Selbstregulation funktioniert nicht mit: „Geh in dein Zimmer und komm erst wieder raus, wenn du dich beruhigt hast.“


… heute ist wieder mindfulsun dran!

Als Béa mich vor über einem Jahr gebeten hat, für Tollabea zu schreiben, habe ich nicht geahnt, dass daraus mal eine eigene Kolumne werden würde. Und nun schreibe ich wöchentlich über Themen, die mir am Herzen liegen.

Was mir dabei wichtig ist: Es sind keine Ratschläge und ich maße mir nicht an, andere Menschen belehren zu wollen. Es ist Selbstreflexion – was ich durch Achtsamkeit und gewaltfreie Kommunikation gelernt habe und wie es die Beziehung zu meinen Söhnen verändert hat. Auch worüber ich heute schreibe, ist sicher nicht allgemeingültig, sondern meine Erfahrung.

Heute geht es um Emotionale Regulation / Selbstregulation…

… und zu diesem Thema fiel mir ein:
„Geh in dein Zimmer und komm erst wieder raus, wenn du dich beruhigt hast.“

Oder auch: „Jetzt geh in dein Zimmer und denke mal darüber nach, was du gemacht hast!“

Ich habe das als Mutter selten genutzt, als Kind allerdings selbst oft erfahren.

Es gibt Situationen, da kochen die Emotionen über. Damit sich die Lage beruhigt und mein Sohn etwas daraus lernt, schickte ich ihn in sein Zimmer.

Aus Hilflosigkeit und eigener Verärgerung dann mein Kind in sein Zimmer zu schicken, empfinde ich heute als falsch.

Meine Jungs sind jetzt auch in dem Alter, wo das eh nicht mehr funktionieren würde. Es steht hier an erster Stelle selbst zu lernen, mit meinen Impulsen und Reaktionen achtsam zu sein. Ich konnte das nicht richtig, ich habe das als Kind nicht gelernt.

Erst Achtsamkeit und Meditation haben mir geholfen, mit derartigen Emotionen richtig umzugehen. Und das ist ein Prozess! Wenn ich also merke, ich reagiere verärgert auf mein verärgertes Kind: Durchatmen! Mir selbst die Zeit nehmen runterzukommen, bevor ich vorschnell reagiere. Und meine Jungs auf ihre Zimmer zu schicken, war vorschnell.

Was lernen eigentlich Kinder daraus, wenn ich sie in ihre Zimmer schicke?

Hier habe ich meine Jungs heute mal gefragt, wie sich das für sie angefühlt hat: Sie haben sich alleine gelassen gefühlt, verängstigt und missverstanden.

Wenn meine Eltern mich auf mein Zimmer zum Nachdenken geschickt haben, habe ich auch ganz bestimmt nicht darüber nachgedacht, was ich „falsch“ gemacht habe. Oft genug war ich wütend auf meine Eltern. Auf meine Wut aus der Situation kam noch die Wut auf die Person, die mich wegschickte. Niemand war da, der mir gezeigt hat mit diesen Emotionen umzugehen. Wenn ich dann – scheinbar beruhigt – aus meinem Zimmer kam und die geforderte Entschuldigung murmelte, dann nur, weil es von mir erwartet wurde. Gelernt habe ich daraus nichts, die Situationen wiederholten sich. Ich konnte Ärger, Frust und Wut nicht richtig regulieren. Und mir hat auch niemand beigebracht, dass ja Gefühle dahinter stehen: wie z.B. Verzweiflung, Hilflosigkeit oder Schmerz.

Wo meine Eltern also annahmen, ich habe was gelernt in der Auszeit, war ich nichts mehr als ein kleiner Pawlowscher Hund, darauf trainiert zu funktionieren.

Wo meine Eltern dachten: „Funktioniert doch!“ möchte ich ihnen heute sagen: „Es tut mir leid, ihr habt euch getäuscht.“

In meiner eigenen Kindheit steckte für mich auch die Botschaft dahinter: „Solange du dich nicht beruhigt hast, ignorieren wir dich.“ Und das hat viel Schaden bei mir angerichtet.

Als ich also meine Jungs in ihre Zimmer schickt, lernten sie auch: Alleine gelassen werden mit unangenehmen Gefühlen, vielleicht auch mit Scham und Schuldgefühlen. Möglicherweise auch mit dem Gefühl: Mit ihnen stimmt etwas nicht. Das ist nicht gut für das Selbstwertgefühl!

Was natürlich nicht funktioniert, im größten emotionalen Chaos mit einem Kind zu argumentieren.

Wertvoll finde ich, wenn wir uns bewusst werden: Oh, in mir kocht gerade etwas hoch! Dann nehme ich mir auch mal eine Auszeit und setze damit ein Vorbild, damit meine Jungs auch lernen: „Ich brauche einen Augenblick, um mich zu sammeln und dann können wir weiterreden.“ Manchmal verlasse ich dann den Raum, manchmal schaffe ich es mit Atemübungen, mich zu regulieren. Auf jeden Fall habe ich meinen Jungs gezeigt: Wenn ihnen danach ist und sie eine Auszeit brauchen, können sie sich selbst zurückziehen.

WHEN AWARENESS IS BROUGHT TO AN EMOTION,
POWER IS BROUGHT TO YOUR LIFE.

Tara Meyer Robson

Und nicht: Ich nutze meine Autorität oder aus meiner eigenen Hilflosigkeit, „verbanne“ ich sie in ihre Zimmer. Dieses Wort fiel hier nämlich auch, als wir uns heute zu diesem Thema ausgetauscht haben: Die Jungs fühlten sich auch in dem Moment „verbannt“.  Ich habe nun gemerkt, ich habe meine Kinder eigentlich damit bestraft, sie in ihr Zimmer zu schicken.

Ich möchte nicht bestrafen, und auch nicht, dass meine Kinder ihre Gefühle unterdrücken!

Wie gesagt, diese „Methode“ habe ich mit meinen Kindern sehr selten praktiziert und wenn ich heute darüber reflektiere, fühle ich eine gewisse Traurigkeit: Ich habe Momente verpasst, in denen ich meinem Kind mit Mitgefühl und Empathie hätte begegnen können. Und herausfinden, was hinter dem Ausbruch steckte.

Zum Beispiel:

1. Mich selbst regulieren!

2. Mit Mitgefühl und Empathie reagieren.

3. Wirklich zuhören, ohne werten und urteilen.

Einfach zuhören und vielleicht leise wiederholen, was das Kind sagt oder überhaupt nichts sagen. Nur empathisch reagieren. Zuhören beruhigt hier auch heute noch. Und beim Erzählen finden meine Jungs oft selbst heraus, warum genau sie denn nun so verärgert sind und was dahinter steckt. Das ist so wertvoll!

4. Den Jungs eine Auszeit anbieten und nicht verordnen! Vielleicht auch dafür eine Kuschelecke oder ähnliches einrichten.

5. Kleine gemeinsame Momente zur Beruhigung und Selbstregulation.

Hier ein kleines Beispiel für eine Atemübung zur Beruhigung. Kerzen auspusten – gerne auch gemeinsam: Die Hand hochhalten und jeden Finger anpusten, jeder Finger ist eine Kerze. Tief durch die Nase einatmen und die Kerzen nacheinander – durch den Mund – kräftig auspusten. Atemübungen helfen, Stress abzubauen und beruhigen.

Vielleicht klingt das alles für einige zu esoterisch. Für uns hat der gemeinsame Umgang mit unangenehmen Emotionen eine stärkere Bindung zueinander gebracht.

„Children will listen to you after they feel listened to.“
– Jane Nelsen

Durch mein Vorleben der Selbstregulation haben meine Kinder jede Menge für sich selbst gelernt. Und wenn alle Stränge reißen, geht jeder von uns erst mal von sich aus in sein Zimmer, um sich zu beruhigen. Und dann treffen wir uns wieder zum Gespräch oder einfach einer Umarmung.

Eure

mindfulsun

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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2 Kommentare

Doro
Antworten 18. Oktober 2019

Einfach nur danke. Kam genau zum richtigen Zeitpunkt!

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