#metoo Opfer müssen reden dürfen. Und reden können. Gastbeitrag über Nötigung mit 15


Ihr Lieben, wir haben hier die Geschichte einer Leserin, die uns stark bewegt hat – vor allem als Mütter von Mädchen bzw. jungen Frauen. Es ist eine #metoo Geschichte, die wir anonym publizieren, um zu sensibilisieren. Es geht eindeutig um Missbrauch. Und es geht um Kommunikationslosigkeit – die schlimmste Strafe für Opfer und Bremse für die Wahrheit.

Doch vorneweg: Triggerwarnung!

Missbrauchsopfer: Möglicherweise tut es euch nicht gut, dieses Bericht zu lesen. Möglicherweise ist es aber so, dass auch etwas ans Tageslicht raus muss, was euch jahrelang belastet. Bitte stellt sicher, dass ihr nicht allein mit diesem Thema seid. 

Hier ist die Geschichte eines Missbrauchs, über das nicht gesprochen wurde. Eine Leserin schreibt:

Hallo Bea,
ich danke dir vielmals um die Möglichkeit meine Geschichte zu erzählen. Seit der #me too Debatte lässt es mich nicht los.

Ich verstehe wieso Frauen plötzlich damit herausrücken, Berichte lesen triggert ungemein…

Ich bin nach vielen Jahren endlich im Leben angekommen, ich habe eine wunderbare Familie, einen tollen Job und ein warmes, liebevolles Zuhause. Ich will nicht, dass meine Kinder davon erfahren, sie wären sicher sehr traurig und ich kann dieses Mitleid nicht ertragen in den Augen der Leute… Dies ist der Grund warum ich anonym bleiben möchte.

Was ich erzählen will, spielt lange in meiner Vergangenheit, genau gesagt vor etwa 20 Jahren:

Als ich 15 Jahre alt war, spielte sich vieles in meinem Leben auf der Straße ab. Dort traf man Freunde, man saß viel auf dem Spielplatz, unterhielt sich, lernte neue Leute kennen, flirtete, verliebte sich, trennte sich, lästerte…

Ich hatte viele Freunde. Heute würde ich diese als Bekannte bezeichnen, aber wenn man 15 ist, sieht die Welt anders aus. Wir waren etwa 7 Jugendliche… mal mehr mal weniger, die regelmäßig Zeit miteinander verbrachten.

Besonders cool waren wir, als drei ältere Jungs – nein, es waren Männer – sich zu uns gesellten. Sie waren damals zwischen 21 und 25, hatten ein Auto, fuhren uns herum, einer war der Bruder eines Mädchens aus unserer Gruppe. Ich hatte auch einen Bruder, der auf mich aufpasste. Es war also OK, dass sie da waren, niemandem kam es komisch vor.

Eines Abends war ich auf dem Heimweg vom Kino. Es war Herbst und es wurde schnell dunkel und kalt. Ein Auto hielt neben mir. Es waren die drei mit meiner Freundin. Sie boten an, mich nach Hause zu bringen. Jackpot dachte ich… Wer will schon mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren und das auch noch am Sonntag?!?

Ich stieg ein und wir fuhren also los. Meine Freundin bestand darauf, zuerst heimgefahren zu werden. Kein Problem, ich hatte es nicht eilig nach Hause… Schließlich setzten wir sie ab und die Jungs fuhren weiter, bis einem einfiel, in dieser Gegend dringend etwas holen zu müssen. Wir fuhren also einen kleinen Umweg was holen.

Ich habe mir nichts dabei gedacht, der Bruder meiner Freundin würde schon auf mich aufpassen.

Wir fuhren ich weiß nicht wohin, draußen war es dunkel, ich kannte mich in der Gegend nicht aus. Viel war auch nicht zu sehen, nur Feldwege, in dieser Gegend war ich bisher nicht gewesen.

Wir kamen schließlich an. Irgendwo im Nirgendwo, an einer Hütte, vielleicht auch ein Wochenendhaus. Die drei wollten kurz rein, ich wollte nicht allein im dunklen Auto sitzen, ich ging mit rein.

Dort gab es Alkohol, was zu essen, ich rührte nichts an, ich wollte nach Hause, langsam wurde es spät und meine Eltern sorgten sich sicherlich. Einer fing an mir Komplimente zu machen, erst wie intelligent ich sei, dann wie hübsch, dann wie sexy, es wurde Satz für Satz unverschämter und ich bekam Angst.

Er erzählte wie er am liebsten Sex mag, ob ich das schon ausprobiert hätte. Ich hatte nicht. Er bestand darauf es mit ihm auszuprobieren… je mehr ich mich anstellte umso länger dauert es bis wir hier los kommen.

Es war dunkel, ich war am Arsch der Welt, kein Telefon weit und breit, was sollte ich nur machen?

Er redete auf mich ein, irgendwann wurde er sauer, die anderen beiden standen nur da, auch der Bruder meiner Freundin beachtete mich nicht, griff nicht ein. Ich flehte, weg zu dürfen, ich durfte nicht. „Keiner hört dich hier, sagte er, wir können dir den Bauch aufschlitzen und keiner findet dich hier.“ Er hatte Recht.

Ich weinte und bettelte. Ich hatte keine Chance. Schließlich tat ich, was er wollte. Es war grauenvoll, es hat wehgetan, es war ohne Verhütung… Mit Gewalt gezwungen hat er mich nicht. Zumindest keine körperliche Gewalt.

War es eine Vergewaltigung? Nein ich hab es ja „freiwillig“ gemacht.

Sie lachten hinterher als ich mich anzog, einer versuchte mir sein Glied ins Gesicht zu drücken. Ich weinte. Sie fuhren davon. Da stand ich nun in der Wildnis, nachts, allein ohne Orientierung. Ich weinte, ich bekam keine Luft, ich wusste nicht wohin.

Ich lief in eine Richtung, irgendwann wurde es heller, da fuhr ein Bus. Ich betete, ich flehte Gott an mir zu helfen, ich wusste nicht was passiert war. Was war passiert? Konnte ich nun schwanger sein? Ich musste zum Arzt. Und ich musste zur Schule!! Und was würden meine Eltern dazu sagen?

„Ich wurde nicht vergewaltigt, ich hab es freiwillig getan. Sie werden enttäuscht sein.“ – ging mit durch den Kopf.

Ihr kleines Mädchen, Klassenbeste, träumte davon Staatsanwältin zu werden, trieb sich rum und hatte Sex mit älteren Männern. Ich würde Ärger kriegen, bestimmt würde ich Ärger kriegen. Morgen zum Arzt! Dringend. Und jetzt? Wohin jetzt? Ich konnte nicht nach Hause, sie würden es bemerken.

Ich kannte aber keinen anderen Ort als Zuhause. Also in die Richtung, irgendwas würde mir schon einfallen. Ich war mittlerweile an einer Haltestelle angekommen, trocknete die Tränen, stieg in den Bus zum Bahnhof. Vom Bahnhof in den Bus nach Hause. Das Zuhause erreichte ich allerdings in dieser Nacht nicht. Ich hatte keine gute Idee was ich erzählen soll, ich traute mich nicht nach Hause und stieg einige Haltestellen vorher aus.

Ein Klassenkamerad war unterwegs mit seiner Mutter. Er wohnte dort. Ich versuchte ganz normal zu wirken.

Die Mutter hat es gesehen. Sie bemerkte, dass etwas nicht stimmte. War es meine Schminke, die verlaufen war? Oder sieht man es einem an, Sex gehabt zu haben? Sehen es andere? Wie konnte ich nur so blöd sein? Wieso hab ich das gemacht? Die hätten mich schon nicht umgebracht. Wieso hab ich mich so überreden lassen?

„Ich bin so blöd. Ich bin eine Schlampe.“

Die Mutter bot mir Kaffee an. OK sie hat doch nichts gemerkt. Ich nahm an. Sie schickte ihren Sohn ins Bett. Ich durfte bleiben, sie stellte keine Fragen. Ich durfte bei ihnen duschen und auf dem Sofa schlafen. Ich glaube, sie rief meine Eltern an, dass ich sicher bei ihr sei.

Ich dachte, jeder sieht es mir an, ich hatte Sex, ich bin eine Schlampe, wer hat schon Sex ohne einen Freund zu haben? Ich! Nur ich! Warum war ich so blöd? Bevor jemand aufwachte, entschied ich mich zu verschwinden. Ich musste nachdenken…

Aber erst mal auch zum Arzt, ich konnte schwanger sein.

Ich ging zu meinem Kinderarzt, erzählte ihm aber nicht alles…  was war denn alles? Es war ja nichts! Es war einvernehmlich. Ich habe es von alleine getan. Er verwies mich zum Gynäkologen. Da bin ich nicht hin! Da war ich noch nie. Da war doch dieser Stuhl… da wollte ich nicht hin.

Nach dem ich hin und her geirrt bin, ging ich doch heim. Keiner stellte Fragen, ich war erleichtert. Der Alltag fing wieder an.

Nur ging ich nicht mehr raus zu der Clique. Nur zur Schule und zurück. Mittlerweile weiß ich, dass meine Mutter es verdrängt hatte, ich verstehe das. Ich war aber froh, dass diesem Vorfall keiner Beachtung schenkte.

Einige Tage später kam ein Brief der Polizei, ich soll mit meinen Eltern erscheinen.

Wer weiß davon, warum wissen die das? Meine Mutter war nicht überrascht, ich weigerte mich, dahin zu gehen. Sie zwang mich trotzdem.

Bei der Polizeiwache befragte mich eine junge Polizistin. Ich sollte ihr erzählen was passiert sei. Meine Mutter fing an zu weinen. Die Polizistin fragte nach der Vergewaltigung. Meine Mutter weinte heftiger, sie verschluckte sich, bekam keine Luft.

Die Polizistin redete auf mich ein. Was ist passiert? Ich sagte es wäre nichts passiert. Ob ich vergewaltigt wurde? Nein, wurde ich nicht. Meine Mutter wurde ruhiger. Ich war erleichtert, sie konnte wieder atmen. Ich sah die Hoffnung in ihren Augen.

Was sollte ich schon sagen? Schließlich wurde ich nicht vergewaltigt – ich habe es von alleine gemacht.
Keiner hat mich gezwungen. Und wie soll ich es meiner Mutter sagen? Ihr geht es schon schlecht genug.

Die Polizistin fragte mich weiter, ich schwieg und schaute auf den Boden. Ich hoffte es würde bald vorbei sein.

Die Polizistin wurde ungeduldig. Sie schrie mich an, solche Vorwürfe wären was sehr Ernstes. In ihren Augen ist überhaupt nichts passiert!

Sie sehe in mir ein kleines verwöhntes Kind, was sich wichtig machen will.
Das saß.

War ich ein Kind was sich wichtig machen will? Naja, eigentlich ist ja nichts passiert. Ich wurde nicht vergewaltigt, ich hab es freiwillig gemacht. Es wäre falsch jemanden zu beschuldigen, der mich ja nicht gezwungen hat. Ich redete mir ein, ich sollte ruhig bleiben. Es ist ja nichts passiert. Der Alltag ging weiter. Das Thema wurde nie wieder erwähnt.

Ich war nicht schwanger.

Ich machte mein Abi, zog weg um zu studieren.

Als ich auszog, traute ich mich einen AIDS-Test zu machen. Allein und heimlich. Negativ!

5 Jahre später, ein Besuch von einem Telefonintstallateur. Ich wohne allein.

Studiere BWL in einer fremden Stadt. Dieser Installateur will nicht gehen, er wird aufdringlich, er versucht mich anzufassen. Ich will das nicht. Er tut mir weh. Hält meine Arme fest. Ich schreie, ein Nachbar klopft. Er lässt los und rennt weg. Gerettet.

Hab ich die Polizei gerufen? Nein! Ich hatte Angst, sie werden mir nicht glauben!

Ich habe schon mal jemand Unschuldiges beschuldigt, diese Akte existiert noch. Sie werden mir sagen, dass ich mich wichtig machen will. Ich schwieg.

Mittlerweile weiß ich, dass ich keine Schuld habe.

Mittlerweile verstehe ich Schmerz meiner Mutter und warum sie es verdrängt hat. Es war nicht gut bei der Polizei, mich vor meiner Mutter aussagen zu lassen. Welches Kind würde seiner Mutter so wehtun wollen? Es war falsch, mich nach der Vergewaltigung zu fragen.

Ich habe es damals freiwillig gemacht. Dass es trotzdem nicht in Ordnung war, verstand ich viele Jahre später.

Sie haben mich in eine Zwangslage gebracht, ich war ein Kind. Ich konnte es nicht einschätzen. Sie waren erwachsen, sie haben meine Angst ausgenutzt, sie haben mir gedroht, sie haben mich doch vergewaltigt.

#me too

Wiederum viele Jahre später, erfuhr ich dass mein Peiniger im Gefängnis sitzt wegen Vergewaltigung. Ein anderer wohnt jetzt im Ausland und der Dritte ist an Drogenmissbrauch gestorben.

__________

Hier ist Béa, sehr bewegt und aufgewühlt. So viele solche Geschichten habe ich gelesen, und fast jedes der Opfer ist im Schweigen nahezu erstickt. Wir publizieren solche Berichte nicht aus Sensationsgier, sondern um allen Eltern da draussen zu sagen: Stellt sicher, dass eure Kinder zu jedem Zeitpunkt breit sind, euch alles zu erzählen. Stellt sicher, dass sie mit euch reden. Sagt ihnen rechtzeitig, dass egal, was los ist, sie können euch die Wahrheit erzählen. Und haltet die Wahrheit aus. Es ist euer Job, sie zu beschützen!

Daher bitten wir auch um respektvolle Kommentare, die die Kommunikation fördern und unserer Gastautorin Anerkennung entgegenbringen, dass sie sich getraut hat, uns das zu erzählen.

Lieben Dank und liebe Grüße,

Béa

Titelbild: Photo by Zohre Nemati on Unsplash

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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2 Kommentare

Jennifer Gottschalk
Antworten 13. Oktober 2018

Gefühlvoller Artikel, und ich sehe mich mit meiner Vergangenheit konfrontiert
Aber ich traue mich jetut mal meine Geschichte zu schreiben . Ich wuchs in einem lieblosen Zuhause mit einem Bruder suf. Ich wurde früh mit sexualität konfrontiert, ein Erwachsener Mann ( ein Grossvater Ersatz) der kein Problem mit seinem Penis hatte, der mich auch nie anfasste aber immer nackt schlief und morgens auch nackt Aufstand und rum lief. Ich hatte keinen Vater nur einen Bruder, ich fand den Erwachsenen Penis ekelig. Trotzdem habe ich ihn immer angeschaut (freiwillig). Meine Mutter wechselte oft die Partner hatte laut Sex, ging Nachts Kellnern lies uns bei einer Freundin ,bei ihr ich wurde geweckt von lautem Sex den sie im gleichem Raum hatte in dem zwei Kinder schliefen.( Später erfuhr ich das es ein Freier war) Ich schaute unbemerkt zu, fand es wiederlich und intetessant zu gleich. Mit 10 schlief ich mit einer Freundin bei ihren Eltern im Ehebett, ich wurde wach weil ich eine Hand an meinem Busen spürte. Starr vor Angst, hörte ich mein Herz klopfen. Was sollte ich tun, ich dachte der Vater meiner Freundin schläft und träumt ich sei seine Frau.... Seine Hand schob er Richtung Scheide,ich schob sie wieder hoch. Ich hatte Angst er würde " wach" werden weil er bemerkt das ich nich keine Schamhaare habe, und ich würde ärger bekommen. Ich sprach mit niemandem über diese Nacht, ich wollte nur nicht mehr dort schlafen ,und nur dort spielen wenn der Vater nicht da war Dann kam die Pubertät ich fühlte mich einsamm und hässlich und um Freunde zu finden und Eindruck zu hinterlassen hatte ich Sex mit jedem der wollte. Mit 16 wollte ich das nicht mehr, knutschen " ja" Sex " nein" . Plötzlich wollten die Jungs nicjts mehr von mir wissen. Also war ich eine Schlampe die keiner mochte.Ich zog mit 19 weg, lernte meinen Mann kennen... Ich habe einen Sohn und eine Tochter. Beide sind aufgeklärt, und beide sollen wissen das sie das Recht haben " nein" zu sagen und wenn Druck ausgeübt wird um Sex zu bekommen ist es nicht okay. Denn nein heisst nein, sowohl für Jungs als auch für Mädchen.
Danke für's zuhören.

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