SEIN lassen ist das neue Loslassen! – Gastbeitrag von Mareike Fell von der Sinnstifung


Habt ihr schon mal einen Menschen getroffen, mit dem ihr einige wenige Sätze austauscht und merkt, dass ihr im Einklang seid? Dass ihr ganz viele Dinge ähnlich denkt und fühlt? Ich habe vergangenes Wochenende eine solche Begegnung gehabt: Mareike Fell ist mit ihrer Sinnstiftung Heilpraktikerin für Psychotherapie und arbeitet mit Familien…

… und sie hat schon mal buchstäblich eine Rolle in meinem Arbeitsleben gespielt, ganz früh in den 90ern, aber davon ein anderes Mal mehr. Wir haben uns über das Thema „loslassen“ unterhalten und sie hat mir diesen Text geschenkt, für euch:

SEIN lassen ist das neue Loslassen!

Loslassen liegt im Moment voll im Trend: Sorgen, Ängste, Probleme, schlechte Verhaltensweisen, Gewohnheiten… Verknüpft ist damit die Hoffnung auf mehr Ruhe im System. Auf ein Gefühl der Freiheit und Leichtigkeit.

Aber dieses Loslassen hat einen Haken: Es ist einfach oft so verdammt schwer!

Ich habe hier einen andere Idee: Was passiert, wenn wir sogar das Loslassen mal loslassen und einfach auf SEIN lassen gehen?

Denn das mit dem Loslassen ist so eine Sache, da manchmal nicht ganz klar ist, warum wir überhaupt daran festhalten. Das mag nämlich vielleicht seine Richtigkeit haben und seine Wichtigkeit!

Nehmen wir eine Mutter, die sehr perfektionistisch ist und alles richtig machen will, die sich überschlägt, um die „perfekte“ Mutter zu sein, dadurch jedoch an ihrem eigenen Ideal zerbricht. Die abends weinend im Bett liegt.

Wenn ich dieser überaus perfektionistischen Mutter jetzt sage: Lass doch mal den Perfektionismus los, finde ich das schwierig, weil ich sie im Grunde darum bitte, einen Teil von sich selbst loszulassen.

Ich finde es wichtig, sich in Gänze anzunehmen und zwar genau als die Person, die ich bin und das heißt in diesem Fall: sehr perfektionistisch. Wir dürfen davon ausgehen, dass das in ihrem Leben mal sehr wichtig war und seine Berechtigung hatte – und das ist es ja vielleicht auch immer noch, zB. beruflich – nur im Kontext als Mama nicht.

Sie kommt viel schneller und leichter an das Ziel („nicht so perfektionistisch zu sein“), wenn wir anfangen, mit dem Perfektionisten zu arbeiten und lernen, mit diesem überaus kraftvollen Anteil umzugehen – ihn vielleicht sogar zu nutzen!

Und noch etwas kommt dazu, wenn wir SEIN lassen statt zu versuchen, loszulassen:

Gerade in der Erziehung finde ich wichtig, dem Kind vorzuleben, dass es genau so richtig ist, wie es ist.

Das geht besonders einfach, indem wir unsere Schwächen (z.B. Perfektionismus) annehmen: alles ist gut und richtig und wichtig. Unsere Größte Schwäche birgt immer auch gleichzeitig unsere größte Kraft.

Es gibt nicht den falschen Anteil, ein Anteil ist immer wertfrei – es gibt nur den nicht passenden Kontext! Es gilt, alle Anteile in sich zu entfalten, denn manchmal im Leben brauchen wir den Faulpelz, manchmal den Perfektionisten, den Quatschkopf und ja – manchmal müssen wir auch ein Lügner oder ein richtiger Kotzbrocken sein können, um uns vielleicht von einem anderen Kotzbrocken gut abzugrenzen.

Die Frage ist also nicht, wie kann ich LOS lassen, sondern unter welcher Bedingung kann ich mich SEIN lassen?

Das ist eine wichtige Frage, die mir erlaubt, genau so zu bleiben wie ich bin. Und zu behalten, was ich habe. Und gleichzeitig einen neuen, handlungsfähigen, verantwortungsvollen (und nicht ohnmächtigen) Umgang mit meinem Anteil zu finden.

Damit ist gemeint, sich erstens dem anderen (in unserem Fall dem Kind) mit seiner ganz eigenen Weise und Schwäche (in dem speziellen Kontext) zuzutrauen. Und ja, das braucht VER-trauen. Zweitens ist das natürlich nicht als Freibrief gemeint, dass jeder so sein darf wie er ist! Sondern die Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen.

Was meine ich damit:

Angenommen, aus der puren Ohnmacht und Überforderung mit ihrer perfektionistischen Seite hört unsere Mutter sich selbst das Kind anschreien – und das wollte sie doch genau NICHT!

Sie kann nun die Verantwortung dafür übernehmen und das Kind ENT – schuldigen (denn Kinder übernehmen gerne die Schuld dafür, wenn es Mama – offensichtlich wegen ihnen, nicht gut geht), indem sie anschließend zu Ihrem Kind geht und z.B. sagt:

„Es tut mir Leid: der Ton ging gar nicht. Das wollte ich gar nicht. Aber ich habe mich hilflos und ohnmächtig gefühlt (es ist MEINS, NICHT Deins). Und trotzdem, mein Schatz: In der Sache bleibe ich dabei: Du kannst jetzt nicht noch einen Film gucken.“

Dem Kind bietet sich nun nicht nur die Chance, der Mutter zu helfen, indem es sie z.B. mit einer warmen Umarmung tröstet (Kinder lieben es, den Eltern helfen zu können!), es kann lernen, wie man Verantwortung für sein Verhalten übernimmt, wie man sich entschuldigt und wie man Person und Sache trennen kann.

Was wollen wir mehr?

Und wenn ich das dem Kind vorlebe, habe ich eine Menge geschafft, denn dann hat das Kind nicht nur das Gefühl, dass es genau so richtig ist, wie es ist – es lernt von uns Erwachsenen auch noch, dass niemand perfekt ist – nicht mal die Mama. Und das ist sehr wertvoll, denn Kinder wollen immer werden wie ihre Eltern.

In diesem Sinne: Liebe das, was bist und genieße genau das, was dein Kind ist. Und dann lacht darüber! Alles gut.

Danke, liebe Mareike, für den wunderbaren Beitrag!

Und hier findet ihr Mareike:

FB: diesinnstiftung.de
Insta: diesinnstiftung
Web: www.diesinnstiftung.de
Info: *Mareike Fell ist Heilpraktikerin für Psychotherapie. Sie betreibt in Hamburg Blankenese eine Praxis für systemische Einzel-, Paar- und Familientherapie und ist darüber hinaus als Trainerin und Beraterin in der externen Mitarbeiterberatung für das Fürstenberg Institut tätig. Ihr Motto: Nicht das Problem ist das Problem, sondern die Bewertung des Problems.

Zur Transparenz, wie immer: Das ist keine Werbung. Mareike hat mich mit ihren Gedanken und die Art zu kommunizieren sehr beeindruckt. Daher binde ich die Infos über sie ein, aber der Beitrag von ihr ein Geschenk für mich und für euch! Es fließt nur Anerkennung und Zuneigung, definitiv kein Geld zwischen uns.

 

 

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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3 Kommentare

mindfulsun
Antworten 8. Februar 2020

Das Beispiel mit der "Ent-schuldigung" finde ich einfach furchtbar! Es enthält ein ABER und ein TROTZDEM. Ein "Es tut mir leid von Herzen" sollte niemals ein ABER oder ein trotzdem beinhalten. Was lernt ein Kind daraus? Es ist verwirrt und fühlt sich wahrscheinlich schlecht. Und ja, es wird wohl der Mutter folgen, um es für die Mutter besser zu machen. Wie fühlt sich das Kind dabei?

    Béa Beste
    Antworten 9. Februar 2020

    Ich habe nun Mareike gefragt und hier ist eine Antwort:

    Mareike: "Na, da hat sie doch Recht! „Aber“ und „trotzdem“ sind gefährliche Worte. In diesem Kontext kann ich sie schon benutzen, denn ich konterkariere das davor Gesagte nicht. Ich erkläre es. Blöd wäre: „Das (xy) hast du gut gemacht! Aber das (yx) kannst du besser machen!“. Hier lieber umdrehen: „Das kannst du besser machen. Aber/und das hier hast du gut gemacht!“ Das Gute nach hinten! Denn das bleibt.

    Letztlich geht es darum: Auch Worte wie „Aber“ und „Trotzdem“ sind wertfrei! Es kommt immer auf den Kontext an 😉

    In dem Fall meines Artikels bleibt also die Verantwortungsübernahme - ich nehme es auf mich. Dann geht für mich „aber“.
    (Ein „und“ macht doch in meinem Text gar kein Sinn!😄) Ein „weißt Du“ könnte statt dem „Aber“ stehen...

    Zum „Trotzdem“: Es gehört genau so da hin, ich trenne Person und Sache. Das eine tut mir Leid (schreien).
    Das andere bleibt leider so stehen. Ich bin deine Mutter und entscheide das. So ist das im Leben manchmal 🤷‍♀

    Liebe Grüße von Béa
    (ich finde es wichtig, sich über Einstellungen und Formulierungen auseinander zu setzen)

      mindfulsun
      Antworten 9. Februar 2020

      Vielen Dank für deine Antwort. Als erstes möchte ich sagen, mein: „Ich finde das Beispiel furchtbar“, war nicht gut formuliert. Das tut mir leid. Es war aus einem Impuls heraus, aus dem Impuls: Was da steht, fühlt sich für mich nicht gut und nach einem wirklichen „Es tut mir leid“ an. Denn das soll es doch sein? Ich schreie mein Kind an und möchte ihm mitteilen, dass es mir leid tut und dass es aus einer Überforderung heraus passiert ist.

      Mir geht es nicht darum, Recht zu haben. Weder hier mit meinem Kommentar noch im Umgang mit meinen Söhnen.

      Wo ich dir gerne zustimme, wenn nach einem „aber“ etwas Gutes kommt, dann schwäche ich nicht ab, was vorher kam und es verliert nicht seine Gültigkeit. Auch die Verantwortung für das, was passiert ist zu übernehmen, finde ich absolut wichtig. Wenn du von umdrehen schreibst, genauso würde es sich dann für mich besser anfühlen: „Ich habe mich ohnmächtig und hilflos gefühlt und bin deswegen so laut geworden. Das tut mir sehr leid!“ Was nach dem aber in deinem Beispiel kommt, fühlt sich für mich nicht nach Erklärung, sondern nach Rechtfertigung an. Gleich gefolgt von: Das ändert trotzdem nichts – hebelt es für mich das „Es tut mir leid“ aus. Es fühlt sich nicht gut an.
      Der Schritt: „Wie geht es dir jetzt damit, was ich kann ich tun?“ Fehlt mir hier komplett.
      Stattdessen steht da: „Dem Kind bietet sich nun nicht nur die Chance, der Mutter zu helfen, indem es sie z.B. mit einer warmen Umarmung tröstet...“

      Wer tröstet das Kind in diesem Beispiel? Ich würde hier mein Kind in den Arm nehmen. Denn die Verantwortung für mein Schreien liegt bei mir und somit auch die Wiedergutmachung. Auch das Kind hat das Recht, dann zu sagen, wie es sich fühlt und dann kommt der nächste Schritt. Vielleicht war es auch im Text verkürzt dargestellt. Das Trotzdem – Person von Sache trennen – kommt dann für mich irgendwann und nicht im gleichen Atemzug mit einem „Es tut mir leid.“

      Wie gesagt, es ist mein persönliches Empfinden.

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