Ein Brief an die Menschen in den Krankenkassen, die für Depressionspatienten zuständig sind


Liebe Krankenkassen!

Nein, Moment mal. Ich rede hier nicht mit Unternehmen, die sind ja keine Menschen… sie bestehen aus Menschen.

Also noch mal:

Liebe Krankenkassen-MitarbeiterInnen, liebe SachbearbeiterInnen, liebe Krankenkassen-Chefs, liebe mehr oder minder unabhängige Gutachter, liebe Menschen im mittleren Management … liebe MENSCHEN in den Krankenkassen!

Ich schreibe diesen Brief, weil ich hoffe, dass ihr euch dafür interessiert, wie ihr eure Abläufe und Kommunikation verbessern und somit MENSCHEN besser helfen könntet. Ich weiß, dass ihr euch alle Gedanken macht, ich habe schon mal in meinem Beraterleben für das eine oder andere Unternehmen aus eurer Branche gearbeitet und habe tolle Menschen bei der Arbeit erlebt, bei denen IQ und EQ sich gut ergänzten.

Es geht hier nicht um mich. Ich bin, abgesehen davon, wenn ich mich beim Sport hin packe, weil ich etwas tollapatschig bin, ein recht gesunder Mensch. Und psychisch gesehen bin ziemlich sicher das Gegenteil von depressiv.

Ich bin gut drauf. Grundsätzlich.
Nur… das sind nicht alle!

Es gibt einige in meinem direkten emotionalen Umkreis, die Depressionen haben. Ich rede von Menschen, die ich wertschätze und lieb habe. Sie sind so viel mehr als ihre Depression! Sie sind intelligente, leistungsstarke, talentvolle Menschen. Leider reduziert sie ihre Depression manchmal auf das Gegenteil davon… und das ist nicht fair.

Was will ich von euch, liebe MENSCHEN, die für Krankenkassen arbeiten?

Bitte seid so lieb und überlegt noch mal, wie ihr die Prozesse für depressive Menschen besser angehen könnt. Zu viele Menschen leiden unnötig lange an Depressionen: Wahrscheinlich auch, weil sie nicht rechtzeitig die Krankheit erkennen, und sicher auch, weil sie nicht schnell genug eine Therapie erhalten… wegen der unmenschlichen Wartezeiten und weil der Bewilligungs-Prozess für die Therapie umständlich und bürokratisch ist.

Ich habe selbst die Probe aufs Exempel gemacht. Ich habe mich angeboten, einer Freundin zum Beantragen eines passenden Therapieplatzes für ihre chronische Depression zur Seite zu stehen und ich muss sagen, der Prozess war eine Zumutung. Für mich. Als Gesunde. Als Beraterin und Unternehmerin. Als durchsetzungsstarker Mensch. Habe ich schon mal erwähnt, dass ich in sieben Bundesländern Privatschulen gegründet habe?

Wie soll das ein Mensch schaffen, der an einer Depression leidet? Der wahrscheinlich niemanden hat, der ihm zur Seite steht und hilft?

Als depressiver Mensch an die richtige Psychotherapie zu kommen ist wie für ein Unfallopfer mit gebrochenen Beinen einen Sprint zum Krankenhaus hinlegen zu müssen!

Ich habe insgesamt bestimmt fünf 8-stündige Arbeitstage eingesetzt, und wir sind immer noch im Bewilligungsprozess! Allein die Warteschleifen bei den Gesundheitslotsen sind – wenn wir im Bild mit dem Unfallopfer bleiben – wie eine 2 Meter hohe Wand, die es mit Schwung zu erklimmen gilt! 45 Minuten warten sind da durchaus drin… und da kommen Ansagen mit Hinweisen auf Termine von vor zwei Monaten… „Im welchem Telefonnirwana bin ich?“ – fragt sich da auch jeder gesunde Mensch mit wachsender Unsicherheit.

Ein Mensch, der von depressiven Gedanken geplagt wird, legt nach wenigen Minuten frustriert auf, und ruft nie wieder an – weil es so rüberkommt, als sei da Hilfe aussichtslos! Wollt ihr das?

Und noch was: Eure Schreiben!

Guckt da jemand bei euch darauf, der wirklich Ahnung hat, wie ein depressiver Mensch das auffassen könnte? Wie solche Satzkonstruktionen „Wenn nicht, dann nicht… usw.“ verstanden werden…?

Sie kommen an als: NICHT! NEIN! KEINE THERAPIE! KEINE HILFE!

Bei uns war es mittendrin, nachdem meine Freundin bereits einige Therapiesitzungen hatte: Da kam ein Schreiben am Tag vor Ostern an, dass wir schnell Unterlagen einreichen müssen.
Deadline: Direkt nach Ostern.
Für mich sportlich.
Für sie: Eine Bedrohung über die Feiertage.

Wisst ihr, liebe Menschen in den Krankenkassen: Ein Mensch mit Depressionen liest nicht mit der Einstellung: „Na super, schauen wir mal, was da noch gebraucht wird und ich hab ja eh etwas mehr Zeit über die Feiertage… na geht doch easy!“
Sondern er liest: „Schon wieder eine große Hürde mit Zeitdruck, und wahrscheinlich ist es alles dazu gedacht, dass meine Therapie NICHT BEWILLIGT wird!“.

Weil da auch wirklich steht: „Ihre Therapie kann nicht bewilligt werden, wenn Sie NICHT….“ – weiter kommt ein Mensch, der womöglich über Suizid nachdenkt und deren letzte mögliche Rettung die Therapie ist wirklich NICHT! Er kommt nicht weiter. Da ist Schluss. Und Schluss könnt ihr auch wirklich in der schlimmsten Bedeutung des Wortes verstehen!

Das Unfallopfer von vorhin? Ja, hat den Sprint geschafft und erste Hilfe bekommen… ist bandagiert und gegipst. So ein Schreiben ist dann wie wenn einer vorbei kommt und draufhaut, auf etwas, was gerade versorgt wurde und sich in Heilung befindet!

Liebe MENSCHEN in Krankenkassen, unsere Tollabea Community ist groß, ich möchte weitere solche Erlebnisse sammeln. Für euch. Fürs öffentliche Bewusstsein. Damit sich bald was ändert und diese wunderbaren Menschen, die an Depressionen oft verzweifeln, weniger leiden müssen.

Was meint ihr, bleiben wir im Gespräch, liebe Menschen in den Krankenkassen?

Und ihr alle Lieben, die hier lesen, wenn ihr helfen wollt, teilt bitte den Beitrag, damit er möglichst viele Menschen in den Krankenkassen und vielleicht auch Politik & Co erreicht. Damit sich etwas ändert, Stück für Stück.

Liebe Grüße,
Béa

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Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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10 Kommentare

susi b.
Antworten 23. April 2018

ich habe beim lesen geweint.du hast es genauso geschrieben,wie ich es als depressiver mensch empfinde.es fällt schon schwer genug um hilfe zu bitten und man fühlt sich vor den kopf gestossen,wenn man (so sehe ich es) über viele hürden muss,um an hilfe zu gelangen.man gibt nachher einfach auf.ein depressiver mensch kann nicht mal eben einfach so etwas machen.und manche hürden scheinen unüberwindlich und reissen einen noch mehr runter.wenn man sich selber nicht versteht,wie soll man andere dinge verstehen?

    Béa Beste
    Antworten 23. April 2018

    Danke dir, dass du dieses Kommentar hier geschrieben hast! Ich weiß, wie schwer es für jeden einzelnen ist, der von der Krankheit betroffen ist! Danke dir! Liebe Grüße, Béa

Lotta
Antworten 23. April 2018

"Und psychisch gesehen bin ziemlich sicher das Gegenteil von depressiv" was ist denn das Gegenteil von depressiv? Sowas wie das Gegenteil von Bauchschmerzen oder Bein gebrochen dann? Also was genau? Einfach gesund vielleicht? Eine Depression ist eine Krankheit und man kann schlicht nicht das Gegenteil sein, sonst würde man ja den Krankheitswert absprechen und so tun als wäre es nur Traurigkeit, denn das Gegenteil von traurig, das kann man sein.

    mellie
    Antworten 24. April 2018

    Das Gegenteil ist Lebensfroh, voller Tatendrang, optimistisch unsd und und
    Reicht Dir das ?
    Man kann esbauch übertreiben, das Bea die krankheit nicht abwertet kann man doch deutlich herauslesen

    Béa Beste
    Antworten 25. April 2018

    Es tut mir Leid, falls ich durch meine Ausdrucksweise irgendwie doof rüber kam. "Das Gegenteil von depressiv" ist tatsächlich eine chronisch gute Laune bei mir, dass ich mich auch schon gefragt habe, ob auch nicht das irgendwie krankhaft ist. Manisch bin ich definitiv nicht. Aber irgendwie zu oft so gut drauf, dass es schon meine liebsten Menschen auch mal an den Rand der Genervtheit treibt...

Karo
Antworten 24. April 2018

Wie wahr......und traurig zugleich....Danke, Danke, Danke Béa Beste 🙏......Ich war selbst betroffen und weiß genau wie es sich anfühlt in tiefer Traurigkeit zu stecken und kann heute sagen : Depression als Krankheit im medizinischen Sinn der Behandlung zu begreifen ist richtig und WICHTIG !!! Aber die Depression ist und bleibt eine Sprache der Seele und KEINE ERKRANKUNG DER SEELE....Sie will uns auf etwas hinweisen, was tief in uns liegt und was wir aus guten Gründen dissoziiert haben. Es zuzulassen, dass das wieder hochkommt braucht zuerst ganz viel MUT und Zuversicht!!! Wir schaffen das nicht alleine....es braucht ein Umfeld, welches NICHT IN DER NEGATION lebt ( schwer zu finden, wenn wir uns unsere Eltern - und Großelterngeneration ansehen) , geduldige und empathische Begleiter ( die im dysfunktionalen Umfeld meist selbst vor ihren Traumata davon rennen) ein System von wahrhaftigen Behandlern ( allein das Wort ist schlimm....), die sich selbst mit ihrem innersten Kern, ihrer Herkunft und dem Wachstum ihres Selbst auseinander setzen, die uns die Zeit und den Raum geben hinzusehen, nachzuspüren und die Trauer über längst vergangen geglaubte Seelenschmerzen zuzulassen. Ich weiß, dass leider nur wenige Menschen aus der Medizin und aus der Psychotherapie das so sehen können. Alice Miller hat mir vor vielen Jahren den Anstoß gegeben, die Depression eher als Symptom einer verletzten Seele zu verstehen als ein Zustand der sich neurologisch erklären lässt....Heute komme ich zu dem Schluß, dass unser System es von der verkehrten Seite aufrollt: Depression ist HEILBAR.......... 💗💓💗!!!.... Allerdings sehr schwer in einem kranken System, welches sich selbst mehr über das AUßEN als das INNEN begreift.Ich habe es erlebt und kann es bezeugen.

    Béa Beste
    Antworten 24. April 2018

    "es braucht ein Umfeld, welches NICHT IN DER NEGATION lebt" - Danke! Genau dafür lohnt es sich zu kämpfen! Lieben Dank, dass du das mit uns teilst - und ganz viele liebe Grüße, Béa

Anuschka
Antworten 24. April 2018

Ach Bea,
wenn es denn nur die Krankenkassen wären. Bei wenig Geld kommen dann noch Inkassobüros mit utopischen Zusatzgebühren, Kontopfändungen, Sanktionen usw. Weil dann nicht nur der Papierkram mit der Krankenkasse folgt, sondern auf ganzer Ebene. Wichtiger wäre, dass wir Menschen mit Depressionen nicht wie gehirnaputierte "Versager", Massenmörder oder Psychopathen sehen. Daran krankt es leider.

Danke Dir dennoch sehr für Deinen "brennenden" Beitrag.

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