Mathe sichtbar machen – Gastbeitrag von der „Schlimmen Helena“


Das Thema Mädchen und Mathe hat schon einige Gemüter erhitzt, bewegt, zum Nachdenken gebracht. Ich habe euch noch einen weiteren Beitrag versprochen mit vielen Meinungen von euch. Aber Helena, aka „Schlimme Helena“ auf Twitter, hat mir nun einen ganzen, wunderbaren Text geschickt mit einem Ansatz, den ich nur befürworten kann.

Mathe sichtbar machen!

Das Leben ist schon lustig. Du wirst geboren, wirst groß, bekommst deine ersten Glaubenssätze mitgegeben, wirfst die ersten über Bord, wirfst in der Pubertät alle über Bord, wirst dann reif und gefestigt und kennst und verstehst die Welt und alles was mit ihr zu tun hat.


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Dann wirst Du Mutter.

Und Deine Glaubenssätze bröckeln zum Teil auf Krümelgröße zusammen, während Du mit Deinem Kind neue gewinnst.

Einer meiner festen Glaubenssätze war, dass jeder Mathe kann. Zumindest das, was man in der Schule lernt an Mathe. Und ganz sicher den Teil der Mathematik, den man in der Grundschule lernt. Man muss schon eine handfeste Dyskalkulie haben, um Grundschulmathe nicht zu können. Dachte ich. Bis eines Tages mein Kind bei den Hausaufgaben sagte „Ich kann Mathe einfach nicht.“. Und das bereits in der zweiten Klasse.

Dabei hatte ich selber bereits im Kindergarten am liebsten mit meinem Vater gerechnet auf langen Autofahrten. Ich war lange die Beste in Mathe, bis meine Hormone mich etwas unfokussiert werden ließen. Und ich habe einen mathelastigen Studiengang abgeschlossen. So sehr, wie ich Mathe immer gemocht habe, war mir klar, dass meine Kinder mit einem positiven Zugang zur Mathematik groß werden würden. Sie würden Mathe nicht nur können, sie würden es mögen, es würde ihnen keine Angst machen.

Und dann das: „Ich kann Mathe einfach nicht.“

Es fing bei meiner Tochter nach einem Schulwechsel in der Grundschule an. Sie kam aus einem anderen Bundesland, das zwei Monate später ins neue Schuljahr gestartet war. Daher war sie in der neuen Klasse in Mathematik etwas hinterher. Und sie bekam schnell die ersten Rückmeldungen von Mitschülern, dass sie Mathe wohl nicht könne. Da war sie 8 Jahre alt. Mit 8 Jahren glaubt man so was. Bei den Hausaufgaben merkte ich das noch nicht. Sehr wohl merkte ich, dass sie sich oft schwer tat. Sie war unkonzentriert und es kostete Mühe sie immer wieder auf die Aufgaben zu fokussieren. Aber ich hielt das für Träumerei. Stattdessen hatte sie da bereits begonnen sich selber im Kopf zu blockieren und jedes Mal bei einer falsch gelösten Aufgabe zu bestätigen, dass sie in Mathe nicht gut sei.

Als dann in der dritten Klasse noch die Noten dazu kamen, hatten wir es sogar schwarz auf weiß. Gut war sie nicht. Aber auch weit weg davon schlecht zu sein, dachte ich.


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Die Noten wurden jedoch schlechter. Und die Mathehausaufgaben wurden eine Qual. Im ersten Reflex übte ich mit ihr zusätzlich in Übungsheften. Der Lerneffekt war gleich null und unsere qualvollen Stunden am Schreibtisch dafür doppelt so lang.

Bis bei mir der Groschen fiel.

Wir hatten überhaupt keinen positiven Zugang zu mathematischen Themen.

Mathe fand bei uns nur am Schreibtisch bei den verhassten Hausaufgaben statt. Kein Wunder, dass wir aus der Frustspirale nicht mehr herauskamen.

Eine Änderung musste her!

Zuerst strich ich die zusätzlichen Übungshefte. Ich besprach mit meiner Tochter, dass wir lediglich die Hausaufgaben so schnell und gut wie möglich machen würden. Danach war zur Belohnung frei.

Zusätzlich fing ich an die Mathematik in unserem Alltag sichtbarer zu machen. Den Zahlenraum bis 1000 zu erfassen und verstehen, kann man zum Beispiel toll beim Abwiegen von Zutaten beim Backen und Kochen üben. Bei Plätzchenrezepten machte ich gerne die doppelte oder dreifache Menge. Wir mussten also alle Zutaten mal zwei oder drei nehmen. Beim Einkaufen rechneten wir Preise aus oder überschlugen was der Einkauf kosten würde. Wir verglichen Preise miteinander.

Wir hatten also den ganzen Tag über immer wieder mit Mathe zu tun.

Und wir trafen eine Abmachung, dass mir die Noten egal sind. Ich zeigte meiner Tochter, wo sie überall gut war in Mathe. Bei den Hausaufgaben zeigte ich ihr Tricks, wie man besser rechnen kann. Wir rechneten mit Zwischenschritten, die wir fast rhythmisch aufsagten. Denn Musik ist auch noch so ein Bereich, der äußerst mathematisch ist.

Heute ist meine Tochter immer noch keine von den guten Matheschülerinnen. In der Schule. Und zwar ausschließlich bei den schriftlichen Arbeiten. Aber sie sagt jetzt nicht mehr, sie könne Mathe nicht. Sie sagt, dass sie bei Mathearbeiten Probleme hat und oft nervös ist und ängstlich. Aber das wird besser. Denn sie weiß auch, dass sie rechnen kann. Sie geht oft alleine einkaufen und muss mit dem Geld dabei haushalten. Sie plant ihre Käufe entsprechend gut. Sie kann prima Zutaten abwiegen und im Kopf überschlagen, wann sie anfangen muss langsamer abzuwiegen, weil sie sich dem Zielgewicht nähert. Und sie hat wieder Spaß an den Mathehausaufgaben. Nicht immer. Aber zum größten Teil.

Und ich bin mir sicher, eines Tages wird das in den Mathearbeiten auch so sein.

Helena,

deren Backrezepte ihr bei Nordisch.info findet. 

Kennt ihr das auch? Habt ihr auch Lösungen gefunden? Teil 3 von „Mädchen und Mathe“ ist immer noch in der Mache!

Liebe Grüße,

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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4 Kommentare

Mutterseelesonnig
Antworten 31. Januar 2017

Meine Tochter war ganz gut in Mathe und wurde aber ab der 3. Klasse immer schlechter, besonders im Kopfrechnen. Dann habe ich festgestellt, daß die Lehrerin die Punkte bei den Klassenarbeiten nicht richtig zusammen zählt und sich auch bei den Korrekturen verrechnet. Drauf angesprochen sagt die Frau lächelnd "ich kann halt nicht Kopfrechnen". Schön, bei solchen Vorbildern wundert mich nix. Nach der 4. Klasse ist die Tochter auf die Waldorfschule gewechselt, hat einen tollen Lehrer erwischt, der anschaulich und lebendig Mathe erklärt und sie ist eine der Besten in der Klasse. Und ihr macht Mathe wieder Spaß! Es ist die eine Sache, wie ich als Mutter Mathe finde und in den Alltag einbaue. Die andere Sache ist der Lehrer / die Lehrerin, die tagtäglich vor dem Kind stehen und Mathe rüberbingen.

Starky
Antworten 31. Januar 2017

Mathe ist bei uns zu 100% Lehrer abhängig. Meine Tochter steht sich bei Mathe oft selbst im Weg. Wenn sie eine Lehrerin/ Lehrer der es versteht es für sie schlüssig zu erklären und sie zu motivieren ist alles gut. Dieses Jahr hat sie leider Pech. Die Lehrerin hat klassisch den Beruf verfehlt. Wir haben uns auf Schadensbegrenzug geeinigt, Kopf einziehen, schauen, dass man nicht in die Versetzungsgefährdung abrutscht und aufs nächste Jahr hoffen. Sie versteht schon die Formulierung der Lehrerin nicht (ich übrigens auch tlw. nicht) und hat inzwischen eine Blockade. Glücklicherweise ist sie inzwischen in einem Alter, wo sie nicht gleich denkt sie ist zu blöd, sondern auch erkennt, dass sie hier mit der Art der Lehrerin nicht klarkommt. Aber Mathe wird nie ihr Lieblingsfach sein.

Aria Weidmann
Antworten 17. April 2021

Bei uns sieht es ganz genauso aus, ich habe irgendwann bemerkt, dass meine Tochter sich immer schwerer mit den Aufgaben tut. Schnell haben wir uns zu einer Mathe Nachhilfe entschieden. Ich finde den Gedanken aber wirklich toll, die Mathematik im Alltag viel sichtbarer zu gestalten und so den Zugang zu schaffen. Ich backe so viel und gerne, da ist es doch eine Leichtigkeit, da alles deutlicher zu zeigen und so meiner Tochter auch die Gelegenheit zu Selbsterkenntnis zu bieten.

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