Selbstverteidigung, die das Selbst- und Weltbild verändert: Interview mit Csaba Szikra, Krav Maga Instruktor


Ich habe Krav Maga bereits bei Themen wie Mobbing oder Gewaltprävention hier erwähnt. Hier kommt mehr darüber aus richtig berufenem Munde: Csaba Szikra ist ein Freund, wenn ich gerade gesundheitlich dürfte, wäre er auch mein Trainer. Als Vollprofi in diesem Bereich unterrichtet er Krav Maga für Kinder und Erwachsene.

Der Deutsche mit ungarischen Wurzeln hat Berlin mit Absicht ausgewählt, als er seine zweite Heimat ausgesucht hat: Er wollte unbedingt eine Stadt kennenlernen, wo das Leben vielfältig, interessant, und sogar verrückt ist. Er meint, dass dieser Ort dich so sein lässt, wie du bist.


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Ich habe ihn interviewt über Krav Maga bei Kindern und Erwachsenen

Csaba (spricht sich fast ähnlich wie Ciabatta ohne ta am Ende), was ist Krav Maga?

C: Es handelt sich um ein Selbstverteidigungssystem aus Israel und bedeutet auf Hebräisch (קרב מגע) „Kontaktkampf“. Der Gründer, Imi (Imre) Lichtenfeld war ein ungarischer Jude aus Pressburg (Pozsony/Bratislava: damals Tschechoslowakei, zurzeit die Hauptstadt von der Slowakei). Als er in Palästina/Israel Hauptausbilder der Armee geworden ist, entwickelte er das System aus seiner Erfahrungen als Boxer, „Street Fighter“ und Ringer.

B: Können wir Krav Maga als Sport betrachten?

C: Es handelt sich auch um eine körperliche Betätigung, in diesem Sinne ist es also ein Sport.

Aber es gibt keine Wettkämpfe, also nennen wir es auch nicht Kampfsport. Da Krav Maga nicht primär auf einer Philosophie basiert, sagen wir auch nicht „Kampfkunst“. Am besten zu erfassen ist Krav Maga als eine physische und psychologische Vorbereitung auf den Umgang mit Gewaltsituationen. Und letztlich geht einfach darum, den Alltag zu bewältigen, ohne in Schwierigkeiten zu geraten.

Es ist sehr wichtig, darin die Selbstverteidigung für Kinder von der Selbstverteidigung für Erwachsene zu trennen.

Bei letzteren handelt es sich um eine maximalistische Methode: Wir in Krav Maga nutzen alles, was nach den Gesetzen des Landes möglich ist: Natürlich sind viele Techniken in Israel oder den USA härter als in Deutschland, da der rechtliche Spielraum für Notwehr dort wesentlich größer ist.

Bei Kindern geht es hauptsächlich darum, ihnen das Vertrauen zu vermitteln, dass sie sich gegen Gleichaltrige und ältere Kinder abgrenzen können. Dass sie sich im Falle eines Angriffs mit möglichst wenig Gewalt verteidigen können, indem sie eine Art psychische Waffe benutzen

B: Wenn du mit Kindern arbeitest, wie alt sind sie?

C: Offiziell gibt es kein Krav Maga -Training für Kinder unter fünf Jahren, aber ich habe selbst „Elfen-Training“ für Kinder zwischen drei und fünf Jahren angeboten. Natürlich ist es immer noch hauptsächlich ein Spiel. In der Altersgruppe der Fünfjährigen beginnen wir mit dem Unterricht in „echte“ Selbstverteidigung, in dem wir verschiedene Techniken, wie z.B. Befreien aus Würgen, aus Schwitzkasten oder aus Umklammerung, unterrichten, natürlich immer noch mit Spielen.

In der Pubertät beginnen wir, die Kinder auf die Straße vorzubereiten.

Das ist notwendig, weil Jugendliche in diesem Alter immer mehr allein unterwegs sind: Sie gehen allein zur Schule und gehen schon abends aus. Sie müssen auch in der Lage sein, sich in drohenden Gewaltsituationen zu verteidigen. Also bringen wir ihnen bei, sich sogar gegen Messer und Stöcke zu verteidigen. Da wir Zivilisten sind, lernen natürlich weder Kinder noch Erwachsene bei uns Messerkampf oder Schießen, sogar Entwaffnung gehört nicht zum Ziviltraining – wie in diesem Video:

Welche Fähigkeiten werden durch Krav Maga entwickelt?

Ich kann das am besten an meinem eigenen Beispiel erklären: Ich war einundzwanzig, als ich mit Krav Maga begann. Ich studierte Sozialarbeit und schon nach dem ersten Training wusste ich, dass ich gerne Krav Maga unterrichten möchte. Das ist plötzlich mein Lebensziel geworden. Sonst war ich ein junger Mann mit Selbstzweifeln, in schlechter körperlicher Verfassung, ziemlich schlaff, der außerdem viel rauchte und nicht einmal Party machte. Ich konnte auch schlecht schlafen und hatte in alltäglichen Situationen nicht genügend Mut, weil ich mich nicht wehren konnte. Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte, wenn jemand gewalttätig auf mich zukam, selbst wenn es nur verbal oder mit dem Blick war.

Für mich war das Krav Maga selbst eine Stärkung, sowohl körperlich als auch geistig. Ich bin mir selbst näher gekommen und habe begonnen, die Situationen, die Probleme verursachen könnten, klarer zu sehen.

Krav Maga hat mich stärker, schneller, direkter und gleichzeitig vorsichtiger im Umgang mit Menschen gemacht.

Jetzt habe ich fast zwanzig Jahre Erfahrung, davon unterrichte ich seit etwa fünfzehn Jahren Krav Maga, und in dieser Zeit habe ich ähnliche Verbesserungen bei anderen gesehen.

B: Was berichten deine Schüler?

C: Manchmal erzählen sie mir, dass sie angegriffen worden sind und sich mithilfe des Gelernten verteidigen konnten. Ich freue mich darüber – aber noch mehr freue ich mich, wenn sie den Angriff verhindern können.

Das ist das Erste, was wir den Kleinen und den Erwachsenen beibringen wollen: wie man fliehen kann, ohne in noch mehr Schwierigkeiten zu geraten.

Und wie man zum Beispiel wegläuft, ohne vor ein Auto zu laufen. Oder wie man so kommuniziert, dass eine Situation, in der ein Kampf droht, nicht tatsächlich zu einem Kampf wird. Wie man sich als Frau aus einer Vergewaltigung herauswinden kann. Es ist ein gutes Gefühl, wenn jemand berichtet, dass er einen Übergriff verhindert hat, weil er die andere Person nicht verletzen musste.


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B: Wie groß ist das Interesse der Mädchen am Krav Maga?

C: Das ist sehr unterschiedlich, ich hatte schon Kinder und Jugendliche im Training, bei denen es mehr Mädchen als Jungen gab. Boxen hingegen ist eher ein Männersport. In den fernöstlichen Sportarten sieht es etwas besser aus, aber auch dort trainieren Frauen und Männer oft getrennt. Das ist nicht sehr realistisch, denn Frauen werden meist von Männern angegriffen.

B: Wenn ich mit Krav Maga anfangen möchte, oder das meinem Kind ermöglichen möchte, was sollte ich beachten?

C: Viele Eltern wollen, dass ihre Kinder Selbstverteidigung lernen, und melden sie in der nächstgelegenen Schule. Irgendwelche Karate, Wing Tsun, Judo usw. Schule. So viele Kinder haben vielleicht Glück, aber viele lernen am Ende eine unrealistische Selbstverteidigung. Was ich als Trainer wichtig finde, dass die/der Trainer/in gut sein soll. Nicht nur als “Krav Maga Profi”, sondern auch als Pädagoge/Pädagogin, und als Vorbild.

Zum Beispiel, ich habe einen Jungen unterrichtet, damals war er in meinem Jugendtraining, so 12-15 Jahre alt. Aufgrund eines Schulwechsels hat er mit dem Krav Maga aufgehört, aber wir sind weiterhin im Kontakt. Er ist mittlerweile 25 Jahre alt, Zahnarzt. Vor kurzem hat er mich in Berlin besucht und berichtet, dass seitdem er bei mir Krav Maga gelernt hat, sieht er die Welt total anders: Er fühlt sich aufmerksam und mutig, aber gleichzeitig auch tolerant und weltoffen. Das ist eigentlich mein Ziel.

So habe ich damals geplant, als ich mit der Trainerausbildung angefangen habe. Mein Trainer, Anatoli “Tal” Kvores aus Israel war und ist ebenso ein Vorbild für mich, als Helfer (er ist Arzt), als Trainer und ebenso als Familienvater.

B: Was ist für dich besonders in der Arbeit mit Kindern?

Mein Zivilberuf ist Sozialpädagogik, und ich habe im Rahmen meines Masterstudiums interkulturelle Pädagogik und Psychologie studiert. Ich unterrichte seit anderthalb Jahrzehnten Kinder und Jugendliche, das ist ein erlerntes und gut eingeübtes Verhalten meinerseits. Das erfordert natürlich auch eine gewisse Offenheit gegenüber Kindern. Ich versuche, den Schlüssel zu finden, damit sie gerne kommen und gerne am Training teilnehmen.

B: Wie oft und vor allem wie lange sollte man für einen Krav Maga Kurs investieren?

C: Um Bewegungsabläufe nachhaltig zu erlernen, egal für welchen Sport gilt: regelmäßig und mindestens 2 x wöchentlich! Und möglichst lange: Krav Maga kann Menschen ein Leben lang begleiten…

Als ich Anfänger war, so nach 2 Monaten, dachte ich: „Wow, jetzt kann ich sehr viel!“ Nach 4 Jahren stellte ich fest, ich hatte noch genug zu lernen. Und jetzt nach 19 Jahren habe ich die Gewissheit, ich kann nie aufhören dazu zu lernen, weil immer neue Herausforderungen auftauchen, neue Angriffsmethoden, andere Kriminalitätselemente machen sich bemerkbar. Die Ober-Instruktoren in Israel updaten regelmäßig das komplette System.

B: Welche Frage habe ich noch nicht gestellt, die aus deiner Sicht im Zusammenhang mit Krav Maga wichtig ist?

C: Das wäre: “Wie finde ich die richtige Krav Maga Training für mich bzw. mein Kind?”
In so einer Stadt wie Berlin viele ungeprüfte Schulen, da steht Krav Maga drauf und es finden sich auch Krav Maga Elemente drin. Aber der Begriff an sich ist nicht geschützt. Beim “echten Krav Maga” ist es für Trainer wichtig, Supervision in Israel zu haben und regelmäßig die Technik aufzufrischen.

Also: Bevor ihr euch für ein Training entscheidet, geht dem nach, welche Supervision euer Trainer hat. Und wer die Supervision seiner Supervision ist: Spätestens hier sollte die Kette nach Israel und Imi’s Schule führen (s.o).

Danke, lieber Csaba, für alle Antworten!

Update Okt 22: Csaba gibt in Berlin Krav Maga Trainings, erst mal für Erwachsene. Er hat Räumlichkeiten gefunden für Mittwochs ab 20:00 im Komponistenviertel. Wer Interesse hat, kann ihm eine E-Mail schicken an spark.krav.maga@gmail.com, um Interesse zu bekunden – er schreibt dann zurück mit allen Details!

Übrigens, als wir das Video gemacht haben, habe ich Totalanfängerin auch einige wirksame Griffe gelernt, war echt cool:

Liebe Grüße,

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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