Wenn die Rollen sich vertauschen und die Kinder den Eltern was beibringen


Ich liebe meine Eltern für so vieles. Für ihre Mühe, ihre Geduld und vor allem für alles, was sie mich gelehrt haben. In den letzten Jahren ist mir jedoch vermehrt das Phänomen aufgefallen, wenn die Rollen sich vertauschen und die Kinder den Eltern was beibringen.

Alles hat einen Anfang. Als Babys werden wir geboren und wissen bis auf unseren natürlichen Hunger, Ausscheidungs- und Schlaftrieb nichts. Wir beginnen bei null, wie eine leere Leinwand, der immer mehr Farbe hinzugefügt wird. Und unsere Eltern sind diejenigen, die die meisten Pinselstriche schwingen.


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Eltern erziehen – Eltern lehren

Und damit meine ich vor allem ganz triviale Dinge, die ich schon seit Ewigkeiten kann, aber ihren Ursprung nie hinterfragt habe. Erst vor Kurzem ist mir so richtig klargeworden, dass alles, was heute für mich völlig natürlich erscheint, mir irgendwann beigebracht wurde – von meinen Eltern.

Nicht nur führten sie mich in meine ersten Worte und Schritte ein, sie zeigten mir auch, wie man mit Messer und Gabel isst, wie man Fremden höflich die Hand reicht und wie man sich in Restaurants verhält, und dass man stets Danke sagt. Das alles mag banal erscheinen, doch auch das habe ich irgendwann gelernt!

Was mir banal erscheint und ihnen nicht

Doch es lässt sich nicht leugnen, dass meine Eltern und ich einer anderen Generation entstammen. Der Kontrast wird mit jedem Jahr stärker und das ist vor allem der Digitalisierung geschuldet. Heute scheint mir vieles banal und ihnen nicht.

Wenn die Rollen sich vertauschen

Lange Zeit waren die Rollen klar – Eltern lehren, Kinder lernen. Heute hat sich die Dynamik bei uns verändert. Heute bitten sie um meinen Rat und fragen, ob ich ihnen etwas beibringen kann. Die meisten Fragen, die sie mir stellen, beziehen sich wie gesagt auf die Digitalisierung. Selbst mein Vater, der ein „Technik-Enthusiast“ ist und sich nicht vor neuen Smartphones oder Updates scheut, kommt bei der Geschwindigkeit der Änderung nicht hinterher.

„Kannst du mir das nochmal zeigen?“

„Wie funktioniert das?“

„Hilfst du mir?“

Alles Fragen, die ich meinen Eltern damals ebenfalls gestellt habe. Verrückt, wie die Zeiten sich ändern. Irgendwie finde ich es sogar schön, denn auf diese Weise habe ich das Gefühl, dass ich meinen Eltern etwas zurückgeben kann! Es gibt nur eine Sache, bei der ich fürchte, dass ich sie nicht alleine stemmen kann.

Der dünne Geduldsfaden

Vieles von dem, was heute fest zum Leben gehört, können meine Eltern nicht, weil es ihnen nicht beigebracht wurde. Bisher musste ich meinen Eltern bei jeder Präsentation helfen und war mehrmals kurz davor, die Geduld zu verlieren, weil etwas, was für mich so einfach war wie Atmen, bei ihnen für totale Überforderung sorgte. Einmal kam es zu einem tränenhaften Ausbruch, dass sie einfach nicht hinterherkommen würden, was mich erst erkennen ließ, wie viel Angst und Sorge in ihnen schlummerte. Da erst wurde mir klar, dass sie nie so ungeduldig mit mir waren, wenn ich etwas beim ersten oder zweiten Mal nicht hinbekam. Fortan nahm ich mir vor, achtsamer mit ihnen zu sein.


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Werden „ältere“ Menschen ausreichend abgeholt?

Jetzt muss ich einen etwas ernsthafteren Ton anschlagen. Werden ältere Menschen – oder generell jene, die sich mit Digitalisierung und Technik schwertun –  eigentlich ausreichend abgeholt? Werden sie regelmäßig „upgedatet“? Erhalten sie Schulungen, in denen ihnen die Basics, die jede*r heutzutage weiß, erklärt werden?

Nein. Bei einigen Berufen mag das vielleicht sein, aber in vielen ist es nicht der Fall. Dort gehen die Menschen unter, wenn sie sich nicht irgendwie selbst auf den neuesten Stand bringen. Ich hörte von einem traurigen Schicksalsschlag, in dem die Mutter einer Bekannten gekündigt wurde, weil sie einfach nicht mehr genügend „ablieferte“. Sie wurde durch eine junge Frau ersetzt, die sämtlichen IT Kram im Schlaf konnte. Meine Eltern, die das hörten, machten sich daraufhin ebenfalls ihre Gedanken, obwohl es natürlich gar nicht so leicht ist, jemanden einfach so zu entlassen. Aber trotzdem ist es schwer mit der Angst, die einem die ganze Zeit im Nacken klebt, zu leben.

Auch die Umstellung ins Home Office war für viele eine Herausforderung, in der sie ohne Weiteres ins kalte Wasser geschmissen wurden. Es ist ein sehr heikles Thema und die einzige Lösung besteht darin, „älteren“ Menschen, oder allgemein jenen, die nicht Teil der Genration Digitalisierung sind, die Hand zu reichen.

Wenn die Rollen sich vertauschen und die Kinder den Eltern was beibringen …

… ist das schön und erfüllend. Wenn die Eltern allerdings so planlos sind, weil sie unter anderen Normverhältnissen aufgewachsen sind, dann obliegt es an der Gesellschaft, sie ebenfalls zu integrieren und nicht im Stich zu lassen. Führt sie in das nötige Know-How ein und seid vor allem geduldig mit ihnen. Niemand stellt sich absichtlich dumm. Das musste auch ich mir hinter die Ohren schreiben.

Was ist eure Meinung dazu?

Liebe Grüße
Mounia

P.S. von Béa, die ein wenig schmunzeln musste, wie Carina ihre eigene Haltung adoptiert hat – hier eine Anekdote aus dem Buch „Gemeinsam schlau statt einsam büffeln“ – https://amzn.to/37xdCes

Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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