsicher, frustriert, ängstlich, ärgerlich…

Wer jetzt denkt: „Ich bin nicht so!“:

Ich möchte dich einladen, mal in dich zu spüren, wann du das letzte Mal interpretiert hast:
Vielleicht wenn dir jemand nicht auf eine Nachricht geantwortet hat, vielleicht wenn dein Kind etwas tut und du den Grund interpretierst:

bockig,

auf der Nase herumtanzen,

will mich nur ärgern.

Zurück zur Geschichte oben: Die Zweifel dieses Mannes, dass der andere Mann den Hammer nicht ausleihen würde, liegen bei ihm.

Er wurde nur flüchtig gegrüßt und interpretiert etwas für sich. Es gibt so viele Gründe, warum jemand einen anderen Menschen nicht grüßt: In Gedanken sein und jemanden nicht bemerken, traurig sein und auf den eigenen Schmerz fokussiert, noch nicht genug Kaffee intus und einfach zu müde.


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Ich hoffe, ich kann verständlich machen: Es hat oftmals nichts mit mir zu tun (in dem Fall mit dem Mann, der nicht gegrüßt wurde.) Doch gibt bei diesem Mann ein Gedanke den nächsten und er ist am Ende von seinen eigenen Gedanken überzeugt. Und handelt danach.

Abstand gewinnen zu diesen Gedanken hilft mir dabei. Auch die Unterscheidung:

Was ist jetzt mein Gedanke und was ist mein Gefühl ist mir hier wichtig.

Wie geht es dem Mann am Anfang vielleicht? Möglicherweise ist er verunsichert, weil es ihm wichtig ist, dass er gegrüßt wird. Anstatt auf sich selbst und seine Unsicherheit zu schauen, schaut er im außen nach der „Wurzel des Übels“. An dieser Stelle finde ich es für mich hilfreich, die Situation erst mal wie durch eine Kamera zu sehen, meine eigenen Bewertungen und Interpretationen von dem zu trennen, was passiert ist:

Mein Nachbar hat mich flüchtig gegrüßt.
Ende.

Dann kann ich schauen, wie es mir damit geht, was es in mir auslöst. Selbstreflexion ist hier der Schlüssel.

Und wenn ich dann gefunden habe, was da gerade so in mir vor sich geht, kann ich das Thema abhaken: Eben weil es so viele Möglichkeiten gibt, warum ich nicht gegrüßt werde oder ich suche das Gespräch, wenn es mir wichtig ist.
Nachfragen statt interpretieren: Ich weiß es besser! Ich weiß, was ein Mensch denkt und fühlt und was ihn bewegt: Nein! Das habe ich hinter mir gelassen. Das hat für mich auch eine ganze Menge mit Respekt zu tun.
Nicht nur mit Respekt: Sondern mit der Verantwortung für meine eigenen Gefühle.

Was die Geschichte mit dem Hammer für mich sehr gut ausdrückt: Es kann sich auf die Verbindung auswirken. Ich habe das für mich: „Jemandem eine reininterpretieren“ genannt.

Hier liegt für mich eine große „Gefahr“ von Interpretationen und sie als gegeben sehen: Ich handele danach und begegne diesem Menschen genau so. Das kann so viel zwischenmenschlichen Schaden anrichten!

Ich versuche auf Indikatoren bei mir zu achten:

– körperlich merke ich vielleicht einen Kloß im Hals und bin angespannt
– Gedanken kommen wie: „Er / sie macht das doch nur weil …“
– Kopfkino legt los

Dann atme ich erst mal ruhig durch. Ich mache mir bewusst, es sind nur meine eigenen Gedanken. Und ich trenne Beobachtung von Interpretation.

Fazit: Ich bin kein Hellseher, was in einem Menschen vorgeht, kann ich von außen nicht sehen.

Und ihr sicher auch nicht. Wenn ihr also das nächste Mal wieder interpretiert, fällt euch vielleicht die Geschichte mit dem Hammer wieder ein und ihr werdet euch dessen bewusst. Und dieses Bewusstsein kann davor schützen, dann den verbalen Hammer rauszuholen. Denn aus den eigenen Interpretationen können eben auch: Verurteilungen und Schuldzuweisungen werden. Und der andere weiß überhaupt nicht, was da gerade geplatzt ist.

mindfulsun

PS: Wie im Beitrag geschrieben, würde ich mich freuen, wenn ihr in den Kommentaren mit uns teilt, wann ihr das letzte Mal interpretiert habt und ob ihr das bemerkt habt.

mindfulsun
About me

Mensch, Mama zweier Jungs, die versucht ihre Werte zu leben und die innere Balance zu halten. Ich schreibe über Achtsamkeit, vegane Ernährung, Nachhaltigkeit und verbindende Kommunikation von Herzen. Was ich mir wünsche? Einander mit mehr Mitgefühl und Empathie zu begegnen, überall auf der Welt.

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