„Ich fühle mich einsam und allein“ – Ein Gespräch zwischen Mutter und Kind


Einsamkeit kann jeden treffen. Auch Kinder und Jugendliche. Da ich das Thema sehr wichtig finde, möchte ich gerne ein Gespräch zwischen Mutter und Kind mit euch teilen.

Ein Gespräch zwischen Mutter und Kind


Ich: Mama?

Mama: Ja?

Ich: Kann ich kurz mit dir reden?

Mama: Klar, was gibt’s?

Schweigen …

Mama: Was ist denn los?

Ich: Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll.

Mama: Sag mir bitte, was los ist! Ich mache mir Sorgen!

Ich: Nein, es ist überhaupt nichts Schlimmes.

Mama: Dann sag es mir.

Schweigen …

Mama: Bitte.

Ich: Okay.

Schweigen.

Ich: Es geht um die Schule.

Schweigen.

Mama: Hast du eine schlechte Note geschrieben?

Ich: Nein, es geht nicht um den Unterricht, sondern um die Leute.

Schweigen.

Mama: War irgendwer gemein zu dir?

Ich: Nein … Also doch … Aber nicht so richtig. Ich kann es nicht erklären.

Mama: Sag einfach, was passiert ist.

Ich: Es ist nicht nur eine Situation. Es ist immer. Ich fühle mich nicht wohl.

Mama: Warum?

Schweigen.

Ich: Weil die Leute mich ausschließen.

Schweigen.

Ich: Sie haben alle zu der Halloweenparty eingeladen, außer mich.

Schweigen.

Ich: Den ganzen Tag haben sie darüber geredet und ich konnte nicht mitreden … Weil ich ja nicht
eingeladen bin.

Schweigen.

Mama: Sie haben wirklich alle außer dich eingeladen? Auch Sandra?

Ich: Ja. Sogar meine Freundin Sandra. Aber nicht mich. Sandra hat heute die ganze Zeit damit angegeben, dass sie später auf die Party geht. Dabei wusste sie ja, dass ich nicht eingeladen bin.

Mama: Das ist gemein. Warum haben sie dich nicht eingeladen?

Ich: Keine Ahnung. Ich glaube, sie finden mich komisch.

Mama: Du bist doch nicht komisch!

Ich: Doch. Das ist ja nicht das erste Mal, dass sie mich ausschließen. Bei dem Treffen in den Ferien hat mich auch niemand eingeladen.

Mama: Frag sie doch einfach selbst, ob du hingehen kannst.

Ich: Nein, ich will mich auch nicht aufdrängen.

Mama: Dann frag Sandra, ob sie dich mitnimmt!

Ich: Ich lade mich doch nicht selbst ein! Sie wollen mich nicht dabeihaben! Sie wollen mich nie dabeihaben. Ich bin ihnen zu ruhig oder langweilig. Keine Ahnung.

Mama: Du bist das tollste Kind auf der Welt! Sag nie wieder, dass du langweilig bist!

Ich: Wenn du meinst …

Mama: Wenn sie dich nicht einladen wollen, ist das ihr Pech. Lass uns einfach eine eigene Halloweenparty schmeißen. Nur du, deine Schwester und ich.

Ich: Das ist armselig.

Mama: Warum? Das wird lustig!

Ich: Ich will einfach nur dazugehören …

Schweigen.

Mama: Warte nur ab. Die wahren Freunde kommen noch. Wenn diese Menschen dich nicht wertschätzen, ist das ihr Problem. Irgendwann wirst du zurückblicken und darüber lachen. Glaub mir. Du bist ein tolles Kind. Nicht langweilig, sondern einfach nur toll. Außerdem hast du deine Familie. Wir sind immer für dich da.


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Schweigen.

Ich: Mama?

Mama: Ja?

Ich: Kannst du mich umarmen?

Mama: Natürlich umarme ich dich.


Diesen Dialog hat es nie gegeben.

Ich erzählte meiner Mutter nichts von meinem Kummer. Ich gab ihr überhaupt nicht die Möglichkeit für mich da zu sein, weil sie keinen blassen Schimmer davon hatte, wie einsam ich mich seit dem Umzug nach Berlin fühlte. Sie wusste nicht, dass mich meine Mitschüler ausschlossen. Sie wusste nicht, dass ich verletzt war. Sie wusste nur, dass ich immer zu lachte und von meinen vielen Freunden sprach.

An jenem Halloweenabend zog ich ganz allein um die Häuser.

Meine damalige beste Freundin war auf der Halloweenparty und auch meine jüngere Schwester war irgendwo eingeladen. Als mir fast die Decke auf den Kopf fiel, weil immer wieder Kindergruppen an unserer Tür klingelten und nach „Süßes oder Saures“ fragten, schnappte ich mir einen Hexenhut und ging allein los. Meine Mutter fragte mich, wohin ich ging. Ich log und sagte, dass ich mich mit ein paar Freunden zum Süßigkeiten sammeln traf. Es war mir peinlich, zuzugeben, dass niemand mit mir Halloween verbringen wollte.

Nach einer Stunde kehrte ich mit meiner süßen Beute wieder. Dank Schoki ging es mir ein bisschen besser, aber ich war trotzdem traurig. Traurig, weil ich so tat, als wäre alles okay. Traurig, weil ich niemanden zum Reden hatte. Traurig, weil ich mich selbst armselig fand. Ich versank im Selbstmitleid und tat nach außen hin als wäre alles okay. Innerlich heulte ich wie ein Schlosshund.

Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich mir ein solches Gespräch wünschen.

Eine ehrliche Kommunikation, in der ich rede und Mama mir zuhört. Ich würde mir ihrer Worte zu Herzen nehmen und daran glauben, dass ich weder langweilig noch komisch bin, und irgendwann Freunde finden würde, die mit meiner introvertierten, reservierten Art klarkommen würden. Denn so kam es schließlich auch. Kein Jahr später lernte ich meine beste Freundin kennen, mit der ich noch heute ein Herz und eine Seele bin. Was in traurigen Momenten immer hilft ist Trost und Beistand. Und eine Umarmung.

Einsamkeit ist kein seltenes Phänomen.

Viele Kinder und Jugendliche fühlen sich einsam und mit ihren Gefühlen völlig allein. Ich möchte mit diesem Beitrag keine Ängste herbei schüren, aber meistens reden Jugendliche nicht halb so viel wie in ihrem Innern vor sich geht.

Neulich erst viel eine Bekannte von mir aus allen Wolken, als sie erfuhr, dass ihre Stieftochter sich seit einem Jahr selbstverletzte. Sie erfuhr es nicht durch sie, sondern durch ihr Tagebuch – aber das ist eine andere Geschichte, auf die ich demnächst mal genauer eingehen werde.

Mein Appel: Sucht also hin und wieder das Gespräch mit euren engstirnigen Kindern und Teenies auf.

Erkundigt euch, beobachtet sie, motiviert sie. Je aufgeschlossener sie sind, desto weniger habt ihr zu befürchten, dass sie etwas vor euch verbergen. Je tiefer das Vertrauen ist, desto höher ist die Chance, dass das Kind sich an euch wendet, wenn ihm oder ihr was fehlt.

Liebe Grüße

Mounia


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Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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4 Kommentare

Anna
Antworten 28. Mai 2020

Ach Mounia, was haben sie da verpasst, als sie Dich ausschlossen!!! Mensch benötigt eben viel Ausdauer, um die wahren Schätze zu heben <3

Maxime Perrotton
Antworten 30. Mai 2020

Ich erkenne mich sehr wieder obwohl ich immer mit meiner Mama hätte reden können.
Zum Glück ist mein Sohn ein sehr redseliges , aufgeschlossene Kind und wir reden viel und oft ❤

Schön geschrieben!

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