Eltern „glorifizieren“? Sie sind keine Heilige…


Unsere Eltern sind unsere ersten Vorbilder. In den ersten Jahren sind wir vollständig von ihnen abhängig, da ist es kein Wunder, dass sie einen besonderen Stellenwert für uns sein. Allerdings habe ich erkennt, dass sie auch nur Menschen sind. Wir müssen Eltern nicht glorifizieren, denn sie sind keine Heilige.

Die eigenen Eltern zu „glorifizieren“ klingt im ersten Moment sehr veraltet und auch ein wenig übertrieben. Aber tatsächlich glaube ich, dass das Phänomen gar nicht so selten ist, zumal viele Religionen genau darauf plädieren. Die Bibel, der Koran und ich glaube auch die Tora plädieren darauf, Mutter und Vater zu ehren. Unsere Eltern haben einen ganz bestimmten Stellenwert in unserem Leben. In Therapiesessions wird deshalb so häufig über sie geredet, weil sie einen großen Einfluss auf uns haben.


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Die Eltern „glorifizieren“ – meine Erfahrung

Als Kind war ich das absolute Papa-Kind. Mein Vater und ich verstanden uns super. Wir waren wie eine Person, hatten denselben Charakter und immer dieselbe Meinung zu bestimmten Themen. Er war immer der Erste, dem ich etwas erzählte, und auch derjenige, zu dem ich Beichten ging, wenn ich Mist gebaut hatte. Papa blieb immer ruhig und cool, und genauso wollte ich später auch werden. Er war mein Held, ich sah zu ihm auf, und für eine ganz lange Zeit dachte ich, dass er völlig perfekt und frei von Fehlern war.

Dann wurde ich erwachsen.

Und mein Verhalten, aber vor allem meine Sichtweisen machten einen Wandel durch. Ich reflektiere mich und mein Verhalten, setzte mich mit Themen auseinander, die mir wichtig waren, und wurde, wie mein Vater es nennen würde: „extrem“. Extrem politisch korrekt, extrem empfindlich (wenn es um sexistische Kommentare ging), extrem naiv, als ich mich entschied, mein Studium abzubrechen.

Doch ich sah auch meinen Vater mit ganz anderen Augen. Er entstammt einer anderen Generation und hat völlig andere Sichtweisen zu bestimmten Themen. Wenn ich mit bestimmten Aussagen konfrontierte, blieb er stur. Wenn ich ihm weiterbildende Bücher oder Filme empfahl, fühlte er sich von der „Besserwisserin“ beleidigt – dabei meinte ich es gar nicht so. Ich wollte ihn nicht angreifen, nur genauso offen und ehrlich mit ihm reden wie früher.

Richtig schlimm wurde es, als ich mit ihm über meine Essstörung sprach.

Er sorgte sich um mich, doch er verstand mich einfach nicht. Das Konzept von psychischen Krankheiten war derart fremd für ihn, dass er nicht wirklich daran glaubte. Er beharrte darauf, dass meine „Bauchprobleme“ etwas physisch seien, das man sich im Krankenhaus ansehen sollte, während ich ihm immer wieder erklärte, dass eine Essstörung so nicht funktioniere. Es sei keine Unverträglichkeit; habe im Grunde gar nichts mit Essen zu tun.

Als ich zur Therapie wollte, war er nicht begeistert, denn auch das hielt er für bloße Geldmacherei. Mein Vater war enttäuscht, dass ich angeblich so naiv war und ich war so enttäuscht, dass seine Sichtweisen so veraltet waren und er nicht bereit war, sich zu informieren.


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Und dann kam die zerreißende Erkenntnis, für mich:

Mein Vater ist gar nicht perfekt!

Er ist natürlich immer noch ein herzensguter Mensch, freundlich, witzig und fährt an der Autobahn zur Seite, um die Fliege an der Frontscheibe zu retten – aber er ist nicht perfekt. Er hat Ansichten, die ich nicht vertrete. Er sagt Dinge, denen ich nicht zustimme. Zwar hat er seine Sicht zu bestimmten Themen geändert und sich weiterentwickelt, und doch teilen sich unsere Meinungen in etlichen Dingen.

Früher hätte ich jeden seiner Ratschläge ohne Weiteres angenommen – nun spürte ich großen Widerstand in mir. Und das machte mir zu schaffen, weil ich instinktiv glaubte, dass mein Vater die Dinge besser beurteilen konnte als ich. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich von dem Grundsatz löste, dass meine Eltern nicht immer recht hatten.

Ich weiß auch, woher das alles kommt, denn letztendlich ist alles eine Frage der Sozialisation.

Kulturell bedingte Elternglorifizierung

In den Kulturen meiner Eltern ist es so, dass man vor allem nach dem Ableben der Eltern von ihnen spricht, als seien sie Götter. Es war, als würde ihnen der Tod noch mehr Erhabenheit verleihen. Wenn meine Mutter von ihren Eltern spricht, klingen sie wie die gütigsten und wunderbarsten Menschen auf der Welt. Dabei hat mir mein Onkel schon Geschichten über seine Eltern erzählt, bei denen mir die Kinnlade runtergefallen ist. Aber in Marokko gilt das ungeschriebene Gesetz:

Man spricht nicht schlecht über die Toten!

Kein Grund, dass sie derart glorifiziert werden, wenn nur die positiven Aspekte in Erinnerung bleiben …

Ich möchte meinen Eltern ihre Sichtweise auf ihre Eltern gar nicht wegnehmen, aber ich habe für mich festgestellt, dass es mir nicht guttut, wenn ich meine Eltern auf ein so hohes Podest stelle. Sie sind meine Eltern und ich liebe sie über alles, aber sie sind nicht frei von Fehlern. Sie sind nicht perfekt. Und das müssen sie auch nicht, denn niemand ist es. Weder sie noch ich oder meine Großeltern.

Seit ich den Zauber der „Elternglorifizierung“ abgelegt habe, geht es mir deutlich besser.

Die Beziehung zwischen meinen Eltern und mir ist viel ausgeglichener, und ich falle auch nicht mehr in eine Schockstarre, wenn sie mal nicht perfekt sind. Es gibt keine unterschwellige Erwartung mehr und auch keine Enttäuschung.

Eltern sind keine Heilige!

Das bedeutet nicht, dass sie nicht trotzdem super sein können. Nur, weil ich meine Eltern nicht mehr auf ein Podest stelle, liebe ich sie nicht weniger. Aber sie sind auch nur Menschen. Und deshalb müssen sie überhaupt nicht perfekt sein.

Wie ist das Verhältnis zu euren Eltern? Steht dort auch eine unausgesprochene Hierarchie im Raum? Wie sieht’s mit euren Kindern aus?

Liebe Grüße
Mounia

Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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