„Redet nicht durch Blumen. Redet kurz und klar.“ – Beitrag von Jörg Lindner zum Leben mit Asperger-Syndrom


Als wir neulich hier einige Gedanken einer Mutter publiziert haben, die gerade mit einem ihrer Kinder an den Rand der Nerven kam (aus welchen Gründen auch immer – zu diesem Thema werden wir noch gesondert Stellung nehmen, weil die Reaktionen dazu sehr heftig waren)… kam von Jörg Lindner ein wunderbarer Kommentar zum Thema Leben mit Asperger-Syndrom. Eigentlich eine Anleitung zum Leben mit Asperger-Menschen.

Wir sind sehr dankbar, dass Jörg sich einverstanden erklärt hat, seine Kommentare im Blog festhalten zu dürfen.

Wir geben das in Gänze wieder, weil jedes Wort davon wertvoll ist, aus unserer Sicht:

Ein Aspie findet den Teil der Gesellschaft, an dem er teilhaben will. Die Familie kann Teil dieser Welt sein, muss es aber nicht.
Menschen sind anstrengend, wir lieben Menschen, aber sie sind soo exhausting… Von daher brauchen wir unsere Alleinzeit. Bekommen wir die nicht reagieren wir nicht selten aggressiv.

Wir reden, wenn es wichtig ist. Und nur dann. In Gruppen ist es selten wichtig… Aber wenn du dich 2 Stunden über die Besonderheiten Plutos unterhalten willst, wir sind dabei!!

Die Normen eurer Gesellschaft… wir würden sie gerne befolgen, aber wir verstehen sie nicht. Ihr macht Andeutungen was adäquates Verhalten wäre, wir nehmen sie nicht wahr. Ihr denkt, aber das ist doch selbstverständlich, aber wir schauen euch nur unverständig an… Redet mit uns, sagt uns was ihr wollt in klaren Worten. Wir müssen jeden Punkt im Zusammenleben lernen, Dinge die für euch wie atmen sind müssen wir lernen und dann bewusst tun – das ist sooooo anstrengend.

Ihr versteht uns nicht, wir nehmen das hin und versuchen das zu akzeptieren.

Es wäre einfach super wenn ihr auch sehen würdet, das wir euch genau so wenig verstehen.

Mal ein Beispiel: OK, ich habe gelernt, dass man fragen muss, wenn man das letzte Stück Kuchen haben will. Aber wenn dann keiner was sagt nehme ich es. Eine zweite Frage dürft ihr nicht erwarten. Ich werde weder verstehen, noch freundlich tolerieren dass du anschließend pissig bist – ich habe gefragt, selbst schuld.

Andererseits man muss uns nicht 5 Mal fragen, ob wir irgendwas wollen. Wir sagen auf die erste Frage ja oder nein. Damit ist alles gesagt. Alles andere nervt!

Wenn ihr etwas fragt, rechnet mit einer Antwort.

Wenn ihr wollt, das ich etwas tue dann sagt das. Nicht „Möchtest du Oma nicht helfen?“ Denn ich sage nein, wenn ich da grad kein Bock habe. Sagt auch nicht: „Duuu? Oma könnte Hilfe brauchen…“ Weil dann denke ich „Du hast es bemerkt, also wirst du ihr helfen aber warum zum Geier sagst du mir das??“ Sag: „Hilf Oma!“

Seid nicht höflich, dieses Konzept ist unverständlich, zeitraubend und einfach nur nervig.

Redet nicht durch Blumen. Redet kurz und klar.

Lebt uns keine Werte vor. Entweder sehen wir das nicht, oder es ist für uns nicht wichtig. Erklärt uns die Werte und erklärt uns warum das wichtig ist. Wenn es für uns keinen sinnlosen Aufwand darstellt werden wir das tun. Wir mögen das Leben einfach und wir verstehen irgendwie dass das Leben einfacher ist wenn wir eure komischen Konventionen einfach emulieren. Aber lebt auch damit, wenn wir es für „Schwachfug“ halten…

Wir sind gerne mit euch zusammen. Wir lieben euch. Wenn wir das nicht täten wären wir nicht da.
(Auch so eine Konvention die wir nicht verstehen, warum muss man irgendwo hingehen auch wenn man die Leute nicht mag – ihr macht euch das Leben doch selbst schwer).

Wir lieben und hassen ungehemmt ohne Filter.

Wir sind ehrlich und bis in den Tod loyal. Wir glauben, dass alle Menschen gut sind, bis das Gegenteil bewiesen ist. Wir werden schmerzlich lernen, dass das nicht so ist und wir werden das nicht akzeptieren. Fangt uns auf wenn es soweit ist.

In uns lebt ein unglaublich starkes ungehemmtes Monster. Wir mögen es nicht. Wir legen es in feste Ketten, aber es wehrt sich. Wir lieben es uns unter Kontrolle zu haben, aber das Monster ist stärker als wir.

Manchmal, wenn die Welt wieder gemein war, dann kuscheln wir uns an es und dann sagt es uns was es gerne mit der Welt tun würde…
Ihr wollt das nicht wissen.

Manchmal, wenn ihr uns in die Enge treibt, wenn ihr ungerecht seid, wenn wir keinen Ausweg mehr sehen, dann lösen wir die Ketten. Dann übernimmt das Monster mit all seiner Wut und Kraft. Wir haben dann keine Kontrolle mehr.

Manchmal, wenn ihr uns zu viel Kraft kostet. Wenn ihr uns keinen Platz zum atmen lasst reicht die Energie nicht mehr für die Ketten aus dann reisst es sich los.

Wenn es soweit ist lasst ihm Raum. Wir werden alles tun es wieder einzufangen – wir mögen es nicht so zu sein. Aber wenn ihr uns Zeit Raum und Kraft nicht lasst um das Monster wieder einzufangen dann sind wir hilflos. Es ist stärker als wir und einmal frei haben wir keine Kontrolle mehr. Vielleicht schaffen wir es uns heulend zusammen zu rollen, vielleicht schaffen wir es Gewalt gegen Sachen zu richten. Mehr können wir gegen das verdammte Monster nicht tun.

Helft uns dass es nicht frei kommt und wenn doch gebt uns Raum und Zeit es wieder einzufangen. Wir mögen es nicht so zu sein!

So ist meine Sicht der Dinge, das ist meine Welt. Jeder Aspie ist anders.

Manche wirken kalt und gefühllos andere brennen vor Emotionen. Jeder Aspie ist anders genauso wie jeder von euch NTs  (Neurotypisch, also Menschen, die keine neurologische Besonderheit, wie zum Beispiel Autismus, ADHS oder Depressionen aufweisen. – Anm. der Redaktion) anders ist. Schiebt uns nicht in Schubladen, in die keiner von uns passt. Wenn wir uns z.B. irgendwo begegnen wirst du wahrscheinlich nicht merken, dass Dinge bei mir anders sind.

Nehmt uns ernst. Es ist schwer genug zu formulieren wo unsere Probleme liegen. Aussagen wie „Ach das habe ich auch“ oder „Quatsch so ist das gar nicht“ helfen uns nicht, sondern stoßen uns zurück in unsere Welt.

Wenn ich dir nicht 100% vertraue, dann wird meine Abwehr oben bleiben. Ich werde nie die Freiheit genießen so geliebt zu werden, wie ich nun einmal bin und du wirst nie wissen, wer ich wirklich bin.

Wenn du mich kennst, dann weißt du um meine Stärken und Schwächen. Das sind dann die Momente wo das Leben herrlich ist. Raum zu haben um zu sein wie man ist, ohne Mauern um einen rum, ohne Maske die man aufbaut um nicht anzuecken. Gebt uns diesen Raum, ihr Eltern schafft euren Kindern im Spektrum diesen Raum.

Da draussen in der Welt brauchen wir Sicherheit.

Beispiel: Ich liebe es auf Konzerte zu gehen. Aber ich könnte das niemals alleine tun. Eine Masse fremder Menschen verwischt in meinem Kopf zu einem Meer, einer Masse ohne fassbare Gesichter, die Geräuschkulisse verschwimmt zu einem bedrohlichen Rauschen. Ich habe Glück, mir reicht ein vertrautes Gesicht, ein Mensch bei dem ich weiß, der holt dich im Zweifel hier raus. Der weiß, wo er ist und wo du bist. Dann kann ich mich fallen lassen und der Musik hingeben.Bei mir sind das Freunde, bei Zwergen im Spektrum müssen die Eltern dieser Held sein, der Fels in der Brandung auf den ich mich blind verlassen kann, der Hafen in den ich immer zurück kann wenn die Welt da draußen über mir zusammenschlägt.

Vielleicht können wir es nicht zeigen, vielleicht kann dein Aspie nicht so gut „Ich liebe dich“ sagen, aber wir brauchen euch – vielleicht brauchen wir euch sogar mehr als die NT Geschwister mit denen das Leben vielleicht einfacher ist. Wir brauchen Eltern, Geschwister, gute Freunde und besonders brauchen wir euch wenn wir noch nicht unseren Weg gefunden haben mit der NT Gesellschaft umzugehen.

Ich behaupte, ich habe meinen Weg gefunden. Ich lebe alleine, würde es gar nicht anders wollen. Aber ohne die wahren Freunde. Einige von denen konnten das hier ja jetzt lesen… was mich grade etwas beängstigt.

Ohne meine echten Freunde könnte ich nicht so leben wie ich das tue und will.

Lieber Jörg,

Danke für die Erklärungen! Wir haben alle etwas besser verstanden, was wir tun und lassen sollen.

Bestimmt gibt es noch mehr zu lernen. Wer uns mehr davon nahe bringen will, ist uns herzlich willkommen! 

Liebe Grüße,

Béa

 

Yvonne Petzke
About me

Berliner Mom of 3 * Sport (Marathon) * Reisen * Natur * Mode * Beauty * * Aktuelles und Persönliches über mich und mein Leben findet ihr auf Instagram unter @yvonne_tollabea

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2 Kommentare

anonym
Antworten 27. Mai 2018

Sehr schön beschrieben, besonders mit dem Monster. Danke fürs Teilen.

Endlich mal wieder jemand, der sagt wir lieben und brauchen euch - wir sind keine empathielosen Zombies. Im Gegenteil, oftmals fühlen wir sogar viel zu intensiv, empfinden viel zu viel, auch auf zwischenmenschlicher Ebene. Aber es macht uns Angst, wir haben Angst aufzufallen, Angst die Kontrolle zu verlieren, Angst etwas falsch zu machen. Besonders als Kinder wollen wir doch alle unseren Eltern gefallen, doch die Angst nicht verstanden zu werden, zu nerven oder dass gar mit uns geschimpft wird ist riesengroß.
Also lernen wir uns anzupassen und unauffällig zu sein - zu unauffällig. Wir verschließen uns, fressen alles in uns rein, bis das Monster ausbricht oder wir zusammenbrechen.
Wir wirken kalt, gefühlslos und uninteressiert, aber das Gegenteil ist der Fall, Doch wir können es nicht zeigen. Wir wissen nicht wie - instinktive Reaktionen fehlen uns, deshalb wirken wir aufgesetzt, kühl oder wunderlich...

Das war nun sehr durcheinander und viel auf einmal, ich habe aufgeschrieben was mir spontan dazu in den Sinn kam.

Ich bin selber Autistin und Mutter von zwei kleinen Kindern. In meiner Kindheit wusste jedoch niemand von meinem Autismus und es war eine harte Kindheit, ich hoffe, dass Eltern autistischer Kinder sich Hilfe und Rat holen.
Ihr leidet unter der Art eurer Kinder, daran zweifelt niemand, aber glaubt mir, sie leiden sehr viel mehr, wenn Sie sich unverstanden und unerwünscht fühlen und das passiert leider sehr viel schneller als ihr glaubt.
Autisten sind nicht kühl - wir verschließen uns nur, um uns zu schützen.

Bei Fragen oder Interesse an meinen Erfahrungen stehe ich liebend gerne zur Verfügung.

    Béa Beste
    Antworten 27. Mai 2018

    Oh, vielen lieben Dank für dieses wunderbare Kommentar. Hättest du Lust, das mit den Emotionen in einem Gastbeitrag noch mal genauer zu erklären? Wie kommen deine Kinder mit deinem Autismus klar? Wie erklärst du ihnen, dass du vielleicht anders reagierst? Und wie kommst du klar mit Trotzphasen und Wutanfällen? Liebe Grüße, Béa

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