Wenn ein 15 Monate altes Kind seine Welt verliert – Eine Bereitschaftspflegemama hat eine Bitte an uns


Ihr Lieben, kennt ihr Bereitschaftspflegeeltern? Könnt ihr bitte diese Zeilen einer Bereitschaftspflegemama lesen, die Petition unterschreiben und teilen?

Hallo Liebes Tollabea Team,

ich bin Bereitschaftspflegemama einer wunderbaren 15 Monate alten Maus. Ich weiß nicht, ob euch das überhaupt etwas sagt. Wir Bereitschaftspflegemamas haben nur eine sehr kleine Lobby und unsere „Arbeit“ ist eher unbekannt. Oft werde ich gefragt, ob „das Kind auch bei uns schläft“ oder ob „ich das in Voll- oder Teilzeit mache“.

Die Wahrheit ist, wir machen einen unfassbar wichtigen Job.

Wir fangen die schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft in einer sehr sensiblen Zeit auf. Sie werden vom Jugendamt in Obhut genommen oder von den Eltern freiwillig in Obhut gegeben, vom einen Moment auf den anderen ändert sich das Leben eines Kindes radikal.

Sie verlieren den Boden unter den Füßen und wir sind die erste Anlaufstelle, die ihnen zeigt, was Geborgenheit und Vertrauen ist. Die sie zur Ruhe kommen und die Welt mit anderen Augen sehen lässt.

Der Moment, in dem das Kind das erste Mal lacht, und dieses Lachen auch seine Augen erreicht, ist unbezahlbar. Ein unvergesslicher Moment des Glücks.

Im besten Fall sind wir für diese Kinder eine Auffangstation, in der sie Kraft tanken und dann weiter ziehen können. In eine Dauerpflege Familie oder aber zurück zu ihren Eltern. Vielleicht zu Oma und Opa oder gar in ein Heim. Wir bereiten sie auf ihren neuen Lebensweg vor und begleiten sie, so gut wir können.

Leider wird uns diese Arbeit oft sehr schwer gemacht.

Denn die Perspektivenklärung dauert oft unendlich lange. Das Kind bindet sich an die Pflegefamilie, die Pflegefamilie bindet sich an das Kind. Natürliche Bindung zu den Eltern geht oft teilweise oder ganz verloren, was Rückführungen unnötig erschwert.

Wir haben eine Petition gestartet, um diesen Prozess zu beschleunigen:

https://www.openpetition.de/petition/online/schnellere-entscheidungen-fuer-das-kindeswohl

Noch kurz zu unserer „Maus“ – damit das für alle Eltern nachvollziehbar ist:

Sie kam fast noch als Neugeborene zu uns. Inzwischen ist das Kind 15 Monate alt. Lange wurde die Perspektivenklärung von allen Seiten ausgesessen, bis letztendlich vor einigen Wochen der Anruf kam, dass das Kind mit den Eltern in eine Eltern-Kind-Einrichtung gehen soll.

Für uns alle ist die Situation sehr schwer. Die Eltern müssen die Bindung zu ihrem Kind völlig neu aufbauen, sie müssen das Herz eines Kindes gewinnen, das sie doch eigentlich von Natur aus bereits geschenkt bekamen.

Und wir müssen ein Kind loslassen, dass wir inzwischen wie ein eigenes Kind ins Herz geschlossen haben. Mit dem wir so viele Meilensteine erlebt haben, die ersten Zähne, das erste Krabbeln, die ersten durchgefieberten und durchwachten Nächte, das erste Lächeln, die ersten Schritte, das erste „Mama“, der erste Geburtstag.

Und vor allem, ist da ein Kind.

Ein 15 Monate altes Kind, dass nicht versteht, dass es eigentlich nicht in diese Familie gehört.

Das alles verlieren wird, das es kennt – wieder einmal.

Und dem man nicht erklären kann, was mit ihm passiert.

Ein Kind, dass es gewohnt ist, jeden Abend in „Mamas“ Arm einzuschlafen, morgens die „Geschwister“ um sich zu haben und von uns allen geliebt und betüddelt zu werden. Das „Großeltern“ hat. Und all das verlieren wird, ohne dass man ihm erklären kann, dass es seine „richtige“ Familie zurückgewinnt, dass es Eltern gibt, die sich wahnsinnig auf dieses Kind freuen, dass es andere Geschwister hat, die demnächst seinen Alltag bereichern.

Ich danke euch, dass ihr euch die Zeit genommen habt, das zu lesen! Vielleicht könnt ihr das auch teilen?
Wir teilen schon, was das Zeug hält, aber unter Pflegeeltern erreicht die Petition leider immer wieder die selben 😉

Viele liebe Grüße
Elisa

P.S. von Béa: Natürlich habe ich das nun auch unterschrieben:

https://www.openpetition.de/petition/online/schnellere-entscheidungen-fuer-das-kindeswohl

Und dieses Video hat mir ein viel besseres Verständnis von der Aufgabe, die Bereitschaftspflegeeltern bewältigen:

Titelbild: Photo by Shot By Ireland on Unsplash

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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8 Kommentare

Meike
Antworten 18. April 2019

Danke fürs Veröffentlichen! Auch wir sind Bereitschaftspflege-Familie und haben seit mehr als 14 Monaten einen mittlerweile Dreijährigen bei uns Zuhause. Genau wie in dem Beitrag ist seine Perspektive noch immer nicht ganz klar. Er kam mit zwei Jahren zu uns. Seine Mama hat ihn morgens in die KiTa gebracht, wir haben ihn dann abgeholt. Völlig fremde Menschen, die das Kind ins Auto packen und in eine komplett unbekannte Umgebung bringen, es abends in ein fremdes Bett legen und ihm Klamotten anziehen, die es nie zuvor gesehen hat. Auch unser Kerlchen hat sich bei uns gebunden, unsere Kinder haben sich an ihn gebunden - natürlich wissen wir das alle vorher. Und es ist hier auch immer sehr präsent, dass das Kerlchen wieder auszieht. Aber wir können nicht ein Jahr lang mit angezogener Handbremse durchs Leben fahren. Die Perspektive muss schneller geklärt werden, damit die Kinder ankommen, durchstarten und endlich ihren, manchmal schweren, Rucksack in die Ecke werfen und nach und nach auspacken können. Danke für jeden, der die Petition unterschreibt! MEIKE von den Neonzwergen

    Béa Beste
    Antworten 18. April 2019

    Danke dir für deinen Einsatz und dass du zeigst, dass es sich nicht um Einzelfälle handelt! Liebe Grüße, Béa

Christin
Antworten 18. April 2019

Ich war auch einmal Pflegemama, fast 5 Jahre und habe leider wahnsinnig schlechte Erfahrungen mit dem Jugendamt gemacht. Das Kind wurde vorm JA überhaupt nicht angehört und etliche andere Pannen. Püppi ging es nach der Trennung gar nicht gut, musste später sogar auf eine Sonderschule. Habe mich daher dazu entschlossen, es nicht noch einmal zu machen obwohl es ja Mangel gibt. Bewundere andere Pflegemoms sehr. LG

Jochen
Antworten 19. April 2019

Kann man den Verbleib nicht einklagen? Ich hörte so etwas. Mal ganz ehrlich.Wenn es diese Option gäbe würde ich es tun. Für das Kindeswohl.

Wir als Familie sind ja momentan auch angemeldet um den Prüfungsprozess beginnen zu dürfen Pflegeeltern zu werden. Der Infoabend war sehr interessant, aber so eine Situation wie hier geschildert wäre ja Worst Case Szenario. Man gewöhnt sich gegenseitig und dann muss das Kind wieder zurück.

    Béa Beste
    Antworten 19. April 2019

    Ich gebe die Frage weiter, an alle, die mitlesen! Danke für dein Kommentar!

    Katja
    Antworten 19. April 2019

    Hallo Jochen,
    ja, das kann man versuchen. § 1632 IV BGB regelt, dass Pflegeeltern einen Antrag auf Verbleib in der Pflegefamilie stellen zu können, wenn die leiblichen Eltern das Kind aus der Pflegefamilie herausholen wollen und diese Wegnahme aus der Familie das Kindeswohl gefährden würde. Es würde dann über das Gericht und ggf. Ein Gutachten geprüft, inwieweit die Herausnehme des Kindes negative Auswirkungen hätte und ob dadurch das Kindeswohl gefährdet wäre. Wie diese Prüfung ausgeht, weiß man natürlich im Vorfeld nie und aus diversen Verfahren vor dem Familiengericht (ich arbeite u.a. als Familienhilfe) musste ich lernen, dass die Richter sich leider oft über jede pädagogische und/oder psychologische Einschätzung hinwegsetzen und z.B. Bindungstheorie etwas ist, was dort eher unbekannt ist.... (sicher nicht überall und es gibt Lichtblicke, aber Grubdlagen sollten für Familienrichter meiner Meinung nach zum Studium gehören. Das würde einigen Kindeen und Familien einiges ersparen).

sabrina
Antworten 20. April 2019

Guten Morgen ! Ich find es toll das es noch solche Eltern gibt die andere Kinder aufnehmen und sie wie eigene behandeln !!
Ich kann so was leider nie machen alleine schon die Vorstellung man müsste es wieder abgeben !
Ich selbst komme aus einer grossfamilie (7 Jungs und 3 Mädels) und habe selbst schon 3 Jungs im Alter von 8,6 Jahren & unser jüngster 4 Monate ! Ich komme aus einer grossfamilie und meine Eltern lieben heute noch den Jubel und Trubel um sich mittlerweile sind es 7 Enkel die meine Eltern haben ! meine ältesten Geschwister sind jetzt 41 & 36 und ich bin jetzt 33 aber als die beiden und auf der Welt waren haben meine Eltern auch eine Pflegetochter aufgenommen die war so alt wie meine älteste (7 Jahre) Schwester die beiden wurden dann wie Schwestern und beste Freunde !! Nach 4 Jahren kam das Jugendamt und haben sie wieder weggekommen weil ihr Vater sie wieder haben wollte ! Einfach so aus einer intakten Familie gerissen ...er hat getrunken und das Verhältnis war nie das beste !! Vor einigen Jahren Ca 3 Jahren hab ich sie im Internet gesucht sie hat sich sehr gefreut nur meine Grosse Schwester und meine Mutter wussten nicht wie sie reagieren sollten bzw meine Mutter hab ich erst einige Zeit später damit konfrontiert weil ich mir gut vorstellen könnte wie sie es aufnimmt ! Allerdings hat das Mädchen sich sehr gefreut über meinen Kontakt ! Leider hat meine Mama negative Erfahrungen gemacht es aber nur einmal gemacht und dadurch sagte sie sie will lieber eigene Kinder Statt den ständigen Streit um Kinder vom jungendamt da es ja oft mit denen nicht leicht ist !! Das alles ist schon so viele Jahre her !! Aber eine grossfamilie ist etwas tolles !!! Und sie wird noch grösser :))

Elisa
Antworten 25. April 2019

Eine sehr wichtige Petition!

Auch bei uns als Pflegefamilie gab es den Fall, dass ein Kind erst nach langer Zeit von uns in eine Dauerpflege gegeben wurde. Was natürlich auch richtig ist, nur sollte dieses Verfahren nicht so viele Monate dauern!

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