„Du hast mich als Schlampe bezeichnet.“ – Ein Gespräch über Slutshaming


Da das Wort Slutshaming immer größere Präsenz erhält, gehen momentan die Erinnerungen mit mir durch. Eine von ihnen ist mir nach all den Jahren besonders im Kopf geblieben, die ich gerne mit euch teilen würde.

Ein Gespräch über Slutshaming

Ich: Hey, Lina, kann ich dich mal bitte sprechen?

Lina: Klar, was gibt’s denn?

Warte, bis alle anderen weg sind.

Ich: Es gibt da etwas, das mich schon seit Längerem beschäftigt. Ich wusste nur nicht, wie ich es dir sagen soll.

Lina (wirkt besorgt): Ist irgendwas passiert?

Ich: Nein, nicht direkt. Obwohl – eigentlich schon. Weißt du noch, wie du mir vor ein paar Wochen gesagt hast, dass ich mich schlampig verhalte, weil ich auf dem Schoß von Tim gesessen habe?

Lina (reißt die Augen auf): Was?! Ich habe doch nicht gesagt, dass du eine Schlampe bist!

Ich: Du hast es nicht direkt so gesagt, aber du hast es impliziert, zumindest hat es so auf mich gewirkt. Erinnerst du dich noch an die Situation? Die Mensa war voll und Tim hatte mir meinen Platz weggenommen. Ich habe ihm gesagt, dass er aufstehen soll, aber er ist stur sitzen geblieben. Dann habe ich mich einfach auf seinen Schoß gesetzt und hatte meinen Platz wieder. Das war okay für ihn. Wir sind Freunde und machen uns nichts daraus. Er hätte genauso gut auch auf meinem Schoß sitzen können. Aber dann hast du gesagt, dass du es komisch findest, mich von ihm antatschen zu lassen, obwohl wir nicht zusammen sind.

Lina: Hä? Also erstens habe ich das überhaupt nicht böse gemeint und zweitens war das darauf bezogen, dass du dich generell öfter … naja, antatschen lässt. Zum Beispiel lässt du dich immer von Kai kitzeln. Und das eine Mal im Bus hat Said den Arm um dich gelegt.

Ich: Na und? Was ist schon dabei? Ich bin mit mehr Jungs als Mädchen befreundet, das ist eben unser Umgang. Das ist für mich kein Antatschen. Oder wäre es für dich Antatschen, wenn das alles Mädchen wären? Bei Steffi sitzt du doch auch manchmal auf ihrem Schoß.

Lina: Ja aber … (verstummt)

Ich: Ich will mich auch gar nicht mit dir streiten, aber ich wollte es trotzdem sagen, weil mich dieser Kommentar sehr verletzt hat. Ich bin keine Schlampe und möchte mich auch nicht dafür rechtfertigen, wie ich mit meinen Kumpels umgehe. Du musst das nicht toll finden, aber es wäre mir trotzdem lieb, wenn du es wenigstens akzeptieren würdest.

Lina: Okay. Tut mir leid, ich wollte dich wirklich nicht verletzen.

Ich: Schon okay.

Und auch dieses Gespräch hat es nie gegeben.

Stattdessen lief alles ganz anders ab. Lina (natürlich heißt sie in echt anders) und ich standen mit ein paar anderen Freund:innen an der Bushaltestelle und redeten über besagten Jungen, auf dessen Schoß ich gesessen hatte. Daraufhin sagte sie, dass sie komisch finde, dass ich mich öfter von ihm antatschen ließe, wobei er doch nicht einmal mein Freund sei. Und auch generell lasse ich mich ja viel zu oft von Typen anfassen …

Die anderen schwiegen, denn sie sahen es genauso. Ich war die „Schlampe“, die sich antatschen ließ. In diesem Moment hinterfragte ich ihre Worte gar nicht weiter, sondern suchte die Schuld direkt in mir. Ich war die „Schlampe“, die sich antatschen ließ, bewertet von den Mädels meiner Schule, die nicht so sittenlos waren wie ich.

Danach veränderte sich mein Umgang zu meinem Kumpel Tim (der auch anders heißt). Ich setzte mich nicht mehr auf seinen Schoß und ließ mich auch von niemandem kitzeln oder den Arm um mich legen. Ich war damals erst fünfzehn, war noch halb ein Kind und hatte bei vielen Kabbeleien gar nicht erst in dieser Dimension weitergedacht. Trotzdem ließ ich es bleiben.

Slutshaming geht gar nicht!

Heute sehe ich das alles natürlich völlig anders. Ich sehe ein, dass ich weder damals eine „Schlampe“ war noch es heute bin. Überhaupt ist diese Bezeichnung ganz furchtbar. Denn was ist so schlimm daran, wenn Mädchen und Jungs ein wenig herumtollen und sich dabei berühren? Müssen sie sich erst auf eine monogame Beziehung einlassen, um die Schoß-Anrechte zu erhalten? Dürfen sie sich nur von Menschen des gleichen Geschlechts kitzeln und in den Arm nehmen lassen?

Frauen sollten niemals für ihr Aussehen, ihre Kleidung, ihren Körper oder ihren Umgang mit Männern (und Frauen) beschämt werden. Wir sind hier nicht im achtzehnten Jahrhundert, in der die Frau das Eigentum des Mannes ist und nur das tun darf, was er erlaubt. Wenn wir schon darauf appellieren, beide Geschlechter gleich zu behandeln, dann sollte das es auch dafür gelten.

Und nochmal:

Ich muss nicht alles gutheißen, aber in jedem Fall akzeptieren und schon gar nicht kritisieren.

Soweit mein kleiner Dialog. Ich wünschte sehr, dass es ihn gegeben hätte. Dann wären mir viele Jahre voller Scham und Selbstzweifel erspart geblieben.

Habt ihr mal Ähnliches erlebt? Wie war euer Umgang mit Slutshaming?

Falls ihr euch für mehr Dialoge dieser Art interessiert, könnt ihr gern auch hier vorbeischauen:

„Ich fühle mich einsam und allein“ – Ein Gespräch zwischen Mutter und Kind

„Mach das beim nächsten Mal anders.“ – Ein Gespräch zwischen Schülerin und Lehrer

Liebe Grüße
Mounia

Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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