Toxische Positivität – Good vibes only?


Zum Thema „Toxische Positivität“ wollte ich schon lange schreiben. Ich habe es aufgeschoben. Heute nun traue ich mich ran.

Mir ist sehr wichtig: Das wird jetzt keine Anklage!

Mir ist durchaus bewusst, dass einige beim Lesen womöglich innerlich in eine Verteidigungshaltung gehen werden. Weil sie sich vermutlich wiedererkennen. Vielleicht spürt der eine oder andere auch schon längst, dass toxische Positivität kein langfristig gesunder Ansatz ist. Für uns selbst nicht und auch nicht um Umgang mit anderen Menschen.


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Ich werde das Thema aus allen Blickwinkeln beleuchten und dazu gehört auch:

Was bewegt denn Menschen, Dinge zu sagen, wie:

„Sieh es doch einfach positiv!“
„Du musst in allem das Gute sehen!“
„Wenigstens scheint die Sonne!“
„Denk einfach nicht mehr dran!“
„Aufgeben ist keine Option!“
„Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus!“
„Aufstehen, Krönchen richten und weiter!“
„Das ist doch alles überhaupt nicht so schlimm!“
„Anderen geht es viel schlimmer! Du musst dankbar sein!“
„Die Zeit heilt alle Wunden!“
„Alles im Leben geschieht aus einem bestimmten Grund!“
„Was dich nicht umbringt, macht dich stärker!“
„Lächle doch einfach mal. Das hilft!“
„Denke einfach an etwas Schönes!“

„Good vibes only!“ (Nur schöne Gedanken und Gefühle erlaubt)

Ich hoffe, ich konnte meinen Punkt rüberbringen.

Was ist denn nun toxische Positivität? Diesen Begriff habe ich nicht erfunden.

Wikipedia sagt:

„Aus dem Englischen übersetzt – Toxische Positivität oder manchmal positive Toxizität ist ein dysfunktionaler Ansatz zur emotionalen Bewältigung, der auftritt, wenn Menschen negative Emotionen, insbesondere Wut und Traurigkeit, nicht vollständig anerkennen.“

Bevor ich jetzt tiefer in das Thema eintauche, möchte ich den Begriff „toxisch“ einfach streichen.

Für mich ist diese Art der Positivität eher nicht hilfreich oder nicht gesund für mich selbst und viele andere. Das Schlagwort toxisch für alle möglichen Dinge ist für mich ebenso nicht hilfreich. Auch Menschen oder Verhalten als „toxisch“ zu bezeichnen, die vielen Ratschläge, sich dann einfach zu distanzieren: Social Media ist voll davon. Und das ist für mich Teil dieser Bewegung, einer Bewegung der Verdrängung und Vermeidung.

Der Grat zwischen Vermeidung und Selbstfürsorge ist schmal.

„Was dich nicht glücklich macht, kann weg.“

Hoppla. Niemand ist für mein Glück verantwortlich. Das mal nur am Rande.

Zurück zu dem, was als toxische Positivität bezeichnet wird.

Negative Emotionen aus dem Leben fernhalten.
Nur schöne Gefühle zulassen = Verdrängung
Alles und (vielleicht sogar auch Menschen) ablehnen, was unangenehme Gefühle auslöst = Vermeidung
Sofortiges Ausgleichen von unangenehmen Gefühlen mit positiven

Kurz gesagt: Unangenehmen Gefühlen und Gedanken wird kein Raum gelassen, weder bei sich selbst noch bei anderen Menschen. Sie werden unterdrückt.

Ich möchte das jetzt nicht weiter ausführen. Weil ich ja noch die andere Seite beleuchten möchte: Wo kommt das her?

Natürlich ist eine optimistische Einstellung zum Leben der Gesundheit zuträglich.

Es ist wichtig, auch das Schöne im Leben sehen zu können. Hoffnung kann ein gewaltiger Motor sein. UND es gibt unangenehme Gefühle, es passieren furchtbare Dinge im Leben, es wird Verluste geben, es läuft nicht immer alles glatt. Im Leben gibt es Schattenseiten und es gibt Licht. Beides gehört einfach zum Leben dazu. Ja, eins fühlt sich eben angenehmer an als das andere. Und so manchen Schmerz hätte ich am liebsten auch nicht gefühlt.

Was ich allerdings schon in meiner schwersten Depression begriffen habe: Etwas rosa anpinseln, macht es nicht rosa. Im Inneren bleibt es, was es ist.

Und in der Therapie habe ich dann gelernt: Durch!

Ich muss da durch. Akzeptanz. Schmerzen müssen gefühlt werden, Trauer ist ein Prozess, es wird immer auch Gefühle wie:

Traurigkeit, Angst, Scham, Enttäuschung, Kummer, Hilflosigkeit, Verzweiflung, Unsicherheit, Erschöpfung, innerliche Zerrissenheit, Aufgewühltheit usw. geben. Diese Gefühle zeigen uns doch, dass etwas gerade unerfüllt ist. Sie sind Signale.

Wie viele Menschen können eigentlich selbst nicht mehr ihre unangenehmen Gefühle wirklich wahrnehmen oder ausdrücken?

Im Leben gehört es dazu, authentische Verbindungen zu haben. Und zu dieser Authentizität gehört eben die gesamte Gefühlspalette. Damit meine ich nicht, dass ich jetzt wahllos jedem Fremden mein Innenleben offenbare. Aber gerade in zwischenmenschlichen Beziehungen möchte ich mich authentisch zeigen können. Dazu gehört eben auch: Ich habe unangenehme und angenehme Gefühle. Und manchmal wünsche ich mir auch ein offenes Ohr und jemanden, der zuhört.

Wie einige von euch wissen, habe ich eine tiefe und innige Verbindung zu Wales. Und ich mag dieses walisische Sprichwort sehr:

„Everything you have in this world is just borrowed for a short time.“

Alles was du im Leben hast, ist nur für eine kurze Zeit geborgt.

Das drückt für mich einfach aus: Unangenehme Gefühle und Verluste gehören zum Leben dazu.

Das würde ich übrigens nicht zu jemandem sagen, der gerade einen Verlust erlitten hat! Das ist etwas, was ich für das gesamte Leben für mich gelernt habe. Was mir hilft, mit Verlusten umzugehen. Im Gegenzug bedeutet es nicht: Verluste sind nicht auch sehr schmerzhaft!


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Minimieren, verleugnen, unterdrücken, vermeiden –  sind alles keine hilfreichen Strategien. (Zumindest langfristig nicht)

Was ich also gelernt habe: Achtsamer für die schönen Dinge zu sein. Mich daran zu erfreuen.
Die unangenehmen Dinge zu akzeptieren, Trauer zu verarbeiten.

Diese Vorstellung davon, wir sind immer alle glücklich und alles ist gut. Das ist ein Märchen! Das entspricht nicht der menschlichen Realität. Und dieses Märchen wird besonders auf Social Media gerne erzählt.

Ja, es ist verdammt (jetzt hätte ich beinahe „scheiße“ geschrieben) schwer manchmal. Es tut wirklich sehr weh! Manches scheint kaum aushaltbar. Und ich möchte auch am liebsten fliehen, es nicht wahrnehmen, zum nächsten Kapitel springen, zum nächsten Augenblick, der sich besser anfühlt.

Doch weiß ich einfach: Alles im Leben ist vergänglich, auch das angenehme. Und so manches unangenehme Gefühl ist eben auch der Zeiger dafür: Ich ändere etwas! UND ich fühle es erst mal. Ich fühle mich durch!

Warum also reagieren manche Menschen mit solchen „Sprüchen“?
Hier schaue ich auch mit Empathie drauf:
Weil viele von uns so geprägt sind und wir es gelernt haben.

Weil es unangenehm ist, Schmerzen auszuhalten oder auch Zeuge davon zu werden.
Weil es schwierig ist anzusehen, wenn Menschen, die wir lieben traurig sind.
Weil wir helfen wollen, es besser machen.
Weil es manchmal schneller geht, als sich hinzusetzen und wirklich zuzuhören.
Weil es uns vielleicht an eigene Schmerzen erinnert.

Dann leugnen wir lieber die Emotionen der anderen, sprechen sie ihnen ab, versuchen schnell ein Glückspflaster draufzukleben, geben Ratschläge, zeigen die positiven Dinge auf: Puh geschafft! Fertig und die Sonne lacht wieder überall!
So funktioniert es leider nicht.

Ein Zitat von Marshall B. Rosenberg, dem Begründer der Gewaltfreien Kommunikation (GFK), macht es für mich sehr deutlich. In der GfK unterscheiden wir zwischen Wolf (Schakal)- und Giraffensprache.

Wolfssprache ist die Sprache, mit der wir aufgewachsen sind und die uns geprägt hat. Schuldzuweisungen, wenig Empathie, Lob und Kritik, Schubladendenken, Verurteilungen, Strafen, Forderungen, Bewertungen.

Die Giraffensprache ist die Sprache des Herzens und damit auch des empathischen Zuhörens. Die Original-Geschichte: Warum Rosenberg das Wolfssprache genannt hat, könnt ihr hier finden. (Englisch) Ich bin übrigens auch so geprägt und setze oft genug noch die Giraffenohren ganz bewusst auf! Wolfssprache ist nicht abwertend gemeint, sondern eine Beschreibung.

“If you are a jackal, you will try to reassure. Jackals try to fix people in pain. They can’t stand pain, but make matters worse by trying to get rid of it. Put on giraffe ears.“

„Wenn du ein Wolf bist, wirst du versuchen zu beschwichtigen. Wölfe versuchen Menschen, die Schmerzen haben, zu reparieren. Sie können Schmerz nicht aushalten und machen die Sache schlimmer, indem sie versuchen, ihn loszuwerden. Setze Giraffenohren auf.“

Vor Ratschlägen, vor Lösungen vor irgendwas kommt: Zuhören, den Schmerz anerkennen!

Das kann auch schweigend passieren. Einfach nur daneben sitzen. Menschen ihre Gefühle nicht absprechen: Das alles ist emotionale Unterstützung!

Es ist keine Entscheidung, glücklich zu sein. Alle Gefühle gehören im Leben dazu.

„Deep listening is the kind of listening that can help relieve the suffering of another person. You can call it compassionate listening. You listen with only one purpose: to help him or her to empty his heart.“ – Thich Nhat Hanh

„Tiefes Zuhören ist die Art von zuhören, die helfen kann, das Leid einer anderen Person zu lindern. Du kannst es mitfühlendes Zuhören nennen. Du hörst nur mit einer einzigen Absicht zu: Ihm oder ihr zu helfen, das Herz auszuschütten.“

Gesehen werden im Schmerz, die Realität anerkennen: Gerade jetzt in diesem Moment tut es weh!

So hilfreich für viele Menschen. Sich nicht verstellen, sich nicht schämen, nicht gleich den nächsten Schritt gehen: Ausruhen, Gefühle zulassen. Das ist alles so unheimlich wertvoll. Danach gibt es Zeit und Raum für alles Weitere. Auch für die nächsten Schritte oder eventuelle Lösungen.

Und ja, manchmal kann ich das auch nicht: Wirklich zuhören!

Es tut selbst weh. Ich habe gerade die Kraft nicht, bin mit dem Kopf woanders. Das kann ich auch kommunizieren, statt: „Alles wird gut! Du schaffst das! Morgen ist ein neuer Tag.“

Ich kann mir selbst eingestehen, das Gespräch ist unangenehm. Und wenn ich es nicht packe, kann ich das sagen. Ansonsten kann ich gut für mich sorgen vor solchen Gesprächen, um wirklich mit aller Aufmerksamkeit und Empathie beim Gegenüber sein zu können. Auch ein: „Ich bin gerade hilflos, wenn ich dich so sehe. Ich würde gern nur hier sitzen und dir still zuhören. Ist das ok für dich?“ Ist eine Möglichkeit. Oder ein: „Was kann ich tun?“ Manchmal tut es auch eine feste und lange Umarmung.

Optimismus, positive Gedanken, Hoffnung, Mut zusprechen sind wichtig für unsere seelische Gesundheit.
Die unangenehmen Gefühle zulassen, sie anzuerkennen, sie niemandem abzusprechen, nicht zu verdrängen oder zu vermeiden ist ebenso wichtig.

Wenn es sich für euch also nicht gut anfühlt, solche „Sprüche“ zu hören, möchte ich euch ermuntern: Ihr könnt das aussprechen. Ihr könnt dem anderen sagen, dass das für euch nicht hilfreich ist und was ihr braucht in dem Moment. Für andere Menschen ist das, was mit dem Begriff „toxische Positivität“ bezeichnet wird, vielleicht auch hilfreich. Empathie und hin spüren, was der andere Mensch braucht. Oder eben auch nachfragen.

Wann habt ihr zum letzten Mal den Zauber des wirklichen Zuhörens erlebt?

mindfulsun

PS: Ich schreibe nicht davon, mich in den unangenehmen Gefühlen zu verlieren. Sondern alles anzuerkennen.

mindfulsun
About me

Mensch, Mama zweier Jungs, die versucht ihre Werte zu leben und die innere Balance zu halten. Ich schreibe über Achtsamkeit, vegane Ernährung, Nachhaltigkeit und verbindende Kommunikation von Herzen. Was ich mir wünsche? Einander mit mehr Mitgefühl und Empathie zu begegnen, überall auf der Welt.

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2 Kommentare

Rina
Antworten 17. Mai 2022

Danke für diesen tollen, wertvollen Beitrag.
Erst vor Kurzem habe ich eine Bekannte getroffen, über deren Trennung ich über Ecken Gerüchte mitbekommen hatte. Sie sei ausgezogen, die armen Kinder, das schöne Haus. Habe sie vorsichtig angesprochen, was dran sei.
Wir standen dann eine Stunde an der Haltestelle und ich habe zugehört.
Und ihr dann gesagt, dass ich sie für den Mut bewundere, diesen schweren, von Schuldgefühlen und Scham gepflasterten Weg zu gehen, und dass ich ihr wünsche, dass sie ihn eines Tages positiv bewerten können wird.
Auch in deinem Text wird angesprochen, dass Zuspruch und Optimismus ja durchaus ihre Berechtigung haben. Aber nicht ohne Verständnis für den Schmerz, die Verzweiflung. Es wäre mir in der Situation fern gelegen, eine der Plattitüden, die du am Anfang des Beitrags nennst, rauszuhauen.

    mindfulsun
    Antworten 17. Mai 2022

    Vielen Dank für das Teilen deiner Geschichte! Ja, es geht zusammen: Mut zusprechen und dem Schmerz Raum geben. :)
    Vor allem ist es ein: Ich sehe dich wirklich. Das ist so wertvoll. Deiner Bekannten wünsche ich viel Kraft.

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