„Das ist die Schuld der Eltern!“ – Nein, ist es nicht!


Es gibt viele Floskeln, die bei mir unangenehme Gefühle hervorrufen. Eine davon finde ich besonders bedenklich, nämlich den berühmten Vorwurf: „Das ist die Schuld der Eltern!“

Wie einige von euch vielleicht wissen, arbeite ich nebenbei bei der Kinderanimation (auch, wenn Corona das Ganze momentan leider nicht zulässt). Umgeben von vielen Kindern sind natürlich auch die Eltern dabei. In den letzten Jahren habe ich immer wieder diesen einen Satz aufgeschnappt:

„Das ist die Schuld der Eltern!“

Habt ihr diesen Vorwurf mal gehört? Ich schon. Er begegnet mir in etlichen Situationen.
Angenommen da ist ein dickes Kind mit einem Eis in der Hand, über dass sich andere Eltern die Mäuler zerreißen.
„Das ist die Schuld der Eltern, schließlich ist das Kind zu Hause vermutlich nur Ungesundes.“

Oder ein Kind, dass ziemlich laut ist und viel Radau macht.
„Das ist die Schuld der Eltern, wahrscheinlich erlauben sie dem Kind zu viel.“

Oder ein Kind, das morgens fernsehen darf.
„Das ist die Schuld der Eltern, sie setzen sie keine Grenzen.“

Kurz gesagt: Die Eltern sind dafür verantwortlich, wie ein Kind sich entwickelt.

Dem würde ich zum Teil sogar zustimmen. Die Erziehung prägt den Menschen für sein fortlaufendes Leben. Ganz viele Charakterzüge manifestieren sich in der Kindheit. Trotzdem kann kein Mensch wegen einer kurzen Episode Schlüsse über die gesamte Erziehung eines anderen Menschen schließen.

Höre ich diese Kommentare, muss ich mich stark zusammenreißen, um mich nicht einzumischen. Obwohl ich nicht angesprochen bin, fühle ich mich angegriffen. In meiner Erziehung hat meine Mutter bestimmte Entscheidungen getroffen, die andere möglicherweise blöd, aber ich super fand. Zum Beispiel hat sie uns zur Selbstständigkeit erzogen. Meine Schwester und ich mussten beim Abwasch immer mithelfen, später auch beim Staubsaugen, Wäsche waschen, Wäsche falten. Meine beste Freundin fand das alles immer sehr skurril, schließlich war ich noch ein Kind. Ich weiß noch, wie ich einmal bei ihr übernachtete und ganz überrascht darüber war, dass ich nach dem Abendessen nicht beim Aufräumen mithelfen sollte. Auch ihre Mutter war verwundert, wenn nicht gar entsetzt darüber, dass ich als Kind schon so viel „Erwachsenenarbeit“ erledigte.

Ebenso war es bei vielen anderen Dingen. Meine Mutter fuhr uns zum Beispiel ganz lange jeden Morgen zur Schule. Für sie war es ein großer Zeitaufwand, aber sie tat es trotzdem gerne. Andere hielten das für nicht sehr pädagogisch, weil wir dadurch ja nie selbstständig wurden – Spoiler Alert: Wir wurden es doch!


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Nicht die Schuld des Kindes, sondern die der Eltern…

Mir wurde klar, dass die meisten erwachsenen Personen nicht dem Kind, sondern den Eltern die Schuld für alles geben. Aber Schuld wofür? Dass ich spülen kann? Dass ich zur Schule gefahren werde? Dass ein Kind zu dick ist? Dass ein Kind lauter und belebter ist als alles andere?

Vielleicht sollten wir erst mal von der Schuldfrage abkommen und uns auf das Wesentliche konzentrieren.

Wir kennen die meisten Menschen nicht. Wir können auch nicht von einem flüchtigen Eindruck unsere Küchenpsychologie anwenden und über sie urteilen. Und schon gar nicht erst können wir über ihre Eltern urteilen. Ein Mensch bekommt immer nur einen winzigen Einblick von einem anderen Menschen, daher können voreilige Schlüsse nie das große Ganze umfassen.

Heißt das, dass ein Mensch nun keine eigene Meinung haben darf?

Nein, natürlich nicht. Unsere Gedanken sind frei. Ich finde es allerdings nicht sehr moralisch, die eigenen – ich nenne sie mal ganz provokant „Hetzereien“ – an die Öffentlichkeit ausgetragen werden.

Es geht auch andersherum – mehr Schein als sein.

Andersherum gibt es das Phänomen natürlich auch. Kinder, die ein diszipliniertes Auftreten haben, freundlich und zuvorkommend sind und in Augen aller anderer wahre Engel sind. Doch wie bereits gesagt erleben wir nur einen kurzen Einblick in das Leben eines anderen. Wir wissen nicht, ob dieses Kind immer so toll und diszipliniert ist. Wir urteilen weniger darüber, weil es uns keinen Grund dazu liefert.

Mein Fazit: Erst nachdenken dann reden!

Ich wünsche mir für die Zukunft, dass die Eltern um mich herum keine leichtfertigen Urteile über andere Eltern ziehen und erst nachdenken, bevor sie reden. Sie kennen nie die ganze Geschichte.

Und für die Eltern , die aus irgendeinem Grund immer wieder der Hauptgrund für ihre Hetze ist, hier ein Zitat von den Ärzten:

„Lass die Leute reden und hör einfach nicht hin!“ ♥

Hier ein ähnlicher Beitrag zu dem Thema, in dem es heißt, was das Kind alles muss:

„Das Kind MUSS auch mal endlich lernen, XXXX… “ – Nein, MUSS es nicht!!!

Liebe Grüße
Mounia


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Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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