Ich war das schwierige Kind – Zwei Seiten einer Medaille


Triggerwarnung: Essstörung und schwierige Kindheitserlebnisse

Heute möchte ich ganz authentisch etwas aus meiner Kindheit mit euch teilen. Sicher habt ihr schon von „schwierigen“ Kindern gehört. Ich war eines dieser Kinder, zumindest nach der Definition meiner Eltern und mancher Lehrkräfte. In der Therapie habe ich das alles aufgearbeitet. Was ich schon lange ahnte, aber nie richtig wahrhaben wollte, bestätigte sich dann.


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Erster Punkt: Ich dachte immer, ich bin besonders empathisch und das ist mir in die Wiege gelegt.

Was auf jeden Fall stimmt, ich bin hochsensibel und somit feinfühlig für die Stimmungen anderer Menschen.
Mein „Level“ an Empathie und Hochsensibilität jedoch hat einen anderen Grund. Als ich das in der Therapie erfahren habe, hat es mir fast die Schuhe ausgezogen. Es fühlte sich so unwirklich an und als ob mir jemand ein Schutzschild nimmt:

Ich bin so empathisch, weil ich schon als Kind sehr genau auf die Stimmungen in meinem Umfeld achten musste, um in Sicherheit zu sein. Um nichts falsch zu machen oder den Unmut meiner Eltern auf mich zu ziehen. Immer einen Schritt voraus sein, um Strafen zu vermeiden.

„Strenge Erziehung schadet nicht.“

Empathie als Selbstschutz: Als Kind ein Zeichen für unsichere Bindung und auf Gefahren achten müssen, um Schmerzen zu vermeiden.

Auf der einen Seite war ich also „People Pleaser“ und wollte allen gefallen. Auf der anderen Seite war ich manchmal schnell aggressiv und konnte meine Emotionen nicht kontrollieren. Oft genug war ich mir nicht mal sicher: Sind das jetzt meine Gefühle oder die der anderen?
Geborgenheit, Sicherheit, auch mal Fehler machen dürfen: Das fehlte mir.

Ein Beispiel, was sich eingebrannt hat: schlechte Noten.

Wenn meine Noten schlecht waren (in den Augen meiner Eltern) –  und das war so ab einer 3 – gab es zu Hause Ärger:
Ich war dann zu faul zu lernen. Ich soll mich mehr anstrengen. Und oft genug kam dann auch Liebesentzug, die kalte Schulter. Weil ich solche Angst hatte, meinen Eltern meine Noten zu zeigen: Habe ich sie manchmal im Klo runtergespült. Einmal hat das nicht geklappt und ich habe die Blätter wieder rausgefischt und in meiner Verzweiflung aus dem Fenster geworfen. Natürlich haben meine Eltern sie gefunden. Das gab Ärger und mit Ärger meine ich: Schläge. Die gehörten in meiner Kindheit dazu. Ins Gesicht, auf den Körper. „Selbst Schuld! Du hast mich wütend gemacht.“

Von den Eltern geschlagen zu werden, tut weh. Allerdings ist mir das auch in der Schule passiert.

Ich war manchmal schon, was einige heute als frech und unbändig bezeichnen würden. Manchmal habe ich das rausgelassen, was sich zu Hause aufgestaut hat. In einer Schulstunde (ich glaube, ich war 9 oder 10) bat mich die Lehrerin dann, mein Hausaufgabenheft nach vorne zu bringen. Sie wollte einen Eintrag schreiben zu meinem Verhalten. Ich hatte solche Angst! Angst davor, was das zu Hause wieder auslösen wird und gleichzeitig wollte und konnte ich diese Angst nicht zeigen. Also habe ich das Heft genommen und der Lehrerin auf den Schreibtisch gefleddert. Es ist richtig über den Tisch geschlittert. Bis heute kann ich das innerlich sehen. Auch was danach kam: Sie bat mich, mit nach draußen zu kommen. Vor dem Klassenzimmer dann schlug sie mir über das Gesicht. Der Handabdruck war noch viel später sichtbar. Ich habe mich so geschämt und es tat weh.

Zu Hause habe ich es dann angesprochen. Ich wusste sonst nicht, wohin mit meinem Kummer. Meine Mutter bat um ein Gespräch in der Schule. Als sie nach Hause kam, war ich voller Hoffnung auf Gerechtigkeit. Stattdessen kam ein: „Du hast es nicht anders verdient mit deinem Verhalten.“

„Schwierige“ Kinder? Wirklich schwierig? Oder nur in den Augen ihrer Eltern und der Umwelt? Wo kommt das denn her, dieses „schwierig“?

Ich kannte von meinen Eltern, besonders meiner Mutter vor allem eins: „Sag, was du gemacht hast. Ich schimpfe auch nicht!“ Anfänglich habe ich das gemacht. Sie schimpfte trotzdem und manchmal kamen die Schläge. Also hatte ich für mich in meinem kindlichen Kopf keine Wahl: Sage ich die Wahrheit, folgen Strafen. Erwischt sie mich beim Lügen, folgen Strafen. Eine ziemlich ausweglose Situation. Ich habe trotzdem meist versucht zu lügen. Weil ich immer die klitzekleine Chance sah, dass sie mich nicht erwischt und keine Strafe kommt.

„Schwieriges“ Kind? Ein Kind, was funktionieren musste.

Eine weitere eingebrannte Erinnerung: Kindergartenzeit, ich war 4 oder 5. Der Kindergarten öffnete um 6 Uhr. Meine Eltern arbeiteten im Schichtdienst. Da kam es schon vor, dass die Schicht auch um 6 Uhr begann. Und ich sehe mich bis heute auf der dunklen Straße, ganz alleine vor dem Kindergarten warten. „Sei schön artig. Ich muss arbeiten. Der Kindergarten macht dann bald auf.“


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Ich habe versucht, artig und stark zu sein. Meine Ängste nicht zu zeigen, nicht zu weinen. Irgendwann merkte es die Erzieherin und kam für mich extra eine halbe Stunde früher. So musste ich nicht mehr in der Dunkelheit stehen.

„Schwieriges“ Kind? Ein Kind, was immer gemerkt hat, irgendwas stimmt nicht. Ich bin nicht, wie der Rest der Familie.

Auch das war meine Kindheit. Ich habe gemerkt, ich bin anders, irgendwas ist da.
Mit 15 erfuhr ich dann, mein Vater ist nicht mein biologischer Vater. Ich habe das immer geahnt. Und kaum war das ausgesprochen, hatte meine Mutter wieder etwas für mich, wenn mein Verhalten nicht passend war: „Du bist genau wie dein Vater! Genau der gleiche schlechte Charakter!“ Das saß und heute macht es für mich noch einen anderen Sinn: Sie hat das womöglich immer von mir gedacht und nie ausgesprochen. Das war meine ganze Kindheit ein Thema.

„Schwieriges“ Kind, was gerne zu viel isst?

Ich habe viel gegessen. Ich habe gefressen und tue das heute oft genug noch. Mittlerweile weiß ich, dass ich eine Essstörung habe. Innere Leere, unangenehme Gefühle: Eskalierte bei mir in Fressattacken. Genau wie: Etwas in mich reinfressen. Wenn ich mich nicht äußern konnte, vor allem aus Angst, habe ich gefressen.
Ich weiß nicht, ob ich jemals eine normale Beziehung zu Nahrung haben werde. Ich kann nur daran arbeiten.

Liebe gab es bei mir zu Hause gegen Leistung und funktionieren. Unangenehme Gefühle benennen, Konflikte miteinander bewältigen, Bedürfnisse äußern: Das kannte ich nicht.

Und das zog sich dann auch durch mein Leben und meine Beziehungen zu anderen Menschen. Was mir auch geblieben ist und woran ich in der Therapie gearbeitet habe, weil es auch für die Menschen in meinem Umfeld anstrengend ist: mich stets zu erklären. Ich möchte immer, dass Menschen mich und meine Beweggründe verstehen. Heute weiß ich: Aus Angst vor Strafen und weil ich es nicht kannte, dass auch aus Konflikten etwas Gutes entstehen kann. Konflikte waren für mich stets mit Katastrophen verbunden. Ich habe sie gemieden, um jeden Preis. Dieser Tweet trifft es für mich sehr gut:

„Viele Menschen, die sich zu viel erklären, sind in Umgebungen aufgewachsen, wo sie nie wussten, ob sie sich verteidigen müssen oder verstecken. Weil beides harte Gegenreaktionen hatte. Als Erwachsene erklären wir uns oft zu viel, um vor der Angst vor dieser Gegenreaktion wegzulaufen. Die Angst, dass wir keinen Sinn ergeben, ist damit verknüpft, ungerechten Schmerz zugefügt zu bekommen.“

Zum Abschluss: Ich schreibe diesen Artikel nicht für Mitleid. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich das alles überhaupt hier aufschreibe. Mir ist wichtig, dass besonders Menschen, die mit Kindern arbeiten, hier an meinen Beispielen sehen, dass es eben keine „schwierigen“ Kinder gibt. Sondern Kinder, denen etwas fehlt. Kinder, die es zu Hause nicht einfach haben. Kinder, die nicht gelernt haben, sich anders zu äußern. Darüber hatte ich ja schon in meinem Artikel zu: „Mach doch nicht so ein Theater!“ geschrieben.

Und an alle, die folgenden Satz denken, ob nun im Zusammenhang mit Kindern oder Erwachsenen: „Das hat mir auch nicht geschadet.“
Wirklich nicht?

Warum kommt dann dieser Satz in den Kopf? Zumindest hat es wohl unangenehme Gefühle ausgelöst. Hier möchte ich euch einladen, da mal zu reflektieren. Denn wenn ich Freude bei etwas empfinde oder andere angenehme Gefühle erscheint innerlich sicher kein: „Das hat mir auch nicht geschadet.“
Übrigens: „Das hat UNS nicht geschadet.“ Ist eher ein Versuch der Verallgemeinerung und Selbstschutz, etwas von sich wegschieben.

Was mir bleibt: Eine chronische Depression, seit ich 16 bin. Die ich erst durch die letzte Therapie in den Griff bekommen habe.

Da dies ein sehr persönlicher Beitrag ist, bitte ich um respektvolle und empathische Kommentare. Ich hoffe auf euer Verständnis.

mindfulsun

PS: Meinen Eltern habe ich verziehen. Sie wussten es nicht besser. Sie sind selbst durch ihre Kindheit geprägt. Wir haben keinen Kontakt mehr. Denn auch als Erwachsene hat sich in unserem Umgang nichts geändert.

mindfulsun
About me

Mensch, Mama zweier Jungs, die versucht ihre Werte zu leben und die innere Balance zu halten. Ich schreibe über Achtsamkeit, vegane Ernährung, Nachhaltigkeit und verbindende Kommunikation von Herzen. Was ich mir wünsche? Einander mit mehr Mitgefühl und Empathie zu begegnen, überall auf der Welt.

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