„Toll, ihr habt demokratisch entschieden? Dann machen wir was anderes!“ – Anekdote über Mitbestimmung in der Schule, die keine war


Ihr Lieben, aus der Feder von Gottfried Thomas, von dem ihr auch schon einiges hier gelesen habt, habe ich heute eine Erfahrung über eine Mitbestimmung in der Schule, die keine war – mit der Frage, ob ihr auch schon ähnliches erlebt habt und wie ihr dann gehandelt habt.

Ein „Run for Help“ mit 100% Motivation

Es ist noch gar nicht so lange her, ich war ein ganz normaler Lehrer – na ja, was man als „normal“ eben so bezeichnen kann. Immerhin war ich neben meinen Tätigkeiten als Fach- und Klassenlehrer auch zum Vertrauenslehrer der Schüler gewählt worden, weil ich eigentlich schon immer ein besonderes Verhältnis zu ihnen hatte – und sie wohl spürten, dass ich sie, egal in welchem Alter, immer ernst genommen hatte, und waren die Probleme auch noch so „klein“…

Die Organisation von speziellen Veranstaltungen gehörte eigentlich nur am Rande zu meinen Aufgaben, aber natürlich unterstützte ich als Vertrauenslehrer die Schüler, wo immer sie Hilfe benötigten.

Sehr gut erinnere ich mich an einen der ersten „Run for Help“-Läufe – weniger wegen der damals schon riesigen Beteiligung fast der gesamten Schülerschaft, als vielmehr wegen…

Aber der Reihe nach: Die Vorbereitungen waren alle getroffen, die Schüler fieberten dem Tag des Laufes für die Aktion „Run for Help“ entgegen, die Eltern hatte ihre Bereitschaft zur Prämienbezahlung für jeden gelaufenen Kilometer unterschrieben, und in allen Klassen war in den letzten Wochen immer wieder kräftig trainiert worden.

Demokratische Abstimmung über die Verwendung der Gelder

Alle waren in höchster Aufregung – nur die Frage, was mit dem „erlaufenen“ Geld in diesem Jahr passieren sollte, war noch nicht geklärt. Also machte der Schülerrat erst mal eine Umfrage in allen Klassen, die Klassensprecher trafen sich danach wieder und stellten eine „Wunschliste“ der Schulleitung vor, denn in diesem Jahr war die Vorgabe gewesen, dass man das Geld schulintern nutzen wollte – als Privatschule muss man das natürlich auch immer mal im Blickfeld haben.

Und die Umfrage unter den Schülern war ziemlich deutlich: Entsprechend der doch in die Jahre gekommenen technischen Ausstattung der Schule (den sogenannten „Digitalpakt“ der Bundesregierung gab es damals natürlich noch nicht) wünschten sich die Schüler:

1) Möglichst in jedem Klassenraum einen Internet-Zugang,

2) möglichst einen kompletten Laptop- bzw. Tablet-Klassensatz,

und

3) sollten endlich auch hier digitale Smartboards angeschafft werden.

Selten hatte ich die Schülerschaft über alle Klassenstufen hinweg so einig gesehen – und diese Wünsche stellten sie der Schulleitung rechtzeitig vor dem „Run for Help“ vor!

Der „Run for Help“-Lauf war ein Riesenerfolg – noch nie war so viel Geld zusammen gekommen, das nun der Schule selbst zu Gute kommen konnte…

Die Abrechnung war fertig, der von den Schülern erkämpfte Betrag stand fest, und die Schulleitung konnte nun, als Verwalter des der Schule zur Verfügung stehenden Geldes, über die Verwendung entscheiden.

Und sie tat es.

Undemokratische Entscheidung:

Die Lehrer erfuhren es per Eintrag im Mitteilungsbuch, dem Schülersprecher wurde es in einer Pause auf dem Gang vom Stellvertretenden Schulleiter mitgeteilt:

„Der Reinerlös aus dem ´Run for Help´ wird für neue Spielgeräte auf dem Schulhof und für die Renovierung der Mädchentoiletten benutzt, hieß es – und „damit wird allen Schülern der Schule geholfen“ war die Argumentation der Schulleitung.

Dass ICH über diese Entscheidung der Schulleitung entsetzt war, versteht sich wohl von selbst – die Schüler waren es natürlich aber noch viel mehr!

Wie sollen die Kinder und Jugendliche uns bei all unseren Entscheidungen und Handlungen denn ernst nehmen, wenn wir (als Erwachsene generell und als Pädagogen ganz besonders) sie und ihre Vorschläge nicht ernst nehmen???!!! Manchmal schäme ich mich, zu der Kategorie „Erwachsener“ zu gehören und freue mich über all jene, die sich dagegen auflehnen (wie z. B. auch bei den Demos zu Fridays for Future“)!

Euer Gottfried

P.S. von Béa: Habt ihr auch solche „demokratischen“ Situationen erlebt? Was macht ihr mit einer Mitbestimmung in der Schule, die keine war?

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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