Der Ernst des Lebens kann uns mal. Gastbeitrag von Marlene Hellene zur Einschulung


Habt ihr alle das Buch von Marlene Hellene „Man bekommt ja so viel zurück: Leitfaden für verwirrte Mütter„* gelesen und könnt es nicht erwarten, dass sie wieder was schreibt? Na denn. Amüsiert euch gut mit dem Thema Einschulung und lasst us bitte wissen, ob ihr ein zweites Buch von ihr auf dem Markt haben wollt! 

Der Ernst des Lebens kann uns mal.

Einschulung. Ein-Schul-Ung. Ein sehr deutsches Wort. So bürokratisch. Ein Lebensabschnittswort. Geburt. Einschulung. Vermählung. Fortpflanzung. Rente. Tod.

Jedenfalls sollte diesen bürokratischen Akt nun auch endlich („Mama, in wie vielen Tagen komme ich in die Schule?“ „189.“ „Wie viele Minuten sind das?“) meine Tochter erleben dürfen. Viele Menschen sagen, mit der Einschulung beginne der Ernst des Lebens. Schrecklich, oder?

Nach gerade einmal sechs kurzen Jahren auf der Welt soll der Ernst des Lebens beginnen? Doof!

Wer soll denn der Ernst des Lebens eigentlich sein? Ich kenne den gar nicht. Wurde mir nie vorgestellt. Und auch meine Tochter soll sich von diesem ominösem Ernst bitte mal schön fernhalten. Wir sind anständige Leute. Ernst raus aus Deutschland. Meine Meinung!

Völlig ohne Ernst freute sich meine Tochter zum Glück auf die Schule.

Es hatte sich also gelohnt, ihr jahrelang von dieser wunderschönen Zeit zu erzählen. Und ich kenne mich mit der wunderschönen Schulzeit aus. Schließlich habe ich nicht umsonst wahnsinnig viele Highschool-Serien als Teenager geschaut und konnte ihr anschauliche Geschichten von neuen Freunden, aufregenden Abenteuern und tollen Partys liefern. Von meiner eigenen Schulzeit wollte ich lieber nicht sprechen. Aus Gründen.

Der Tag der Einschulung begann früh. Nicht, dass er das hätte müssen.

Aber die Aufregung, Sie verstehen. Die Aufregung, verkörpert durch eine rennende, plappernde, kichernde und kreischende Sechsjährige trieb uns alle gegen kurz vor sechs aus den Betten. Endlich konnte das extra dafür gekaufte Outfit angezogen werden. Und auch für das einzuschulende Kind fand sich etwas hübsches.

Nach quälend langer Wartezeit („Nein, es geht noch nicht los, wir sind viel zu früh aufgestanden. Hättest du mal lieber noch etwas geschlafen und wo ist eigentlich mein Kaffeefässchen?“) ging es mit dem ersten Programmpunkt des Tages los: Der Kirche. Der katholischen Kirche!

Kirchen mag ich ja am liebsten von weitem. Also grundsätzlich. Aber das Kind quengelte, dass dort alle hingehen und der Kindergarten singen würde und so ging ich in die Knie und in die Kirche. Beim Eintreten war ich erstmal froh, dass mich kein Blitz in meinen hübschen heidnischen Popo traf und suchte mir ein nettes Plätzchen in Nähe der Tür. Fluchtwege und so. Sie verstehen.

Auf der Kanzel erschienen zwei Herrschaften in Gewändern. Zwei? Aha. Ein ökumenischer Gottesdienst also. Gerade als der Vierjährige mich fragte, wer von den beiden nun Gott sei, fing zum Glück der Kinderchor an, zu singen und ersparte mir die Antwort auf diese höchst schwierige, wenn auch interessante Frage. Die nächste Stunde verharrte ich in einer Mischung aus Katatonie, Kopfschütteln und der Hoffnung, Whoopie Goldberg möge die Bühne stürmen und den Laden etwas aufmischen.

Doch auch das längste Vater Unser findet irgendwann ein Ende und so konnte es zum Höhepunkt des Tages kommen: Dem Besuch der Schule.

Aus zuverlässigen Quellen hatte ich erfahren, dass die Eltern während der sehnlichst erwarteten ersten Schulstunde der ABC-Schützen mit Kaffee und Kuchen versorgt würden und so war meine Freude auf diesen Programmpunkt groß. Leider hatte ich die Rechnung ohne die Veranstalter gemacht. Vor dem Schlemmen stand nämlich die Pflicht.

Ich sollte mich mit gefühlt dreitausend anderen Eltern und völlig überdrehten Schulanfängern in die stickige Aula quetschen und den Aufführungen der älteren Grundschüler lauschen. Also klatschte ich zu Liedern über das Lesenlernen, machte Gute Miene zu einem Theaterstück der als Tiere verkleideten Zweitklässler und bestaunte fasziniert eine moderne Handpuppen Darbietung. Das sogar dreimal.

Mein Bedarf an sprechenden Socken auf Kinderhänden ist nunmehr gedeckt. Für immer. Für absolut immer!

Endlich betraten drei nett aussehende Damen die Bühne und riefen die Kinder in ihre jeweiligen Klassen. Meine Tochter, die sich aufgrund des Klimas in der Aula mittlerweile des Großteils ihrer Bekleidung entledigt hatte, war nun stolzes Mitglied der Klasse 1 c und verschwand mit achtzehn weiteren Kindern und einer freundlichen älteren Dame, der ich ohne Weiteres all mein Hab und Gut anvertraut hätte, in das neue Klassenzimmer.

Und während die anderen Eltern noch klatschten, winkten und Fotos machten, rannte ich wie der Blitz zum Kuchenstand. Mit einem Muffin in jeder Backentasche und einem Pott Kaffee in der Hand fühlte ich mich auch endlich dem Anlass entsprechend feierlich.

Meine Tochter war nun also ein Schulkind. Verrückt!

Gerade war sie doch erst geboren. Ein hilfloses Bündel, ein klitzekleines Baby. Und jetzt lief sie in ihre Klasse. Stolz wie Oscar. Mit Schultüte im Arm und Ranzen auf dem Rücken. Selbstbewusst und glücklich. Aber ging das nicht alles ein bisschen zu schnell? Hm, offensichtlich nicht. Also für sie. Aber für mich irgendwie. Plötzlich hatte ich den Drang, ihr hinterher zu gehen, sie in einen Strampler zu zwängen und in den alte Maxi Cosi zu quetschen.

Ich wollte mein Baby zurück.

Wenn sie schon so schnell zu einem Schulkind geworden war, dann würde ihr Auszug nicht mehr lange dauern. Sie würde praktisch morgen ihr zuhause verlassen, mich zur Oma machen und gelegentlich eine Postkarte schicken. Wenn überhaupt! Sie würde vielleicht nach Australien auswandern und mich vergessen und….

MUTTI, JETZT REISS DICH GEFÄLLIGST ZUSAMMEN!

Ein weiterer Kaffee (Schnaps hatten sie nicht. Ich habe gefragt) half mir aus dem Gedankenkarussell des Horrors heraus und holte mich in die Realität der miefigen Aula zurück. Und da hörte ich auch schon den wohlbekannten Klang der Schulglocke. Ich murmelte reflexartig, aber ganz leise, um mich nicht sofort als das schwarze Schaf der Elternschaft zu outen „Schule aus, wir gehen nach Haus, der Lehrer fliegt zum Fenster raus“ und machte mich auf den Weg, mein Tochterkind aus ihrem Klassenzimmer abzuholen.

Und da sah ich sie: Strahlend saß sie in der ersten Reihe (Streberin!) direkt neben ihrer besten Freundin aus Kindergartentagen und konnte glücklicher überhaupt nicht aussehen. Was war ich nur für ein Trottel. Nein, dieses tolle große Kind mit seinen vielen Talenten und Eigenheiten war exakt richtig so, wie es war. Genau so sollte sie sein. Ich brauchte keine Babytochter zurück. Fast hätte ich ein paar Tränchen verdrückt, hätte die Tochter es nicht plötzlich wahnsinnig eilig gehabt, nach Hause zu kommen.

Hatte es ihr doch nicht so gut gefallen? Was war denn jetzt los?

Ich wollte doch noch drölfzigtausend Fotos des Schulkindes vor der Tafel, neben der Lehrerin, an ihrem Platz, mit Schulranzen und ohne, mit den neuen Klassenkameraden (natürlich jedem einzeln), mit Mama, mit Papa, mit Bruder, mit Oma, mit Opa, vor der Schultoilette, auf dem Pausenhof und mit überhaupt jedem und allem machen, aber da rannte sie schon Richtung Auto. Besorgt stolperte ich hinterher (wegen der High Heels, Schnaps war ja leider nicht).

„Schneller, Mama. Ich will endlich meine Schultüte auspacken!“

Ach, daher wehte der Wind. Dann war ja alles gut. Wenig später betrachtete sie glücklich ihre Schultüten Ausbeute und ich glücklich mein großes, kleines Kind.

Schulkindmama, also.

Irgendwie fühlte das sich ja doch richtig cool an und zum Glück hatte ich ja noch einen Kindergartensohn. Der würde bestimmt für immer klein bleiben…

Eure

Marlene Hellene

P.S. von Béa: Na, fandet ihr den Text wieder so „Marlene“ <3? 

Wollt ihr mehr? Habt ihr das Buch von Marlene Hellene „Man bekommt ja so viel zurück: Leitfaden für verwirrte Mütter„* ausgelesen und wollt sie ermunter, ein neues Buch, vielleicht zum „Ernst des Lebens“ nun zu schreiben? Dann kommentiert zahlreich. Es tut ihr gut und es ermuntert sie! 

* = Affiliate link, also Mini-Werbung

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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4 Kommentare

Andrea W.
Antworten 20. September 2018

🤣 Toller Text! Wir haben jetzt ein Vorschulkind und ich bin so gespannt, wie ich als Mama eines Schulkindes sein werde. Hoffentlich hab ich genauso viel Humor, anders kann man den Ernst des Lebens ja nur schwer ertragen 😉 Um das Kind mach ich mir keine Sorgen, die Eltern (also ich) sind das Problem 😆

Victoria
Antworten 20. September 2018

Mehr Bücher braucht das Land - bitte schreib weiter! Ich liebe die Texte :)

    Yvonne Petzke
    Antworten 20. September 2018

    Wir geben das gern an Marlene weiter :-)

Nathi
Antworten 21. September 2018

Genau so habe ich den ersten Schultag unseres Großen auch empfunden! Mal wieder super geschrieben. Ich bin Fan! <3

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