Der Moment, in dem mir der Fleischkonsum so richtig bewusst wurde


Es folgt ein für einige vielleicht makabrer Beitrag, der vielleicht nicht jedem zusagen wird. Aber meiner Meinung nach gibt es ein Thema, das unbedingt thematisiert gehört: Fleischkonsum und der Moment, in dem er mir so richtig bewusst wurde!

Vielleicht wisst ihr, dass ich einen muslimischen Hintergrund habe und daher mit sämtlichen Traditionen bestens vertraut bin. Das wichtigste Fest ist das Opferfest. Das rührt daher, dass im Koran der Prophet Ibrahim bereit war seinen ersten Sohn Ismael zu opfern und durch Gottes Güte stattdessen ein Widder opferte. Heute wird am Opferfest traditionell ein Schaf geopfert und das jedes Jahr.

Mit 5 sah ich, wie ein Schaf geschlachtet wurde.

Damals verstand ich noch nicht so viel, wie ich es heute tun würde. Ich sah einfach nur zu, hörte, wie das Tier schrie und sah all das Blut. Doch irgendwie traf es mich nicht so richtig. Keinen von uns Kids traf es. Die Situation war so derart surreal und spannend, dass ich kaum wegsehen konnte.

Meine Mutter war nicht dabei. Sie konnte es sich nicht ansehen, was ich gar nicht nachvollziehen konnte. In diesem Moment fühlte ich mich sogar stärker als meine eigene Mutter, weil ich etwas sehen konnte, für das sie zu „weich“ war.

20 Jahre später sah ich es wieder.

Und diesmal traf es mich stärker als gedacht. Die Schlachtung an sich wollte ich mir nicht antun, aber ich sah die Schäfchen vorher, wie sie lebten, zitterten, enormem Stress ausgesetzt waren und große Angst hatten. Meine Schwester, die unheimlich tierlieb ist, konnte sie sogar als einzige streicheln, was sie aus lauter Angst von niemandem zuließen.

Als das Schlachten losging, entfernte ich mich von Schauplatz und wartete diesmal mit meiner Mutter unten. Wir machten Musik an, um ja nichts zu hören und hofften, dass es schnell vorbei sein würde. Meine Schwester hingegen blieb bei ihnen; sie wollte, dass jemand bei ihnen blieb, der sie liebhatte.

Das nächste Mal sah ich die Schäfchen, als sie nicht mehr am Leben waren. Dieser Anblick war so grotesk für mich, dass mir prompt Tränen in die Augen schossen. Alles war so absurd.

„Was hast du denn? Du isst doch Fleisch!“, sagten daraufhin alle, weil ich mich so anstellte.

„Wo wäre der Unterschied, wenn wir das Fleisch gekauft hätten?“

„Die Tiere, die du im Supermarkt kaufst, werden noch schlechter behandelt als hier“

Ich war wütend über diese Klugscheißer-Sprüche, vor allem, weil sie recht hatten. Ich bin keine Vegetarierin. Ich esse regelmäßig Fleisch. Und nun, wo ich sehe, wie das Tier stirbt, werde ich plötzlich sensibel? Für mich war das einer dieser Schlüsselmomente, die später von wichtiger Bedeutung werden sollten.

Beim Festmahl konnte ich kaum etwas essen.

Das Fleisch der Schafe schmeckte plötzlich anders als sonst. Weniger gut. Und zu sehr nach Tier. Ich bekam das Bild der lebenden Schäfchen einfach nicht mehr aus dem Kopf. Bei meiner Schwester war es noch schlimmer. Sie weigerte sich konsequent auch nur einen Bissen zu essen, denn sie hatte das Schlachten miterlebt und fand diesen Anblick unheimlich verstörend! Für meine Verwandten war das natürlich sehr ärgerlich, weil sie sich viel Mühe beim Kochen gegeben hatten und unseretwegen sogar zwei Schafe gekauft hatten. Ich konnte sie verstehen – sie waren daran gewöhnt. Aber ich konnte auch mich und meine Schwester verstehen.

Mit einem Mal war der Fleischkonsum und auch die Massentierhaltung für mich greifbar.

Ostern, Weihnachten… Auch hier gibt es große Feste mit gefüllten Gänsen, Enten und was auch immer. Doch die Massentierhaltung richtet sich nicht nach einem Feiertag, denn sie existiert immer. Jeden Tag, an dem männliche Küken geschreddert werden, Tiere künstlich ernährt werden und nur einundzwanzig Tage leben, Rinder, die künstliche befruchtet werden und wie eine Maschine Milch geben und Kälber zeugen…

Und das weiß ich alles schon längst!!!! Und doch bin ich dem ganzen so viel näher, seit ich ein sterbendes Tier gesehen habe.

Mein Fleischkonsum hat sich seitdem geändert.

Als Studentin kann ich mir leider nicht immer teures Fleisch aus guter Haltung leisten, deshalb habe ich meinen Konsum reduziert. Es war keine bewusste Entscheidung, sondern vielmehr ein schleichender Prozess, der sich irgendwann umgesetzt hat. Für meine Familie ist das okay, meine Mutter ist schon seit Jahren kein Fleisch mehr und mein Vater hat sich sogar MICH als Beispiel genommen und meinen Konsum ebenfalls reduziert. Wenn ich mal draußen essen gehe, entscheide ich mich für die vielen vegetarischen Alternativen und auch beim Grillen habe ich viele vegetarische Rezepte gefunden!

Meine Sicht auf die Fleisch-Haltung hat sich allerdings auch geändert.

Früher fand ich den Beruf als Jäger, der niedliche kleine Hirsche erschießt, immer sehr seltsam. Heute finde ich den Gedanken daran ein Tier zu essen, dass ein glückliches Leben in der Natur hatte, tausend Mal besser als das von einem, das niemals das Tageslicht erblickt hat. Genau wie mit all den kulturellen Ritualen, die ein oder zwei Mal im Jahr stattfinden. Eine Familie wochenlang von einem Schaf zu ernähren finde ich besser, als sich hier und da ein halbes Hähnchen für 2€ zu holen! 2€!!! Wie viel wert ist das Leben eines halben Tiers? 2€?!

Ich gebe zu, dass ich noch keine Vegetarierin bin.

Und ich weiß gar nicht, ob ich das überhaupt will. An und für sich finde ich den Konsum von Fleisch nicht moralisch verwerflich, aber was einfach abartig widerlich ist, ist diese schreckliche Massentierhaltung. Béa bezeichnet sich selbst oft als „Klimatariarin“, die der Umwelt zuliebe auf die ein oder anderen tierischen Produkte verzichtet und ich kann mich allmählich immer mehr damit anfreunden.

Habt ihr oder eure Kinder euch auch die Wirklichkeit von Massentierhaltung bewusst gemacht?

Jeder weiß von der Massentierhaltung und doch wird es nie genug thematisiert oder darüber gesprochen. Keiner von uns weiß wirklich, wie es da aussieht und vermutlich würden viele von uns den Anblick auch nicht ertragen. Deshalb finde ich die Kommunikation darüber wichtig.

Redet ihr darüber? Schaut ihr euch Dokus an? Hat das eure Sicht auf Fleisch oder den Konsum von Fleisch beeinträchtigt? Wird es inzwischen in Schulen thematisiert? Eure Erfahrungen dazu würden mich sehr interessieren!

Liebe Grüße, Mounia

P.S. Von Béa: Wir würden uns freuen, wenn jeder in den Kommentare gewaltfrei „bei sich bleibt“. Von Beschimpfungen und Anklagen kommt keine Bekehrung, finde ich. Und ich merke auch an mir selbst, dass ich mich in kleinen Schritten entwickle, nicht zuletzt weil mich unsere mindfulsun oft buchstäblich an die Hand nimmt und mich in veganenen Cafés und Geschäften bringt, und ich richtig auf den Geschmack komme: Hier ein veganer Pfannkuchen. Da ein Grünkern-Bratling. Und es schmeckt… Ich glaube auch nicht, dass wir radikal alles weglassen müssen! Allein reduzieren hilft schon. 

Wer mehr erfahren möchte, dieses Video hier ist hochaktuell:

Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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1 Kommentare

Katrin
Antworten 23. Juni 2019

Toller Beitrag, meine Gedankengänge sind ähnlich und der Begriff Klimatarier gefällt mir ;-)
Fleischesser verurteilen ist natürlich einfach.
Aber die Milchvieh Haltung ist auch nicht besser, ebenso Legehennen, etc.
Da finde ich es schon schwieriger den Konsum einzuschränken. Milch, Joghurt, Eier, Käse...
Viele Grüße Katrin

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