Brief an alle, die denken wegen ihrer Depression keine gute Mutter zu sein


Unsere Kolumnistin mindfulsun hat immer wieder bestimmte Äußerungen in Sache Depression und „keine gute Mutter“ gehört und bezieht nun Stellung – vielleicht auch für euch hilfreich, wenn ihr von solchen Aussagen oder Gedanken eingeholt werdet…

„Sie hat es nicht verdient, Mutter zu sein mit ihrer Depression.“

Dieses, oder ähnliche Statements habe ich schon mehrfach gehört und nicht nur zu meiner Person. Ich habe zwei Kinder und meine chronische Depression begann schon vor den Schwangerschaften. Ich lebe jetzt seit fast 28 Jahren damit. Seit einem Jahr kam die Diagnose PTBS dazu: Posttraumatische Belastungsstörung. Aus dieser Perspektive schreibe ich. Und ich möchte Müttern mit Depression und PTBS Mut zusprechen.
Zu der Aussage „Sie hat es nicht verdient, Mutter zu sein….“ möchte ich mich nur kurz äußern.


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Es ist für mich anmaßend und sehr verletzend. Es sagt weniger über mich aus, als über die andere Person. Ich maße es mir auch nicht an, darüber zu spekulieren, warum jemand so etwas sagt. Ich habe Mitgefühl mit diesen Menschen.

Was ich in der Therapie zum Thema „Ich bin keine gute Mutter mit Depression“ gelernt habe, verbunden mit eigenen Gedanken, darüber möchte ich heute schreiben. Und ich hoffe, es kann einigen Müttern helfen.

Selbstmitgefühl:
Was würdet ihr zu eurer besten Freundin mit Depression sagen? „Du bist keine gute Mutter?“

Ich würde das niemals sagen und doch habe ich es mir jahrelang selbst vorgeworfen. Das resultierte in wahnsinnigen Schuldgefühlen, die meine Depression nur verstärkten und mich verunsicherten.

Ich bin diesem Mythos hinterhergerannt „die perfekte Mutter“. Ich konnte ihm nicht gerecht werden. Dabei habe ich mich nur in meinem eigenen Anspruchsdenken verrannt und natürlich in den Ängsten, keine gute Mutter zu sein. Ich habe mir dadurch selbst Kraft und Zeit geraubt. Kraft, die ich in meine Heilung hätte investieren können. Zeit, die ich hätte mit meinen Kindern verbringen können.

An dieser Stelle: Es gibt auch Mythen über Menschen mit Depression. Und manche Symptome sind sicher gleich, trotzdem ist sie wohl für jeden Menschen anders.

Selbstkritik umwandeln in Selbstfürsorge und Selbstmitgefühl. Das habe ich nun in der Therapie gelernt.

Hinschauen: Was tue ich für meine Kinder?
Nicht den Fokus darauf legen, was ich alles nicht (mehr) kann.

Am wichtigsten ist es mir, dass meine Kinder durch mich bedingungslose Liebe erfahren und das ich für sie da bin. Und für meine Kinder da sein, hat viele Facetten. Es gibt keinen Maßstab, an dem ich mich messen muss.

Alleine fühlen und einsam mit diesen Gedanken:

Niemand ist alleine mit Schuldgefühlen!
Niemand ist alleine mit der Angst, nicht die perfekte Mutter zu sein!

Darüber zu sprechen, mich zu öffnen und dadurch auch Hilfe annehmen zu können, ist so enorm wichtig für mich. Gerade auf Twitter habe ich mich mit vielen Müttern zu diesem Thema ausgetauscht.

Sehen meine Kinder immer nur die Mutter mit Depression?

Mit einer Depression bin ich oft traurig, ja. Werden meine Kinder mich als immer nur traurig in Erinnerung behalten? Nein! Wir lachen auch viel zusammen und es gibt so viele wunderschöne Momente. Es ist wichtig, dies auch zu sehen.
Mir hat Achtsamkeit sehr geholfen. Das in der Therapie zu erlernen, hat mein Leben verändert.
Und ja, ich wünschte, ich hätte das schon viel früher haben können.


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Hilfe suchen und Hilfe annehmen!

An dieser Stelle möchte ich euch ermuntern: Es gibt Hilfe, es gibt Therapien. Wenn es die Kräfte nicht erlauben, einen Therapieplatz zu suchen: Ist es euch möglich, um Hilfe bei der Suche zu bitten? Béa hat mit mir für meinen Therapieplatz gekämpft und dafür bin ich ihr sehr dankbar.
Meine Scham war groß. Ich habe mich schwach gefühlt, weil ich Hilfe brauchte. Es ist nicht Schwäche um Hilfe zu bitten, sondern mutig! Auch das habe ich für mich gelernt.

Und ich habe Selbsthilfe gelernt: Selbstmitgefühl, Selbstfürsorge, mir etwas Gutes tun, meditieren …

Menschen, die Mütter mit einer Depression kritisieren:
Wie wäre es stattdessen mit Hilfsangeboten und Mitgefühl?

Statt, z.B.: „Du unternimmst aber wenig mit deinen Kindern wegen der Depression!“
„Soll ich dein Kind heute mit zu einem Ausflug nehmen, damit du Zeit für dich hast?“

Statt ungebetenen Ratschlägen und anmaßender und sehr verletzender Kritik:
„Wie kann ich helfen? Was kann ich tun? Was brauchst du?“

Was mein Therapeut mir noch mitgab:

Schauen Sie hin, fühlen sich ihre Kinder geliebt? Wie geht es ihren Kindern?

Wir haben in der Therapie oft darüber gesprochen. Das Wohlergehen meiner Kinder ist meine Priorität und daran ändern auch meine Depression und die PTBS nichts!

Meine Jungs sind ja nun schon „groß“. Als ich meinem Sohn sagte, ich bin stolz auf ihn, für das, was er erreicht hat – er hatte seinen Ausbildungsplatz in der Tasche – sagte er zu mir: „Danke Mama! Danke, dass du immer für mich da bist und mich unterstützt. Danke, dass du mir geholfen hast der zu sein, der ich heute bin. Ohne dich hätte ich das nicht geschafft. Ich habe dich sehr lieb.“
Das ist meine Antwort an mich: Auch mit Depression und PTBS bin ich eine gute Mutter!

Was mein Therapeut mir noch sagte, als ich mich selbst hinterfragte:
„Wäre es nicht besser, die Kinder würden ohne mich aufwachsen, woanders?“

„Wie viele Waisenhäuser sollen wir bauen? Es gibt so viele Menschen, die erkrankt sind, seelisch und körperlich. Sollen all diese Kinder deswegen nicht bei ihren Eltern leben? Sie lieben ihre Kinder und ihre Kinder lieben Sie!“

Fazit: Ich möchte euch Mut machen! Ja, die Depression kann ein hässliches Monster sein und die Löcher sind manchmal tief! Ihr seid nicht die Depression, ihr seid nicht diese Löcher!

Ihr seid nicht alleine mit den dunklen Gedanken. Gerade nicht mit denen, die euch einreden wollen, ihr könnt keine guten Mütter sein. Es gibt Hilfe! Und es gibt Menschen mit Mitgefühl und Verständnis, die euch auf diesem Weg begleiten. Und einer dieser Menschen könnt ihr selbst für euch sein.

Eure mindfulsun

Nachtrag im Dezember 2020: Ich habe diesen Beitrag geschrieben, bevor ich zur Gewaltfreien Kommunikation gefunden habe. Heute würde ich einiges anders formulieren. Ich habe lange überlegt, den Beitrag entsprechend zu ändern und mich dagegen entschieden. Ich lasse ihn so stehen, als Zeichen meiner Entwicklung. 

P.S.: Es ist natürlich nicht leicht. Es gibt gute und weniger gute Tage. Ich bin offen mit meinen Diagnosen umgegangen, auch den Kindern gegenüber. Mir war und ist wichtig, dass sie wissen, es liegt nicht an ihnen. Mehr darüber, ein anderes Mal.
P.P.S. von Béa: Habt ihr noch Fragen? Eigene Erfahrungen mit Menschen, die meinen, dass mit Depression Frauen keine gute Mütter sein können?  

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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2 Kommentare

Selina
Antworten 24. Oktober 2020

Hallo. Ich bin eine junge Mutter und leide auch an sogenannten endogenen depressionen. Ich habe oft das Gefühl das ich meinen Sohn nicht gerecht werde. Ich habe knappe 7 Jahre Therapie durch und trotzdem keine Besserung. Dein post hat mir jedoch etwas mut gemacht doch nicht alles falsch zumachen. Ich versuche mein bestes zugeben und doch habe dich das Gefühl ständig zuscheitern ...

    mindfulsun
    Antworten 25. Oktober 2020

    Liebe Selina, vielen Dank für deine Antwort. Es berührt mich sehr, dass ich dir etwas Mut machen konnte und es
    bestärkt mich auch darin, weiter helfen zu wollen und noch mehr dazu zu schreiben.
    Ich gebe ja keine Ratschläge. Was ich sagen kann: Mich hat die Depression mein halbes Leben begleitet und ich hatte
    so viele Therapien durch...nichts half. Bis ich den Zugang zu dieser Therapieform gefunden habe:

    https://www.oberbergkliniken.de/therapien/act-therapie

    Und wäre das Trauma und somit die PTBS nicht dazwischen gekommen, ich weiß, ich wäre jetzt geheilt.
    Die Therapie setzt vor allem auf Achtsamkeit und Akzeptanz. Auch die sogenannten "negativen" Gefühle sind
    Teil des Lebens. Es war wie ein Befreiungsschlag. Durch die Therapie, Meditation, die gewaltfreie Kommunikation
    habe ich endlich zu mir gefunden. Meine Bedürfnisse zu erkennen, mir mit Selbstmitgefühl zu begegnen (nicht Selbstliebe!, wie so oft gepredigt)
    bereichert mein Leben sehr. Es gibt mir Kraft und Mut, auch mit Milde auf mich zu schauen.
    Vielleicht wäre das auch was für dich? Viel Glück und alles Gute für dich und deinen Sohn!

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