„Empathie“ als Unterrichtsfach? Warum ich das Schulsystem der Dänen klasse finde


Die Schule gilt als ein „Ort des Wissens“, an dem uns manchmal trotzdem noch nicht genug gelehrt wird. Wo in vielen Lebensbereichen die Empathie fehlt, wird es in Dänemark sogar ins Schulsystem eingebaut.

In der Schule lernen wir lesen, schreiben und rechnen. Wir erfahren alles über die „Dichter und Denker“ und erweitern unseren Wortschatz mit neuen Sprachen. Es gibt so vieles, dass uns innerhalb von 10-12 Jahren beigebracht wird. Und doch gibt es einiges, das grundlegend fehlt.

Schon als Kind war mir klar, dass unser Schulsystem viele Lücken aufweist.

Als erstes fiel es mir während meiner eigenen Schulzeit auf, als meine Lehrer und Mitschüler kaum etwas über den Islam wussten, weil im Religionsunterricht ausschließlich das Neue Testament behandelt wurde. Dazu muss ich aber auch sagen, dass ich seit 5 Jahren aus der Schule raus bin und seit über 10 Jahren keinen Religionsunterricht hatte. Ich weiß also nicht, wie es heute ist. Was ich allerdings weiß, ist, dass damals ohne Empathie oder Respekt der Lehrer und Schüler darüber gesprochen wurde, als ich mich zum Ramadan-Fasten entschieden hatte.

Als nächstes wurde ich auf unser lückenhaftes Schulsystem aufmerksam, als ich meine Steuererklärung machte.

Naina K. erhielt für eine ähnliche Aussage zwar sehr viel Shitstorm, aber lustigerweise hatte ich damals genau denselben Gedanken, wie bei ihrem Tweet, weil ich mich in diesem Jahr erstmals mit einer Steuererklärung auseinandersetzen musste. Völlig verzweifelt wandte ich mich meinen Mitmenschen zu, die mir alle nicht helfen konnten, weil das Steuersystem sehr komplex und individuell ist.

Warum hatte ich so etwas Wichtiges  nicht in der Schule gelernt? Ich konnte Schillers „Bürgschaft“ auswendig, aber wusste nicht, wie ich eine Steuererklärung begann. Ist das nicht „das“ heutige Leben, in dem das immens wichtig ist? Sollten Schüler nicht auch darauf vorbereitet werden?

Kommen wir zum letzten Punkt: Empathie. Wo war sie in der Schulzeit?

Am Eingang meiner Schule stand „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“. Schöner Spruch, aber er hat trotzdem niemanden davon abgehalten, rassistisch oder diskriminierend zu sein. Im Nachhinein kann ich den Kids nicht mal einen großen Vorwurf machen, weil diese nie darüber aufgeklärt wurden, wie mit marginalisierten Personen umzugehen und wie viel Rücksicht auf sie zu nehmen ist.

Auch mit psychischen Krankheiten wurde nicht korrekt umgegangen.

Kurz vor meinem Abschluss begann ein Mädchen aus der 9. Klasse Suizid. Anstatt das Ganze zu betrauern, hetzten und lästerten in der ganzen Schule nahezu alle darüber. Dass es der Person möglicherweise nicht gut ging, dass sie eine traurige Entscheidung traf, weil sie keinen Ausweg mehr sah, hat keiner thematisiert. Im Unterricht und in den Pausen war nur die Rede davon, wie absurd und seltsam das war, und wie viel Kummer sie ihren Eltern antat. Vor allem die Lehrer und Direktion klammerten in Gesprächen und Reden ihren  eigener Kummer völlig aus.

Über meine Essstörung, die sich ebenfalls während der Schulzeit anbahnte und nie thematisiert wurde, traute ich mich ebenfalls mit niemandem zu sprechen, aus Angst, sie würden es nicht verstehen oder unsensibel damit umgehen. Übrigens handelt mein Buch auch von einer Schülerin mit Essstörung!

Wo ist die Empathie? In Dänemark!

Ich hatte euch bereits erzählt, dass ich das deutsche Schulsystem zwar sehr lehrreich, aber dennoch etwas „altmodisch“ ist und nicht sehr empathiefördernd finde. In Dänemark sieht das ganz anders aus. Dort gibt es ein Fach, das Empathie heißt.

Empathie ist etwas, das nicht bei jedem angeboren, aber durchaus lernbar ist. Und genau das versucht das Schulfach: Lehren, Empathie zu zeigen. Ein Mal in der Woche haben Kids im Alter von 6-16 die Möglichkeit, zu lernen, wie sie sich um andere Sorgen. Dafür spricht ähnlich wie in einer Selbsthilfegruppe ein Kind über seine Probleme, während, die restlichen zuhören. Anschließend wird gemeinsam mit der Lehrkraft und der restlichen Schülerschaft nach einem Lösungsansatz gesucht. Die Kinder lernen dabei Folgendes: Zuzuhören, wenn es jemandem schlecht geht und nach Lösungsansätzen zu forschen.

Dadurch werden außerdem sämtliche Barrieren der vermeintlich glücklichen Fassade aufgebrochen. Denn so richtig sorglos und glücklich ist niemand.

Aber oft trauen wir uns nicht, mit jemandem darüber zu reden, aus Angst nicht verstanden oder für komisch gehalten zu werden. Und das führt schließlich dazu, dass sich niemand traut, über seine Probleme zu reden. Und ihr wisst ja vielleicht von euch oder euren Teenies, dass gerade die Schulzeit eine ist, in der die Kids gerne viele Geheimnisse haben, weil sie denken, dass sie von der Welt nicht verstanden werden.

Ich wünsche mir mehr Empathie im Schulsystem.

Ich glaube, dass so ein Empathie-Fach unseren Alltag revolutionieren würde. Und ein Mal die Woche Empathie zu haben, ist etwas, dass die Schüler gerade noch in ihren vollen Stundenplan hinkriegen.

Ich wünsche mir mehr Empathie im Leben.

Von Empathie kann niemand genug kriegen, oder? Deshalb wünsche ich mir mehr Empathie in allen Lebensbereichen. In der Schule, in der Uni, bei der Arbeit, im eigenen Haushalt. Je empathischer wir sind, desto wohler fühlen sich unsere Mitmenschen mit uns. Empathisch zu sein, ist keine Schwäche, und über seine Probleme zu reden, die größte Stärke.

Zum Abschluss: Ich sage nicht, dass unser Schulsystem schlecht ist.

Wohl aber sage ich, dass es einige Lücken aufweist und uns im Bereich des sozialen Umgangs miteinander eine Menge fehlt. Daher sehe ich das System der Dänen sehr vorbildhaft.

Was denkt ihr über die Empathie? Fehlt sie euch auch (im Alltag)? Hättet ihr sie auch gern als Fach im Unterricht gehabt?

Liebe Grüße
Mounia

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Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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