Abschied von „Recht haben“ und „Schuld sein“


Zum neuen Jahr gibt es gerade etwas, was mich beschäftigt – und ich möchte das mit euch reflektieren und weiter entwickeln. Es geht um zwei Dinge, die ganz oft in menschlichen Beziehungen für ganz unangenehme Situationen sorgen – oder gar zu Streit und Entfremdung führen.  Es geht um den oft verzweifelten Kampf ums Recht haben und die vehemente Ablehnung von Schuldzuweisungen.

Wie schwer fällt es euch, jemanden recht zu geben, der eine ganz andere Meinung vertritt?

Ganz vielen Menschen fällt das unglaublich schwer. Ich dachte, ich kann das besser, ich habe schließlich Kommunikation studiert! Und dann habe mich ertappt, dass ich jemanden nur pro Forma Recht gebe, um hinterher ein dickes „aber“ drauf zu knallen und bei meiner Meinung zu bleiben. Um meinem Anspruch an Fairness zu genügen, musste ich mich anstrengen, das Stück Recht des anderen zu sehen und anzuerkennen.

Beispiel? Bitteschön: Wenn ich gegen Silvesterböllerei bin, gilt das Gegenargument, dass man nicht alles verbieten kann, was Spaß macht. Flugreisen verursachen auch Feinstaub und sind nicht gut für die Umwelt… aber auf meine Wärme im Winter mag ich nicht verzichten.

Dann kommt eigentlich der Moment, in dem die Diskussion spannend wird – dann möchte ich wiederum auch, dass mein Gegenüber mir auch ein wenig Recht gibt. Passiert das nicht, fühle ich mich betrogen – und kontere wiederum härter mit meiner Position. „Der Klügere gibt nach“ ist auch nur so ein Spruch. Wer beleidigt ist, ist selten klug.

Recht zu haben oder zu behalten kommt oft auf Kosten der Stimmung und der Harmonie. Bewusst oder nicht, geht es beim Rechthaben oft um das Ego-Bedürfnis, sich durchzusetzen. Wir liegen richtig und der andere liegt falsch! Yeah. was für eine Befriedigung… auf Kosten der langfristigen Beziehungsqualität und oft der Wahrheit. Warum ist Rechthaben emotional so wichtig für uns, dass wir uns in unseren Familienbeziehungen und Freundschaften so oft unnötig streiten statt die Größe zu haben, auch mal zuzugeben, wenn wir unrecht haben? Auch gegenüber unseren Kindern, die uns als Vorbilder nehmen.

Ein bißchen anders ist es mit dem „Schuld sein“

„Du bist Schuld, dass wir… zu spät sind / das falsche Geschenk haben / jetzt ohne Flugreise da stehen / etc.“ – wie oft haben wir mit solchen Vorwürfen zu tun. Oder wir spüren sie in der Luft und reagieren pampig: „Ich soll Schuld daran sein, dass….?“

Wie schlimm ist es wirklich, Schuld zu sein? Tut das weh? Ist man dann der Depp vom Dienst?

Ich habe schon mal in einem Artikel erzählt, dass eine meiner Nichten als jüngstes von vier Kinder früh die „Tschuuuuldiiiigung“ sagen + süß Gucken Strategie raus hatte: Währen die anderen Geschwister sich verbittert reinsteigerten in „Ich war’s nicht“-Tiraden, beendet sie jegliche Diskussion mit einem süßen Augenaufschlag: „Kommt nicht mehr vor!“. Die wenigsten Erwachsenen sind so smart, genau diesen Weg zu gehen und mit einem kleinen Schuldeingeständnis sich ganz viel Streit ersparen.

Aber komplett nachgeben und gar kein Recht haben? Immer Schuld sein? Ist das gesund?

Ganz gewiss nicht. Es gibt Situationen, in denen klein beigeben keine Option ist – wenn zu viel auf dem Spiel steht.

Statt den belastenden Begriff Schuld zu wählen können wir vielleicht von Verantwortung sprechen und zugeben, dass meist mehrere Verantwortung für Streit tragen. Vielleicht war der andere die Ursache für das, was schief gelaufen ist, aber wir haben statt sachlich zu klären den „Schuldigen“ gleich in verletzender Weise angegriffen.

Welche Tipps habt ihr, um Streit über Recht haben und Schuld zu entschärfen und konstruktive Gesprächsergebnisse zu erzielen?

Ich achte auf drei Dinge:

1. Freundlichkeit

Egal wer mir was vor den Latz knallt, solange ich nicht physisch angegriffen werde, bleibe ich freundlich. Oft hilft das beim Deeskalieren. Ich hatte mal eine Situation im Straßenverkehr:

Ich fuhr etwas zu langsam über eine Kreuzung, weil ich mich erst orientieren musste ob ich ganz links oder nur halb links abbiegen sollte. Hupkonzert. An der nächsten Ampel hielt ein Taxifahrer neben mir, kurbelte sein Beifahrerfenster runter und brüllte mich total aggressiv an: „Wenn du kein Autofahren kannst dann hau von der Straße ab, du F***!!!“
Ich blieb ganz ruhig und erwiederte freundlich lächelnd: „Warum so bösartig? Ich kann Autofahren, ich kenne mich nur nicht in der Gegend aus. Es tut mir leid!“
Darauf wechselte der Taxifahrer abrupt seine Tonlage: „Oh. Dann is jut. Tschuldigung. Wo müssen’se hin?“
Ich: „Soundso Straße.“
Er: „Nächste Ampel links!“
Ich: „Danke!“
Er: „Bitte!“

Geht doch, selbst bei hartgesottenen Berlinern.

2. Meinung und Person trennen

Bei erhitzten Diskussionen versuche ich stets, den Menschen, der mir gegenüber ist, nicht auf seine Meinung, die ich nicht abkann, zu reduzieren. Ich versuche bewußt, etwas Gutes und Nettes zu finden. Als meine Tochter in der Pubertät ziemlich unangenehm wurde, habe ich sie mir schlafend oder als Baby vorgestellt. Und bei einigen Verhandlungspartnern im Berufsleben habe ich auch versucht, mir vorzustellen, wie sie vielleicht als Babies im Arm ihrer Mama ausgesehen haben. Sehr entwaffnend ist das!

3. Den größeren Kontext finden

Es gibt den geflügelten Spruch: „Willst du Recht haben oder glücklich sein?“ Da ist was dran. Wenn ein Streit eskaliert, ist es klug, sich zu fragen: Worum geht es eigentlich? Ganz oft habe ich gemerkt, dass Recht haben oder nicht Schuld sein gar nicht so wichtig war. Was ich wollte, war meistens Liebe, Harmonie, etwas gemeinsam anzugehen und es gut zu machen.

Gerade gestern Abend bei der Diskussion um den Beitrag „Alleinerziehend“ habe ich gemerkt, wie schnell das Thema Schuld und wer was falsch macht, hochkocht… Dabei sollte der Beitrag etwas ganz anderes erreichen: Den Menschen (Väter oder aber auch Mütter, die sich von ihren Kindern entfremdet haben, warum auch immer) klar zu machen, dass es diese Wesen gibt, die sie dringend brauchen.

In diesem Sinne, ihr Lieben, bin ich sehr gespannt, wie ihr darüber denkt. Wann müsst ihr Recht haben oder nicht Schuld sein? Und wann nicht? Und wie vermittelt ihr dieses Themenfeld euren Kindern?

Liebe Grüße,

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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2 Kommentare

May
Antworten 4. Januar 2018

Ein sehr schöner Artikel! Und so richtig und wichtig!

Wir versuchen in unserer Familie der Schuldfrage möglichst keinen Raum zu geben. Es ist egal, wer Schuld ist, wenn etwas schief läuft, wichtig ist nur, dass es nicht wieder vor kommt. Deswegen ist unsere Reaktion, wenn z.B. eine Wand angemalt, ein Glas zerbrochen oder was auch immer ist nie, zu fragen, wer das war sondern nur zu klären, dass das nicht wieder vorkommen soll (und wenn doch, sofort erzählt werden soll, damit man schnell eine Lösung findet).

Bisher klappt das sehr gut: Die Kinder streiten selten ab, etwas gewesen zu sein und erzählen sofort, wenn ein Missgeschick passiert. Und wir Eltern versuchen genauso, uns gegenseitig nie Schuldzuweisungen zu machen. Wozu auch?

    Béa Beste
    Antworten 4. Januar 2018

    Vielen lieben Dank, das ist ein schönes Feedback! Und auch schön, wie ihr das mit den Kindern macht. Ich sammle noch und mache einen ganzen Beitrag daraus! Liebe Grüße, Béa

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