Zwillinge auf Klassenreise und warum Eltern Lehrer verklagen wollen!


Nach meiner Anekdote aus dem Schulleben hat inzwischen auch Gottfried, der hier schon mal geschrieben hat, eine weitere echte Story aus seinem reichhaltigen Fundus als Schulleiter hier zu erzählen – und zwar da drohte ein Vater mit Klage. Warum? Lest einfach…

Es war Freitagnachmittag.

Nur mit meiner kräftigen Lehrer-Männerstimme konnte ich mich im Stimmenwirrwarr, hervorgerufen durch grölende Kinder und aufgeregte Eltern, durchsetzen, um die Einfahrt auf den Schulhof für den angemieteten Bus zu ermöglichen.

Schließlich sollte er uns auf die „große“ Wochenendreise bringen, in ein Schullandheim etwa 30 km von unserer Schule entfernt. Obwohl es ja eigentlich nur um knapp drei Tage und zwei Übernachtungen gehen sollte – aber für so manche Eltern (und Kinder) schien diese Trennung absolutes Neuland zu sein. Entsprechend herzzerreißend waren die Abschiedsszenen – es musste sich wohl doch um eine „Weltreise“ handeln…

„… und dann kommen noch Jan und Jonas in das Zimmer 3 zu Peter und Hans.“

Damit war die Zimmerverteilung in dem Schullandheim abgeschlossen. Ich konnte ein erstes Mal durchatmen, alle Kinder nahmen ihre Köfferchen mit auf ihr Zimmer – teils eher „Großraumkoffer“, die die Eltern ihnen gepackt und zum Bus geschleppt hatten. Nach dem Umziehen, eine halbe Stunde später, trafen wir uns alle vor dem Schullandheim zur Schnitzeljagd im Wald. Nach kurzer Besprechung der Spielregeln ging´s los und schnell waren alle im Wald verschwunden…

Es war schon kurz vor Mitternacht. Eigentlich sollte längst überall Ruhe herrschen, aber immer wieder hörte ich Gerenne, Geklapper, Getuschel, Gekicher aus verschiedenen Zimmern.

Ein neues „Donnerwetter“ war notwendig: „Wenn ich noch einmal….“, begann ich meine letzte Warnung, „…. dann kommt derjenige zu mir oder zu Frau Heuberg mit ins Zimmer und bleibt dort die ganze Nacht, damit wir alle endlich Ruhe bekommen.“


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Ein paar Minuten war auch Ruhe, aber dann… Ich war gerade dabei, auf dem Flur auf eines der Zimmer zuzugehen und zu lauschen, ob die erneuten Geräusche von dort kämen, als die Tür aufging und mir mit hochrotem Kopfe Jan entgegen stürmte.

„Ich wollte den Mädchen doch nur noch…“, aber natürlich war ihm klar: Diese Nacht musste er zusammen mit den beiden Lehrern in deren Vier-Bett-Zimmer verbringen. Kopfkissen und Bettdecke unter dem Arm wechselte er das Zimmer, kletterte nach oben in sein Etagenbett und schlief kurz darauf ein – eine himmlische Nachtruhe war eingekehrt, mitten im Wald!

Am nächsten Morgen war alles vergessen.

Eine herrlicher Samstag und eine absolut ruhige Nacht folgten, und am Sonntagnachmittag ging´s wieder zurück zur Schule. Eltern und Schüler fielen sich glücklich in die Arme.

Fast alle!

Mit knallrotem Kopf, mit den Armen wedelnd wie ein aufgescheuchter Schwan auf dem Mühlenteich, mit einem karierten, weit aufgeknöpften Holzfällerhemd über dem deutlich hervortretenden Bauch stürzte Herr B., in der Stadt bekannter Großunternehmer und Vater von Jan und Jonas, seinen beiden Zwillingen, auf mich zu und schrie mich an: „Ja sind Sie denn wahnsinnig? Ich werde Sie verklagen! Sie, Sie…!!! “, ein passendes Wort schien ihm so schnell nicht einzufallen!

„Sie haben es gewagt, meine beiden Söhne auseinander zu reißen. Die haben noch nie in ihrem Leben getrennt geschlafen – und Sie wagen es, sie zu trennen, sogar eine ganze Nacht lang?! Wenn die Jungs jetzt einen Knacks fürs Leben bekommen, dann sind Sie schuld – Sie werden dafür büßen, das verspreche ich Ihnen!!!!“

Ob danach noch viele weitere Androhungen folgten, weiß ich nicht; ich zog es vor, mich dem Gepäck der Kinder und dem Busfahrer zu widmen. Anderen Eltern gegenüber schien er weiterhin vehement gegen mich wettern und zu lamentieren, die Klage wurde offensichtlich aber trotzdem nie eingereicht…

Liebe Grüße,

Gottfried

PS. Ihr seid Lehrer oder Erzieher und habt auch eine Anekdote zu erzählen? Schickt uns am besten eine PN über den Messenger: https://m.me/tollabea (übrigens, dann fragt euch das Ding, ob ihr News von uns erhalten wollt… Ein „Ja, geht klar, würde uns freuen!)


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Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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