Was haben Gerüche mit Rassismus zu tun?


Da das Thema Rassismus gerade sehr präsent ist, möchte ich meine Stimme wieder nutzen und meinen Beitrag leisten.
Diesmal geht es um Gerüche – und was diese mit Rassismus zu tun haben.

Eigentlich hatte Béa mich gefragt, ob ich über Weichspüler schreiben möchte. Ich bin ein „kleines“ bisschen abgeschweift und habe viele verinnerlichte Gedanken zum Thema Rassismus und Gerüche wieder aufleben lassen.

Ich bin sehr geruchsempfindlich.

Mein Geruchssinn ist überdurchschnittlich ausgebildet. Teilweise könnte das mit meiner Genetik zusammenhängen – meine Mutter hat es nämlich auch, aber teilweise ist es auch antrainiert. Ich achte sehr auf Gerüche, vor allem, wenn es um meine eigene Hygiene geht.

Weil ich nicht rassistisch behandelt werden will.

Kennt ihr den klischeehaften Spruch „Schwarze Leute stinken“?

Bestimmt kennt ihr ihn. Wenn nein, dann geht nochmal in euch. Ich wette, ihr habt mal irgendwo von jemandem gehört:

„Schwarze haben immer diesen seltsamen Eigengeruch.“

„Schwarze riechen irgendwie voll komisch.“

„Schwarze stinken voll!“

Dieses Klischee existiert und es richtet sich immer an schwarze Menschen oder Menschen mit Migrationshintergrund. Es gibt nicht den Spruch „Weiße Menschen stinken“. Selbst wenn es einen nicht gut riechenden weißen Menschen gibt, fällt er trotzdem in kein Klischee.

Klischees sind Unwahrheiten.

Trotzdem glauben viele an sie, weil es ja immer wieder Ausnahmen gibt, die die Unwahrheit bestätigen. Nichts desto trotz bleibt sie eine Unwahrheit. Ein gemeines und verletzendes Klischee.

Jede schwarze Person hat diesen Spruch schon mal gehört.

Ich habe ihn gehört, meine Familie hat ihn gehört, meine Freund*innen haben ihn gehört.

Ein ehemaliger Freund meiner Schwester (glücklicherweise sind sie nicht mehr befreundet) war sich nicht zu schade, einen Spruch nach dem anderen zu diesem Thema abzulassen. Ich wusste damals nicht, wie rassistisch er war, denn das war er. Er hatte nicht einmal den Anstand, seine Sprüche vor uns im Zaum zu halten. Seine Freundin war selbst von dem Spott betroffen, doch das war ihm egal.

„Ich meine doch nicht euch! Ihr riecht voll gut! Aber ihr müsst doch zugeben, dass es einige Dunkelhäutige gibt, die echt stinken!“

Eine lahme Entschuldigung für seinen grenzenlosen Rassismus. Sollten wir uns jetzt geehrt fühlen? Weil wir dazugehörten? Waren wir Teil der Komplizenschaft, die sich über schwarze, stinkende Menschen aufregt?

Es gab einen schwarzen Jungen in meinem Jahrgang.

Wann immer er wegen seines Geruchs attackiert wurde, traf es auch mich. Wir waren Teil einer Minderheit, die ohnehin schon für vieles verspottet wurde („Schwarze sind immer so laut“, „Schwarze sind immer so temperamentvoll“, „Schwarze sind immer so aggressiv“).

Selbst wenn der Spruch nicht mir galt und über eine ganz andere Person gehetzt wurde, fühlte ich den Schmerz trotzdem. Vielleicht kennt ihr das, wenn eine Person über ignorante, geizige, unhöfliche „Klischeedeutsche“ hetzt und ihr euch instinktiv verteidigen wollt. Kein direkter Vergleich, aber ihr wisst glaub ich, was ich meine. Man ist verletzt, obwohl man selbst nicht direkt betroffen ist.

Na ja, zurück zum Text.

Ich wollte also um keinen Fall in dieses Klischee fallen und überkompensierte deshalb.

Ich wusch mich. Ich cremte mich ein. Ich parfümierte mich. Ich entschied mich für sanfte, süße Gerüche. Ich wollte so sehr aus der Menge herausstechen, sodass ich irgendwann von allen Seiten Komplimente zu meinem Parfum bekam. Andere Frauen fragten mich nach meiner Bodylotion, die ich benutzte und welches Parfum ich verwendete. Jungen die ich traf, machten mir fast immer ein Kompliment zu meinem Geruch.


ANZEIGE


Vergaß ich mal mein Deo im Sportunterricht, brach meine Welt halb zusammen. Lieh ich mir eins von den anderen Mädels aus, fühlte ich mich den ganzen Tag unwohl, weil ich mir einredete, dass ich trotzdem stank. Es war nicht „wie ein Zwang“ gut zu riechen, es war ein Zwang. Ich war süchtig danach gut zu riechen.

Meine Schwester zerbrach ein Mal versehentlich meine Parfümflasche – ich heulte stundenlang und wollte sogar nicht zur Schule gehen, weil ich mich ohne mein Parfum so unwohl fühlte. Meine Eltern nannten mich „Dramaqueen“ und konnten meinen Ausbruch nicht verstehen. Aber für mich war es eben nicht nur ein Parfum. Für mich war es die parfümierte Schutzmauer, die ich baute, um mich vor gehässigem Rassismus zu schützen. Ich wollte nicht stinken. Ich wollte das Klischee nicht bestätigen.

Ich machte alles falsch.

Anstatt mich gegen Rassismus aufzulehnen, meine Stimme zu erheben und die Idioten in die Fronten zu weisen, tat ich alles, um ihnen bloß keinen Grund zu geben, noch mehr über mich herzuziehen. Ich passte mich ihnen so gut ich ging an, obwohl das nicht meine Aufgabe war. Schließlich mussten sie mit mir klarkommen. Sie mussten sich ändern, nicht ich.

Denkt nach, bevor ihr sprecht.

Vielleicht hat sich noch ein altes Klischee in eurem Denken verankert. Haltet also inne und denkt nach, bevor ihr sprecht. Selbst wenn ihr von euch selbst behauptet, nicht rassistisch zu sein.

Die meisten weißen Menschen – ob ihr es wollt, oder nicht – tragen immer noch rassistisches Gedankengut in sich. Das liegt hauptsächlich an unserer Bildung – wir haben in der Schule nie genügend über (Post)Kolonialismus gesprochen; das Thema Rassismus kam wenn, dann nur in Form von Nazis gegen Juden auf. Aber es ist nicht nur die Bildung, sondern auch die eigene Haltung, die nach all den Jahren oft nicht mehr verändert werden will.

Wir alle haben Klischees im Kopf und wir denken auch manchmal noch in Klischees. Doch es liegt an uns allein, etwas dagegen zu unternehmen. Wir entscheiden, ob wir uns verändern wollen oder nicht.

Falls euch das Thema interessiert, könnt ihr hier mehr zum Thema „Komplimente“ lesen:

„Das war doch gar nicht böse gemeint!“ – nett gemeinte Komplimente und Alltagsrassimus aus der Sicht einer Betroffenen

Liebe Grüße
Mounia

P.S. von Béa: Kauft Mounias Buch „Zwischen meinen Worten“. Es geht um Essstörungen, aber auch oft und sehr zart um Rassismus und Ausgrenzung. Sehr lesenswert für Jugendliche und jugendlich gebliebenen!!!

 


ANZEIGE


Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

DAS KÖNNTE DIR AUCH GEFALLEN

Vor dem Binge Eating – Textausschnitt aus dem Buch „Zwischen meinen Worten“
26. May 2020
Was ist Binge Eating? Textauszug aus meinem Buch „Zwischen meinen Worten“
05. Feb 2020
„Wir alle sind anders und doch gleich viel wert!“ – 10 Jugendbuchtipps mit mehr Repräsentation
01. Feb 2020
„Du wirfst wie ein Mädchen!“ – Schluss damit, uns mit Geschlechterrollen-Klischees zu beleidigen!
14. Jan 2020
„Empathie“ als Unterrichtsfach? Warum ich das Schulsystem der Dänen klasse finde
26. Nov 2019
„Das war doch gar nicht böse gemeint!“ – nett gemeinte Komplimente und Alltagsrassimus aus der Sicht einer Betroffenen
06. Nov 2019
„Je ländlicher die Gegend ist, desto schwieriger“ – Buchempfehlung „Mütter aus Deutschland“
05. Jul 2019
Dinge, die ich (als Frau) nicht kann… und auch nicht können muss!
15. May 2019
Ich mag die Frage „Woher kommst du?“ – Auflösung meines AncestryDNA-Tests *Werbung*
13. Mar 2019

DAS KÖNNTE DICH AUCH INTERESSIEREN

Werbung

2 Kommentare

Philipp
Antworten 4. Juni 2020

Liebe Mounia,
du bist nicht alleine mit diesem Zwang gut zur riechen. Das betrifft Männer und Frauen, junge und alte, völlig unabhängig von ihrer Herkunft.

Ich verstehe aber das deinen Artikel dahingehend, dass es für Menschen mit MIgrationshintergrund oftmals noch bedeutender ist eben wegen diesen pauschalisierten Aussagen die du in deinem Artikel erwähnt hast.

Ich habe mir dazu auch ein paar Gedanken gemacht und würde die gerne mit dir (und dem Tollateam und den Tolla-Leserinnen teilen). Mir ist bewusst dass meine Sicht der Dinge geprägt ist durch die Tatsachen dass ich a) ein Mann und b) ein "weisser" /europäischer /kaukasischer Mann bin und sich meine Sicht daher durchaus von der Sichtweise von Frauen / Menschen mit anderer Ethnie unterscheiden kann.

Was mir immer wieder aufstösst ist generell diese Pauschalisierung von "die Schwarzen". Menschen quer über den afrikanischen Kontinent unterscheiden sich ganz stark voneinander, sind unterschiedlich "hell/dunkel" und auch von sehr unterschiedlichen Staturen. Massai sehen optisch ganz anders aus als San / Khoisan und diese unterscheiden sich wieder von den Bantuvölkern in der demokratischen Republik Kongo. Und Somalis sehen anders aus als Senegalesen, und und und.

Und wenn wir ehrlich sind, dann existieren ensprechende optische Unterschiede auch in Europa, wenn man einen Finnen neben einen Italiener neben einen Iren neben einen Serben neben einen Spanier neben Polen neben einen Esten neben einen Dänen stellt. Oh und wahrscheinlich riecht jeder von denen auch anders - schon alleine weil etwa andere Parfums und Deos beliebt sind. [Einschub: schon mal auf Reisen festgestellt dass das Parfum das man zuhause so gerne hat, irgendwie so gar nicht zum Urlaub an der italienischen Riviere passt? Oder anders rum - schon mal im Urlaub in Griechenland ein tolles neues Parfum gekauft dass, dann zuhause im verregneten Salzburg so anders roch und seitdem nurn noch als Raumerfrischer auf der Toilette verwendet wird? - Geruch wird ja auch durch Umgebung/Temperatur/persönliches Wohlbefinden beinfluss]

Ich habe einige Jahre im Flüchtlingsbereich gearbeitet und in diesem Kontext Menschen aus mehreren arabischen und afrikanischen Ländern kennen gelernt.

Und einige haben sehr "exzessiven" Gebrauch von Parfums und Duftwässern praktiziert. Und aus meiner Sicht (- oder vielmehr meiner Nase nach) ist dann genau der gegenteilige Effekt eingetreten. Sprich es war kein angenehmer Duft (mehr) sondern mehr so ein olfaktorischer Hammerschlag auf die Nase.

Ich habe auch tatsächlich drei Personen (beiderlei Geschlechts) dann gebeten sich vor Terminen bei mir nicht mehr zu parfümieren, da ich von deren schweren Düften auch Kopfschmerzen bekam und der Duft auch noch in meinem Büro hing nachdem sie weg waren. Ähnliche "beschwerliche" Dufterlebnisse hatte ich aber hier in Salzburg auch schon im Sommer während der Festspielzeit mit manchen aufgedonnerten Damen, die im vorderen Bereich eines Stadtbusses sitzend, auch in den hinteren Reihen noch sehr ... präsent waren.

Ich kann mich weder bei Klient*Innen aus Ruanda, Kongo oder Nigeria an irgendwelche speziellen Gerüche oder Düfte erinnern durch die sie hervorgestochen hätte. Sehr wohl ist mir eine Zeit lang aber bei mehreren Menschen aus Somalia ein bestimmter Geruch aufgefallen - bis ich irgendwann erfahren habe, dass es sich um eine intensiv riechende Würzmischung aus der somalischen Küche handelte. Danach hab ich immer Hunger bekommen wenn ich das gerochen habe ...

Und ja, es kann immer wieder vorkommen dass Menschen einen intensiveren Geruch verströmen. Egal ob das jetzt ein Mann oder eine Frau ist, ein Bio-Deutscher, Spanier, Serbe, Somali, Türke , ob er heller oder dunkler, gepunktet oder gestreift ist. Kaum jemand sticht absichtlich durch seinen Duft hervor. Wenn wir jemanden riechen (oder nicht riechen können) wissen wir nicht , ob derjenige vielleicht gerade nach einer anstrengenden Nachtschicht im Pflegeheim sich insgeheim nur noch nach einer Dusche und einem frisch bezogenen Bett sehnt, ob er völlig gerädert nach einem heissen Tag von der Autobahnbaustelle auf dem Weg nach Hause ist, ob er vom Fußballtraining kommt und sich nicht in der Gemeinschaftsdusche waschen wollte, weil er sich für die Narben auf seinem Rücken schämt. Wir wissen nicht ob die junge Frau in der Notunterkunft überhaupt in Ruhe duschen kann, ohne Angst zu haben dass einer der männlichen MItbewohner aufdringlich wird. Wir wissen nicht ob der Dunstabzug in der überbelegten Wohnung ordentlich funktioniert, oder ob sich jeden Tag erneut Küchendüfte ungehemmt in der Wohnung ausbreiten und von Textilien aufgesogen werden. Vielleicht riecht derjenige auch "muffig" weil die Wohnung von Schimmel befallen ist, welcher sich auch immer mehr in den Kleidern festsetzt.

Wir riechen - etwas und nach etwas.

In diesem Sinne - wer riecht den Riechenden?

    Mounia
    Antworten 5. Juni 2020

    Lieber Philipp, danke für deinen ausführlichen Kommentar. Natürlich weiß ich, dass es viele Menschen mit dem Zwang gibt, gut zu riechen, aber nicht alle haben denselben Grund, um sich von Rassismus zu schützen. Schon allein deswegen finde ich es problematisch, es miteinander zu vergleichen.

    Zu dem Begriff "schwarz" kann ich nur Folgendes sagen: POC's (People of Color) haben alle unterschiedliche Hautfarben, aber BPOC'S (Black People of Color) werden meist als schwarz gelesen - so auch ich und viele andere, die noch heller sind als ich. Der Begriff schwarz ist keine Definition der Hautfarbe, sondern steht für politische Positionen, die von Rassismus erzeugt wurden. Man sollte sich nicht davor fürchten, das Wort "schwarz" auszusprechen. Man sollte sich davor fürchten es nicht auszusprechen oder gar zu ignorieren. Schwarz ist ein Allgemeinbegriff und ich versichere dir, dass schwarze Menschen noch verletzter wären, wenn man sie als "richtig schwarz" oder "etwas schwarz" bezeichnen würde.

    Zu deinen folgenden Worten kann ich nur sagen, dass es in meinem Beitrag eigentlich nicht per se darum ging, die Gerüche von dunkelhäutigen Menschen aufzuzeigen, sondern das Klischee. Einige Menschen (jeder Hautfarbe) verspüren bestimmte Düfte, andere nicht. Bei Schwarzen wird sehr oft automatisch davon ausgegangen. Und das ist schicht und einfach rassistisch.

    Liebe Grüße
    Mounia

Einen Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit einem Stern (*) markiert.