Kinder nicht in alte Rollenvorstellungen pressen!


Ich kenne Sylvia schon eine Weile: Sie ist Kindergarten-Leiterin und wir haben schon bei Phorms zusammengearbeitet. Neulich postete sie auf Facebook folgenden Status zu Rollenvorstellungen, den ich hier 1:1 weitergeben darf:

Das ist meine Ella, sie wird in diesem Monat acht und hat ein Bitte: Sie hat keine Lust in eine Geschlechterrolle gepresst zu werden. Ihr Leben wäre leichter, wenn ältere Damen bei Ķaisers sie nicht kopfschüttelnd ermahnen würde, dass doch „so kein Mädchen aussieht!“, wenn sie verschwitzt, mit Fussball unterm Arm und Löcher in den Hosen ihre Capri Sonne bezahlen will. Oder die junge Mutter bei H&M sie freundlich darauf aufmerksam macht: “ …Du bist in der falschen Abteilung, Mäuschen.“, wenn sie bei den „Jungs“ Sachen guckt.

Sie liebt Star Wars, ihre Carrera Bahn und ihr BMX Rad. Aber genauso gerne mag sie ihre Puppen, mir beim Kochen helfen und rosa Glitzerschuhe. Lassen wir die Kinder doch einfach gross werden ohne ihnen vorzuschreiben, wie sie ihre Geschlechterrolle auszufüllen haben. — genervt.

Ich halte das Thema für grundlegend wichtig, und mein ganzes Team findet auch, dass wir alles tun müssen, um etwas in unserer Gesellschaft zu verändern. Dazu haben wir schon mal als Team uns geäußert mit unseren Blog Post „Mehr Mut zum Ich“. Jetzt haben wir Fragen an Sylvia – als Mutter und erfahrene Erzieherin:

Liebe Sylvia, was können Mütter und Väter tun, um Rollenstereotypen zu vermeiden und ihren Kinder eine möglich freie Entwicklung zu ermöglichen?

Zuerst einmal ist es wichtig, dass die Beziehung zwischen Eltern und Kindern authentisch bleibt. Den Kindern ist wenig geholfen, wenn Eltern zwar bewusst Stereotypen entgegenwirken, dies dann aber überhaupt nichts mit der Lebenswirklichkeit des Kindes zu tun haben. Dazu zählt zum Beispiel die Anschaffung von Puppen für einen Jungen, der noch nie ein Interesse an Puppen bekundet hat. Die Identifikation mit dem eigenen Geschlecht findet schon sehr früh statt und sie gibt erst einmal auch Halt und Orientierung in der Entwicklung. Der Versuch, Kinder dazu zu drängen, vermeintlich typisches Verhalten und Interessen des anderen Geschlechts anzunehmen wird vermutlich scheitern. Dazu kommt, das Studien belegt haben, dass Kinder unnötig verwirrt werden und sich als Reaktion eher noch geschlechtstypischer verhalten.

Viel wichtiger ist es, dem Kind den Rücken zu stärken und selbstgewähltes rollenuntypisches Verhalten zu unterstützen. Wenn der Junior z.B. mit rotlackierten Fingernägeln in die Kita gehen möchte, dann stößt man in der Garderobe eventuell auf hochgezogene Augenbrauen. Da kann man dann ruhig selbstbewusst erzählen, wieviel Spass es gemacht hat die Nägel anzupinseln. Und die freundliche Frage in die Runde: „Sieht hübsch aus, oder?“ zeigt dem Sohn, dass der Papa sich ernsthaft über die visuelle Verschönerung der Kinderhände freut. Wichtig ist es unseren Kindern zu vermitteln, dass wir ihre Interessen jederzeit ernst nehmen, wir gemeinsam mit ihnen nach Möglichkeiten suchen diesen nachzugehen und wir stets an ihrer Seite stehen, wenn sie sich mit rollenuntypischen Verhalten durch die Gesellschaft navigieren.

Die Grundaussage sollte sein: Du bist nicht einfach ein Junge oder ein Mädchen, sondern ein Mensch mit Talenten, Neigungen und Interessen. Ich bin stolz auf dich!

Derart fest verwurzelt, werden Kinder mit dem nötigen Selbstvertrauen ausgestattet aus eigenem Antrieb ihre Geschlechterrolle verlassen und sich Freiräume erschließen, die völlig unabhängig von ihrem Geschlecht, ihren individuellen Interessen entsprechen.

Wie machst du das als Kindergarten-Leiterin? Worauf achtest du besonders?

In der frühkindlichen Bildung spielt die geschlechtssensible Pädagogik eine wichtige Rolle. Sie basiert auf der Erkenntnis, dass das Geschlecht eines Menschens seine Lerngeschichte und die Aneigung von Fertigkeiten und Wissen beeinflusst. Um den Kindern die Möglichkeit zu schaffen, sich auf Grund ihrer indviduellen Neigungen und Interessen zu entwickeln, müssen die Handlungsspielräume der Kinder erweitert werden. Dazu sind öffentliche Räume wie Kindergarten und Schule ideale Orte: Erzieherinnen und Erzieher können gezielt beobachten und positive Rückmeldung geben, wenn Kinder sich im „rollenuntypischen“ Verhalten ausprobieren. Dabei geht es aber natürlich nicht um „Umerziehung“. Lediglich die bewusste Wahrnehmung von Verhalten der Kinder vor dem Hintergrund des jeweiligen Geschlechts. Darauf basierend kann dann eine Spiel-und Lernumgebung geschaffen werden, in der sie sich ausprobieren können und sich ihre Fähigkeiten idealerweise geschlechtsunabhängig entwickeln.

Oft können die Kinder sich auch untereinander in ein bestimmtes Rollendenken „schubsen“ – wie sollten wir Eltern reagieren? 

Es ist wichtig sich zu verdeutlichen, dass Geschlechtspositionen immer in der jeweiligen Kultur verankert sind. Im Rahmen der Sozialisation übernehmen die Kinder diese Positionen und damit eben auch zunächst die gängigen Stereotypen. Dabei spiegeln sich in ihren Aussagen und Handlungen nicht unbedingt die Werte und Vorstellungen wieder, die sie im Elternhaus vermittelt bekommen.

Ich erinnere mich beispielsweise an einen Jungen, der sich strikt geweigert hat, bei einem Spiel mitzumachen, weil er nicht akzeptieren konnte, dass ein anderer Junge die Rolle der „Krankenschwester“ übernehmen wollte. Nach dem Motto: Arzt ja, Krankenschwester nein. Beruf seines Vaters: Hebamme. Eltern sollten in solchen Fällen nicht ermahnen, reflexartig korrigieren oder gar entsetzt reagieren. Vielmehr hilft es in der unmittelbaren Umwelt des Kindes nach geschlechtsuntypischen Rollen zu „stöbern“. Daran erinnern, dass die Oma von einem Mann gepflegt wird, der Kinderarzt eine Frau ist und der Bus heute morgen von einer Frau gelenkt wurde. Das regt die bewusste Auseinandersetzung mit den jeweiligen Geschlechterrollen an und hilft langfristig Stereotypen aufzubrechen.

Liebe Sylvia, vielen Dank für das Interview!

Liebe Grüße,

Béa

P.S.

Auch andere Themen und Erlebnisse von euch sind uns willkommen!
S
chickt uns am besten eine PN über den Messenger: https://m.me/tollabea
(übrigens, dann fragt euch das Ding, ob ihr News von uns erhalten wollt…
Ein „Ja, geht klar, würde uns freuen!)

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

DAS KÖNNTE DIR AUCH GEFALLEN

Verlustängste bei Kindern: Wenn der beste Freund plötzlich weg ist – Frage aus der Community
16. Jul 2019
Gedanken von ErzieherInnen und LehrerInnen, die beweisen, dass wir wunderbare Menschen in der Bildung haben
06. May 2019
„Raus aus der Kita! Dein Kind ist anders“ – Gastbeitrag einer Mutter über den Rauswurf aus der Kita
24. Apr 2019
Probleme in der Kita: Vielleicht mobben die ErzieherInnen mein Kind?
22. Apr 2019
Die vergebliche Suche nach einem Kitaplatz – was tun?
17. Jun 2018
Warum wir vor allem Mädchen zu mehr Mut erziehen müssen
10. Jun 2018
Selbstwertgefühl von Mädchen mit den Warner Bros. DC SUPER HERO GIRLS stärken * Werbung mit toller Verlosung
08. Feb 2018
Was macht eine richtig gute Kita aus? Und was nicht? – 5 Tipps aus der Community
04. Feb 2018
Elternsorgen zur Kita-Situation in Deutschland
22. Jan 2018

Einen Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit einem Stern (*) markiert.