Wie sollten wir mit Klischees umgehen?


Klischees sind Unwahrheiten. Sie bauschen sich mit einem Vorurteil auf und haben ihre stereotypischen Wurzeln meistens aus dem Sexismus oder anderer Formen der Diskriminierung. Heutzutage wird sehr allergisch auf sie reagiert, aber ist das der „richtige“ Umgang? Wie sollten wir mit Klischees umgehen?

In den meisten meiner Beiträge, die in die „ernste“ Richtung neigen, versuche ich Vorurteile, Begriffe und Ähnliches aufzudecken, um die Welt für alle Menschen respektvoller zu machen. Das Klischee spielt dabei immer eine Rolle, aber meistens eine negative. Ich habe mich eine Weile mit diesem Phänomen beschäftigt und frage mich, ob es nicht auch die falsche Lösung wäre, sie für immer fortzuschaffen.


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Der Grund ist Folgender:

Einige Klischees treffen auf mich zu.

Und um keinen anzugreifen, spreche ich hier ausschließlich über mich. Tatsache ist, dass ich mich immer wieder erwische, wie ich in besagte Klischees falle. Wenn es heißt, ich lese Liebesromane, bin ich „typisch Mädchen“. Wenn es heißt, ich liebe scharfes Essen, dann wird es gleich auf die Herkunft meiner Eltern geschoben. Wenn es heißt, dass ich bei der Eröffnung einer neuen Kasse sofort auf sie zu renne, bin ich typisch „Alman“.

Ja, ich passe in einige Klischees und manchmal lache ich selbst gerne darüber. Aber oft nerven sie mich auch und das hat genau zwei Gründe:

1. Meistens bleibt es nicht nur bei dem einen Spruch.

Sehen die Leute, dass ich über einiges lachen kann, fühlen sie sich oft bestätigt, einen draufzusetzen. Dann geht es nicht mehr nur um dieses eine Stereotyp, sondern um jedes einzelne, das mich beispielsweise „mädchenhaft“ macht. In solchen Momenten erwische ich mich dann, immer wieder klarzustellen, dass ich eben nicht typisch Mädchen bin und nicht viel auf die Farbe Rosa, Kleidung oder Schminke gebe. Und am Ende ärgere ich mich, dass ich mich auch noch rechtfertige, obwohl ich ohnehin nicht zu der Person durchdringen werde.

2. Die Frequenz der Sprüche wird auf Dauer nervig.

Was mich ebenfalls sehr belastet, ist, dass ich meistens dieselben Sprüche höre. Zum Beispiel musste ich schon oft in meinem Leben erklären, dass ich sehr hitzeempfindliche bin, was jedes Mal für eine riesige Diskussion sorgt, weil mein Hautton ja so dunkel sei.

Die üblichen Schenkelklopfer wie. „Was haben dir deine Eltern denn für Gene vererbt?“ oder „Da biste ja im Herzen genauso weiß wie wir höhö“ enthalten eine große Prise Rassismus und sind für mich einfach nicht lustig.

Und doch lache ich auch gern über Klischees, nicht nur über meine eigenen, sondern über die anderer. Ich amüsiere mich zum Beispiel sehr gerne über meine arabische Familie, die mit ihrer Lautstärke ihrem Temperament und ihrem Humor so einige Klischees erfüllt. Und Béa reißt auch schon mal den einen oder andren Witz über ihre rumänischen Verhandlungsfähigkeiten oder auch ihren lockeren Umgang mit Regeln.


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Was ist also die Lösung? Klischees komplett abschaffen? Oder einen sensiblen Umgang damit finden? Und wenn ja, welcher wäre es?

1. Es kommt darauf an, wer den Spruch äußert.

Wenn eine Person aus meinem Kulturkreis einen Witz auf meine Kosten macht, dann kann ich viel eher darüber lachen, als wenn eine andere Person es tut. Der Grund ist der, dass ich bei ersterer Person ganz genau weiß, dass sie sich einen Spaß erlaubt und ich es bei Letzteren nicht mit Sicherheit behaupten kann. Sie könnte einen Witz machen, ja – aber sie könnte es auch ernst meinen. Ich werde daher auch nicht einfach so Witze über Menschen machen, die keine Beine haben, weil es unangebracht wäre, wenn ich es täte, versteht ihr?

2. Es kommt auf das Gegenüber an, der*die den Spruch äußert.

Humor ist ja immer so eine Sache. Einige können über alles und jeden lachen, andere eben nicht. Ich mag es nicht, wenn Menschen Witze über meine Herkunft machen, aber einige mögen es tatsächlich. Es ist daher wichtig zu schauen, wo bei der jeweiligen Person die Grenzen liegen. Lacht sie gerne über sich? Erlaubt sie mir, auch über sie zu lachen? Checkt das vorher ab und akzeptiert es, wenn die Antwort auch nein bedeutet. Einmal mehr nachfragen ist immer besser, als ins Fettnäpfchen zu treten.

3. Klischees sollten nicht das einzige Amüsement sein.

Wenn das Einzige, über das wir lachen, Stereotype sind, finde ich das ziemlich verdächtig. Wenn der Humor jedoch weit über Klischees hinausgeht und es viele Dinge gibt, die uns erheitern, dann erhält das Amüsement eine ausgewogene Balance. Ja, Klischees sind manchmal lustig und vor allem sind sie lustig, wenn wir sie über uns selbst raushauen. Aber sie sind auch Unwahrheiten und in einer Welt, in der nach wie vor sehr viele Witze auf Kosten von Minderheiten gehen, sollte man es sich vorher zwei Mal überlegen, ob man seine Gedanken wirklich ausspricht oder besser als Gedanken behält.

Wie sollten wir mit Klischees umgehen?

Meine zusammenfassende Antwort darauf: Achtsam!

Ein achtsamer Umgang mit Klischees ist das Wichtigste. Uns muss klar sein, dass Klischees niemals immer wahr sind und nur vereinzelt auf ein Individuum zutreffen können. Ja, ich bin eine Frau, nein, ich mag kein Rosa, ja, ich lese Liebesromane, nein, ich mag keine Pferde, ja, ich bin Feministin, nein, ich bin keine Männerhassern, ja, meine Eltern kommen aus einem anderen Land, nein ich bin nicht immer unpünktlich … Ich könnte ewig so weitermachen, aber die Botschaft ist vermutlich klar:

Klischees sind Klischees! Manchmal treffen sie auf einen zu, manchmal nicht.

Also: Wie seht ihr das? Welche Klischees sind OK für euch, welche nicht?

Liebe Grüße
Mounia

Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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