Tabuthema Babyfrust – wenn das Heimweh nach dem alten Leben voll reinhaut


Wir haben hier wieder mal einen herrlichen und herrlich wahren Gastbeitrag von Sternchen @BeiAnja von Twitter bekommen:

Hallo Sie!
Sie sind gerade Eltern geworden? Sie halten ein süßes, kleines Bündel im Arm?

Dann sind Sie doch sicher im absoluten Babyglück! Sie lächeln den ganzen Tag. Ihnen scheint die Sonne aus dem … na, Sie wissen schon.

Nein? Eigentlich ist es das genaue Gegenteil? Sie haben Babyfrust und trauen sich aber nicht so recht, es anderen zu erzählen, weil Sie sich dann schuldig fühlen?

Immerhin ist ein Baby doch die schönste und aufregendste und tollste Sache der Welt. Oder?

Sie haben eine aufregende Zeit hinter sich. Die Schwangerschaft brachte viele Veränderungen mit sich. Aus einer Frau und einem Mann wurden „werdende Eltern“. Sie wurden überschüttet mit guten Ratschlägen, protokollierten das Babywachstum, gaben Unmengen Geld für die Babyausstattung aus. Alles für die Ankunft des Bündels Glück.

Die Geburt haben Sie überstanden. Die ersten Wochen war der frisch gebackene Papa noch Zuhause bei seiner kleinen Familie. Klar, der Alltag wurde auf den Kopf gestellt. Alles neu. Alles anders. Kaum noch Gewohnheit. Dafür viele neue Abläufe. Die kleine Familie lernte sich kennen. Ein Leben in der Babyblase.

Doch nun kehrt langsam der neue Alltag ein.

Papa Schonzeit ist vorbei und er muss wieder arbeiten. Mama bleibt mit dem Baby Zuhause. (Zumindest ist es bei den meisten Paaren so, deshalb bleibe ich hier bei diesem Modell)
Papa muss nun täglich den Spagat zwischen Job und Zuhause schaffen. Bei der Arbeit soll er konzentriert und leistungsfähig sein, Kunden akquirieren, kreative Lösungen erarbeiten, Meetings leiten, seinen Mann stehen.
Abends daheim muss er den Schalter umlegen. Zum liebenden Vater und Ehemann.

Doch wenn er nach einem harten Tag nach Hause kommt, sitzt Mama auf der Couch, das Baby im Arm.

Sie hat es nicht geschafft, sich anzuziehen. Oder zu duschen. Geschweige denn, ein Abendessen zuzubereiten.

Stattdessen gibt sie gereizte Anweisungen. Schickt Papa zum Einkaufen.
Der gehorcht. Und stolpert beim Rausgehen über eine Packung Windeln. Und den Staubsauger, der seit einer Woche unbenutzt im Flur steht.
Papa ist frustriert. Er hat den ganzen Tag gearbeitet und Mama hat nur faul Zuhause rumgesessen. Das wird er ihr auch gleich sagen. So geht das nicht. Sie lässt sich gehen. Und außerdem macht sie sich gar nicht klar, wie hart er schuftet.
Was würde er dafür geben, so ein Lotterleben zu führen. Aber einer muss ja das Geld verdienen.
Apropos: Kann es sein, dass da im Flur schon wieder ein Päckchen mit sinnlosem Babykram stand? Sie haut das Geld raus, als wären sie Millionäre. Dabei ist er doch der Verdiener! So geht es nicht weiter.

Während Papa einkaufen ist, sitzt Mama Zuhause auf der Couch. Das Baby ist mal wieder beim Stillen eingeschlafen und sie traut sich nicht, es in sein Bettchen zu legen, weil es dann wieder aufwacht und weint.
Traurig schaut sie Papa hinterher, der die Wohnung zum Einkaufen verlässt.

Der hat’s gut, denkt sie. Kann einfach gehen. Wie gerne würde sie mit ihm tauschen?!

Jeden Tag darf er zur Arbeit gehen und sich mit Erwachsenen unterhalten. Er geht Mittags essen und darf ungestört eine warme Mahlzeit zu sich nehmen. Sie ist hingegen Tag für Tag Zuhause und isst kalte Speisen mit dem Löffel in der einen und dem Baby in der anderen Hand.

Ihr Tagesablauf ist so simpel wie zermürbend: Wickeln, Stillen, Schlafen. Das Baby braucht seine feste Routine.
Wenn es schläft, legt sie sich meistens dazu. Oder guckt Fernsehen. Oder sie bestellt Still-BHs und Wundcreme im Internet.

Sie ist so ausgelaugt, dass sie sich kaum bewegen kann.

Ihr Intellekt schlägt hingegen Purzelbäume. Sie ist stark unterfordert und würde sich gerne mal wieder richtig unterhalten.

Sie hat keine Kraft zu duschen oder sich anzuziehen. Wozu auch? Sie verlässt die Wohnung ja ohnehin nicht.
Permanent will das Baby irgendetwas. Sie muss alles dem Nachwuchs unterordnen. Ihr Tagesablauf richtet sich nicht nach ihr, sondern ausschließlich nach dem Baby.

Andauernd steckt sie mit den Händen in vollen Windeln oder Erbrochenem.

Jeden Tag nimmt sie sich vor, eine Runde mit dem Kinderwagen zu gehen. Aber das Baby will nicht in den Wagen. Es will getragen werden. Und das ist so schwer für sie, dass sie es kaum bis zur Tür schafft.
Papa macht ihr Vorwürfe, weil sie es nicht mal schafft Staub zu saugen.

Sie fühlt sich allein und traurig.

Ein oder zwei Mal unternahm sie zaghafte Versuche, andere ins Vertrauen zu ziehen und ihnen ihre Situation darzulegen. Aber die lachten sie aus oder wischten ihre Sorgen vom Tisch.
Eine Freundin fragte, wie es denn um die Business-Englisch-Kurse stehe, die sie in der Babypause machen wollte. Traurig sieht sie die Kursmappe an, auf der sich der Staub sammelt. Sie hat ein schlechtes Gewissen, weil sie noch nicht einmal hinein geschaut hat. Aber woher soll sie die Kraft dazu nehmen?

Wenn das Baby abends schläft, unternimmt Papa manchmal Annäherungsversuche.

Sie weiß, dass er sich schon lange gedulden muss. Aber sie hat keine Lust. Sie fühlt sich nicht wohl in ihrem Körper. Der Bauch hängt. Die Brüste tropfen. Und eigentlich ist sie auch ganz froh, wenn sie gerade mal mit niemandem Körperkontakt haben muss.

Nachts schlafen sie alle im Schlafzimmer. Das Baby im Anstellbett. Alle zwei Stunden wird es wach, weint und will nicht wieder einschlafen.

Mama stillt und tröstet, schaukelt und singt. Währenddessen liegt Papa wie ein Stein neben ihr und schläft.
Verzweifelt schickt sie einer anderen Mutter, die auch vor kurzem entbunden hat, eine Nachricht: „Das Baby ist wach und sehr laut. Der Mann tut mal wieder so, als würde er nichts hören.“
Postwendend kommt die Antwort: „Ist hier genauso. Ich hasse ihn manchmal dafür.“

Als am nächsten Morgen Papas Wecker klingelt, verlässt er ganz leise das Bett. Neben ihm liegen Mama und Baby. Sie schlafen eng aneinander gekuschelt. Niedlich sehen sie aus.
Wie sehr beneidet er sie dafür, dass sie jeden Tag ausschlafen können, während er sich wieder zur Arbeit kämpfen muss?!

Sie haben sich wiedererkannt und wundern sich, woher ich das alles weiß?
Ganz einfach: Mir ging es genauso. Und meinen Freundinnen auch.

Egal, mit welchen Eltern ich gesprochen habe: Sie alle erzählten mir die Geschichte auf ähnliche Weise.

Frisch gebackene Eltern sind stark belastet. Stärker, als unsere Gesellschaft es ihnen zugesteht.

Klar, man bekommt etwa sechs Wochen lang Wochenbettkarenz, aber dann muss es gut sein. Doch das reicht nicht.
Die Umstellung, die ein Baby mit sich bringt, lässt sich kaum beschreiben und in Worte fassen. Man muss sie erleben.

Schwangeren Frauen wird oft gesagt: Genieß die Zeit, die du jetzt noch hast! Aber was ist damit eigentlich gemeint?

Gemeint ist, dass man sein altes Leben vermissen wird. Es wird nichts mehr sein, wie es vorher war. Die Leichtigkeit wird einem komplett genommen. Ein Wochenendeinkauf kann zur Tagesaufgabe werden, weil man den perfekten Moment in Babys Rhythmus finden muss, um sich aufzumachen.
Es gibt keine Selbstbestimmung mehr. Kurz gesagt: Ein Baby zu bekommen bedeutet, sich selbst, seine Interessen, seine Hobbys, seinen Tagesablauf für eine Zeit nahezu komplett aufzugeben und alles dem Baby unterzuordnen.
Wer wäre da bitte nicht frustriert?
Klar hat man da Heimweh nach dem alten Leben. Ist doch verständlich!

Bedeutet das, dass ich von einem Baby abraten würde?
NEIN! NEIN! Und nochmals NEIN!!!

Babys sind großartig. Und je älter sie werden, desto großartiger werden sie. Es ist spannend, sie wachsen zu sehen. Man kann so viel mit ihnen erleben und so viel von ihnen lernen.

Ein Kind zu haben ist der Hammer!
Bitte machen Sie Kinder! Reichlich davon!!!!

Aber bitte schämen Sie sich nicht, wenn Sie zwischendurch mal ihr altes, unkompliziertes Leben vermissen. Das ist okay. Sie sind damit nicht allein!

Ein alter Spruch sagt: „Die Zeit heilt alle Wunden.“

Bei einem Kind bedeutet das: Je älter die Kinder werden, desto mehr Freiheit und Selbstbestimmung bekommt man auch wieder zurück. Es wird also besser.

Ihr altes Leben werden Sie nie zurück bekommen. Sie sind nun Eltern. Und das wird sie unweigerlich für den Rest Ihres Lebens begleiten. Aber das ist gut so. Sie würden Ihr Kind doch ohnehin für nichts in der Welt mehr hergeben.

____

Wer gibt Anja Recht? Wer hat es auch so erlebt? Was hat euch am meisten geholfen?

Liebe Grüße,

Béa

Und wer mag mehr von Anja lesen? Folgt ihr auf jeden Fall noch auf Twitter und vielleicht mag sie hier auch noch mal publizieren… Danke Anja!

Photo by Echo Grid on Unsplash

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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2 Kommentare

Garsch
Antworten 2. März 2019

Habe mich in jedem einzelnen Satz deines tollen, verständnisvollen und Mut machenden Artikels wiedergefunden. Vor nun mittlerweile 9 Jahren ging es mir genauso. Und du hast Recht... hergeben würde ich meinen Sohn trotz all der gefühlten ungewohnten Entbehrungen nie mehr!

Kerstin
Antworten 8. Juli 2019

Wie wahr!
Die ersten 3 Monate waren schlimm. Nichts war, wie ich es mir in der Schwangerschaft ausgemalt hatte, oder wie mir berichtet wurde. Ich hatte so entsetzliche Angst vor der Zukunft, davor, nie nie wieder auch nur einen Schritt alleine machen zu können. Es ging an die Substanz. Aber ich fing an, darüber zu reden. Relativ schnell nach der Geburt sogar. Ich erzählte es allen in meinem Umfeld. Ich heulte, war unglücklich, haperte mit der Geburt, die leider unter Vollnarkose geschehen musste.
Meine Hebamme schickte mich zu einer anderen Hebamme, die emotionelle erste Hilfe anbot. Es war für mich eine Offenbarung. Die beiden Aussagen, die mir am meisten geholfen haben waren:
“du darfst um dein altes Leben trauern. Und ob das eine Woche, ein Monat oder ein Jahr dauert, ist vollkommen egal.”
Und: Nach ungefähr einem Jahr nach der Geburt bist Du im Muttersein angekommen.
Diese beiden Ansätze haben mir sehr geholfen.
Ich finde es unglaublich wichtig, zu seinen Gefühlen zu stehen, zu all den Unsicherheiten und Ängsten, wichtig zu äußern, dass der Himmel eben nicht voller Geigen hängt und man die rosarote Neumama Brille nicht kennt.
Mein Kind, das jetzt zwei ist, habe ich von Anfang an sehr geliebt. Aber ist für mich auch keine Diskrepanz zu meinen angstvollen Gefühlen.
Ich bin mit Leib und Seele Mutter und möchte es nicht mehr anders haben. Mit der Selbständigkeit des Kindes wächst meine eigene auch wieder.
Danke, dass Du dieses so wichtige Thema ansprichst, dass viel mehr Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit verdient!
(und entschuldigt alle meinen Roman 😉)

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