Keine Angst vor Reden halten. Vor vielen Menschen!


Meine Freundin Stephanie Jansen (und Co-Autorin eines Buches, das gerade in Entstehung ist) ist Lehrerin, hat schon mal Schulen aufgebaut und geleitet (eine davon übrigens mit mir) und schreibt hier über das Thema:

Reden halten. Vor vielen Menschen. Mit Blick auf die Kinder. Spannend, oder?

Eine Rede vor 500 Menschen halten ohne zu wissen worum es eigentlich geht und hinterher Standing Ovations bekommen? Der Traum eines jeden, der zu einem Jobinterview eingeladen wird, oder aber der Alptraum, je nach dem…

Eines Tages, als ich auf in der Stadt an einer Bushaltestelle stand, sprach mich eine ältere Dame an: „Frau Jansen, ich wollte mich nochmal bei Ihnen für die wunderbare Rede bedanken, die Sie gehalten haben!“

Ich muss sie vollkommen verstört angesehen haben denn ich hatte nicht die geringste Erinnerung an sie. Jetzt muss ich dazu sagen, dass ich zu der Zeit Schulleiterin einer dreizügigen Grundschule war und jeden Tag mit vielen Gesichtern konfrontiert wurde. Von Kindermädchen über Eltern und Großeltern hin zu Nachbarn. Ich bin kein Namen-Gesichter Mensch, ich bin ein Zahlen-Mensch.

„Ach, Sie erinnern sich wahrscheinlich nicht…“, sagte sie dann verlegen. „Ich bin die Großmutter von Maria.“. Maria war inzwischen in der 4. Klasse und die Rede musste die Einschulungsrede gewesen sein.
Peinlicherweise wusste ich nicht mal mehr was ich gesagt hatte….

Ich werde oft gefragt, wo ich es gelernt habe mich vor so viele Menschen zu stellen und oft aus dem Stehgreif zu sprechen, dafür müsse man ja sehr mutig sein…

Tatsache ist, dass ich nicht sehr mutig bin, sondern eher schüchtern, zumindest im Privatleben.

Aber sobald eine (imaginäre) Bühne da ist werde ich zum Tier. Warum also?

Die kurze Antwort ist: Ich bin Waldorfschülerin.
Jaja, ich kann auch meinen Namen tanzen wenn ihr wollt.

Die lange Antwort ist: Ab dem ersten Schultag, wenn unser Namen aufgerufen wird, sind wir es gewohnt auf die Bühne zu gehen. Also eigentlich ununterbrochen. Wir durchlaufen verschiedene Theaterstücke. Meistens in der 6., 8. und oft auch noch in der 12. Klasse. Dürfen uns regelmäßig, mindestens aber einmal im Jahr, auf Monatsfeiern dem Schul -und Elternpublikum mit verschiedenen Darstellungsformen (Gedicht, Schauspiel, Gesang oder Eurythmie) präsentieren und sind oft entweder im Schulchor oder dem Schulorchester. Nicht umsonst gibt es proportional viele Waldorfschüler, die Schauspieler werden.

Aber die eigentliche Darstellungsprobe ist der – Trommelwirbel…
„Zeugnisspruch“!

Jede Woche, immer an dem Wochentag an dem man geboren wurde (außer bei den Wochenenden, die werden verteilt), stellt man sich vor die GANZE Klasse und rezitiert den Spruch, den der Lehrer einem für das Schuljahr mitgegeben hat.

Alleine… möglichst hörbar und auswendig.

Diese scheinbare Qual macht sich aber bezahlt.

Mündliche Prüfungen oder Präsentationen waren nie schwierig, besagte Reden kein Problem, unterrichten noch weniger und Workshops zu halten ist für mich ein Genuss. Ich habe mit meiner großen Klappe sogar ein Stipendium bekommen, aber das ist eine andere Geschichte.

Jetzt ist die Waldorfschule wahrlich kein Konzept für jedermann, aber für die Sprach- und Darstellunsgausbildung, die ich im Prinzip im Vorbeigehen bekommen habe, müssen andere Menschen in Workshops viel Geld bezahlen.

Was kann man also tun als Eltern von Kindern, die auf ganz anderen Schulen gehen?

Nutzt den angeborenen Spiel-und Darstellungsdrang eurer Kinder und ermutigt sie sich zu verkleiden und euch Geschichten vorzuspielen. Kaspertheater mit angemalten Klopapierrollen geht genauso wie mit den klassischen Figuren. Seid verspielt und tauscht mal die Rollen.

Es steht eine Familienfeier an? Bindet eure Kinder oder Enkelkinder in die Rede mit ein. Singt gemeinsam laut und schief, leise und richtig. Gebt ihnen die Sicherheit und den Mut sich zu präsentieren. Aber bitte lacht niemals über falsche Töne bei Gesang oder Instrumentenmusik. Wenn man spielt schlüpft man zwar in eine Rolle, aber man gibt auch ganz viel von sich selber preis, insbesondere beim Musizieren.

Wer es aber schafft, vor bekannten Gesichtern zu sprechen, dem bereiten unbekannte Gesichter meist weniger Probleme.

Standing Ovations habe ich zwar nie bekommen, aber dass eine ältere Dame mich mitten in Berlin wiedererkannt hat und sich bedankte, war ein wunderbares Geschenk…

Liebe Grüße,

von Stephanie und Béa

P.S. Wie ist das bei euch? Redet ihr gern von Menschen? Und eure Kinder?

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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2 Kommentare

Carmen
Antworten 2. Mai 2019

Schade, ich dachte jetzt kommt ein passender Tipp für mich selbst, nämlich genau heute muss ich eine Rede vorbereiten die ich bald vor 50 Filialleitern eines Unternehmens halten soll (ich selbst bin Schichtleiterin in diesem Unternehmen). Aber die Tipps in dem Text kommen ja jetzt für mich zu spät... 🙈

    Béa Beste
    Antworten 2. Mai 2019

    Liebe Carmen, ich habe einen schnellen Tipp für dich, was mir selbst enorm hilft - stammt von meinem Rhetorikprofessor an der Uni: Denk einfach nur an dein Inhalt. Stell dir vor, dein Inhalt besteht aus ganz vielen Bällen, die das Publikum fangen soll. Und "wirf" diese Bälle ins Publikum, eins nach dem anderen. Nichts anderes ist ist wichtig: Wie du aussiehst, wie du sprichst. Die Leute sollen dein Inhalt "fangen"... Liebe Grüße, Béa

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