Socken-Hellene


Vorsicht, dies wird kein Text zum Wohlfühlen. Es wird nicht geschmunzelt und Awww gemacht. Es sind keine Lachtränen zu erwarten. Wobei es vielleicht schon Tränen geben wird. Zumindest bei mir. Während ich das hier schreibe.

Ach, und ich werde Wörter verwenden. Wörter, die meine Kinder nicht sagen dürfen. Sogar fremde Kinder werden von mir zurecht gewiesen, wenn sie diese Wörter sagen. Aber dieser Text kommt nicht ohne aus. Sorry, not sorry.

Ich bin am Arsch. Ich gehe auf dem Zahnfleisch. Ich bin fertig. Ich brauche eine Pause.

Lasst mich zurück, macht diese ganze Erwachsenensache alleine weiter. Ich bleibe einfach hier liegen. Ernsthaft, mein Kopf platzt bald und mein Herz auch. Seit verdammt vielen Jahren spiele ich dieses Erwachsenenlebenspiel in Perfektion. Weil es für mich nur einen erstrebenswerten Zustand gibt: Perfektion. Also, nicht bei anderen. Perfekte Menschen finde ich anstrengend und langweilig.

Aber ICH muss natürlich schon perfekt sein. Sogar noch eine Spur besser: Perfekt ohne anstrengend und langweilig zu sein.

So, als wäre ich es einfach. Als wäre ich vor 39 Jahren aus meiner Mutters Scheide geschlüpft und zwar perfekt. Schön, eloquent, klug, herzensgut, entzückend, lustig, gebildet (fügen Sie hier gedanklich noch mindestens 150 weitere erstrebenswerte Adjektive ein. Aber der Punkt ist klar, ne?!). Tatsache ist aber: Ich bin all das nicht. Zumindest glaube ich das nicht.

In Wirklichkeit habe ich das Gefühl, ständig auf einem dünnen Seil in zwei Meter Höhe zu stehen. Auf meinen Händen balanciere ich zwei Kinder und auf meinem Kopf Job, Haushalt, Ehe, soziales Engagement und meinen Ruf als lustige Supermutti. Leider wird der Wind immer rauer. Das Seil wackelt und es kostet mich immer mehr Kraft, nicht zumindest schon mal den Scheiß auf meinem Kopf abzuschütteln.

Mein Lieblingszitat aus „Pippi Langstrumpf“ war immer:

Tommy und Annika: „Der Sturm wird immer stärker.“
Pippi: „Das macht nichts. Ich auch.“

Ist das nicht ein „geile Sau“ Zitat? Genau so will ich gesehen werden. Die, die an ihren Anforderungen wächst. Die, die nie Angst hat. Die, die sagt „jetzt erst Recht!“. Die, die dem Sturm ins Gesicht lacht. Und vielleicht ist es meine persönliche Midlife Crisis zu merken, dass ich das nicht bin. Dass mir das viel zu anstrengend ist.

Ich will nicht im verdammten Sturm stehen. Ich will vor dem Kamin sitzen und heiße Schokolade trinken. Jemand soll kommen und mich fragen, ob er mir etwas bringen darf, ob ich Hilfe brauche oder wenigstens warme Socken.

Was habe ich mich in meinem Leben schon gequält, nur um die Sturm-Pippi zu sein. Ich habe Enttäuschungen weg gelächelt und Schmerzen für mich behalten. In meinen Zwanzigern habe ich unter Panikattacken gelitten. Ich habe so lange mit keinem Menschen darüber gesprochen, es nicht zugegeben, bis ich plötzlich nicht mehr in der Lage war, das Haus zu verlassen.

Sturm-Pippi hat keine Panikattacken. Sturm-Pippi schippert über die fucking Weltmeere. Alleine als kleines Kind!

Natürlich war ich eine perfekte Patientin und so konnte ich das kleine Häuflein-Elend wieder in eine Ecke ganz weit hinten im Schrank stecken und die wilde Fahrt über die sieben Weltmeere ging weiter. Ich wurde schwanger. Erst einmal, dann ein weiteres Mal.

Schwangerschaften und Geburten? Natürlich ein Klacks für Sturm-Pippi.

MAN IST JA SCHLIEßLICH NICHT KRANK! Das sagt einem doch jeder. FRÜHER HABEN DIE FRAUEN AUF DEN FELDERN ENTBUNDEN UND DANACH WEITER KARTOFFELN GEERNTET. Ja, so eine war ich. Äusserlich. Innerlich sehnte ich mich nach den warmen Socken vorm Kamin.

Und selbstverständlich genügte es mir nicht, Mutter zu sein, einen herausfordernden Beruf zu haben und ein erfülltes Privatleben. Ich musste ja auch noch „Internet-Star“ werden. Natürlich behaupte ich nicht selbst von mir „Internet-Star“ zu sein. Aber es gibt tatsächlich Menschen, die das behaupten (was bewirkt, dass ich mit tiefrotem Kopf wegrennen möchte).

Und so wird das Seil, auf dem ich stehe noch dünner, hängt noch höher. Nicht, dass ich das alles nicht will. Ich bin eine verdammte Rampensau. Ich stehe auf Applaus und ich will, dass Schlüpfer zu mir auf die Bühne geschmissen werden.

Auch „Marlene – I LOVE YOU“ Plakate fände ich toll und irgendwie angemessen.

Das Problem ist nur, dass ich jede Sekunde des Tages mit der Angst lebe, dass es vorbei ist. Dass ich entlarvt werde. Dass die Menschen sich plötzlich die Augen reiben, verwirrt den Kopf schütteln und sich fragen, was sie an der doofen Alten so toll fanden. Ich habe Angst vor „Hochstapler“-Rufen, Angst davor, mit Fackeln und Mistgabeln aus dem Internet vertrieben zu werden.

Aber am meisten Angst machen mir die vielen schönen und klugen Frauen, die ich in den letzten Jahren kennenlernen durfte. Frauen, die ich anfangirle. Frauen, denen ich sofort unterstelle, dass sie mich nicht mögen. Weil sie es merken.

Dass ich nicht wirklich Sturm-Pippi bin, sondern nur die olle Kamin und Socken Hellene.

Socken-Hellene, die es nicht schafft, ihrem Mann klar zu machen, dass seine Überstunden alle auf ihre Kosten gehen. Die freundlich lächelt, wenn ihr jemand unrecht tut, weil sie zu müde und zu konfliktscheu ist, sich zu behaupten.

Socken-Hellene, die sich Anerkennung von Mann und Arbeitgeber wünscht, aber eben auch denkt, dass sie es wahrscheinlich nicht wirklich verdient hat. Socken-Hellene, die sich irgendwann halt selber Blumen kauft und diese passiv-aggressiv auf den Tisch stellt. Socken-Hellene, die nur nach außen hin ein großes Maul hat. Die für jeden einen guten Rat und eine Lösung hat, außer für sich selbst. Socken-Hellene, die laut rausschreit, man müsse eben etwas ändern, wenn man unzufrieden ist, aber selber erstarrt.

Warum ich das jetzt alles schreibe? Was der Scheiß soll, fragen Sie sich jetzt? Ich werfe Ballast ab.

Wenn ich mich nämlich selbst entlarve muss ich schon nicht mehr ständig befürchten, dass das bald jemand anderes tut und ich kann in Ruhe über weitaus wichtigere Dinge nachdenken, zum Beispiel, wie ich die Siebenjährige als verdammte Schlingpflanze für ein fucking Schulmusical verkleiden soll, das nächste Woche stattfindet und meinen kompletten üblichen Zeitplan zerbombt.

Und ich kann einen Brief an Astrid Lindgren schreiben und in ihrem Grab verbuddeln, in dem ich ihr mitteile, dass Pippi Langstrumpf Menschenleben ruiniert mit ihrem Mut und ihrem Gold und der verdammten Seefahrerei. Dass jeder Pippi sein kann mit Reichtum und Vogelfreiheit, dass es aber auch Menschen gibt, die Geld verdienen und Kinder verkleiden müssen. Menschen, denen es auf Schiffen übel wird und die nichtmal ein Pferd haben, sondern einen Opel Zafira, mit denen sie ihre Kinder zur Schule fahren, wofür sie von Umweltschützern gehasst werden, was dazu führt, dass sie sich schlecht fühlen und in den Schlaf weinen müssen.

Und wenn ich all das getan habe, setze ich mich vor den Kamin und hoffe, das jemand kommt und mich fragt, ob ich etwas brauche.

Und dann sage ich ja!

Eure,

Socken Hellene

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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10 Kommentare

Socken-Fan
Antworten 1. Juni 2019

Liebe Hellene,

die Socken-Hellene ist mir viel sympathischer, viel ehrlicher und viel näher als die Sturm-Pippi... Perfektion ist eine Lüge :)
Gerade sitze ich mit warmen Socken auf der Couch, lese deinen Beitrag und ignoriere den riesigen Berg voll Geschirr und die Arbeit auf dem Schreibtisch, während beide Kinder schlafen. Und weißt du was? Es ist ok :)

Liebe Grüße
Socken-Fan

Socken-Fan
Antworten 1. Juni 2019

Liebe Hellene,

die Socken-Hellene ist mir viel sympathischer, viel ehrlicher und viel näher als die Sturm-Pippi... Perfektion ist eine Lüge :)
Gerade sitze ich mit warmen Socken auf der Couch, lese deinen Beitrag und ignoriere den riesigen Berg voll Geschirr und die Arbeit auf dem Schreibtisch, während beide Kinder endlich (!!!) schlafen. Und weißt du was? Es ist ok :)

Liebe Grüße
ein weiterer Socken-Fan

RabenmuttermitWein
Antworten 1. Juni 2019

Liebe Bea,
Wir kennen uns nicht.
Aber ich möchte dir etwas sagen, das kommt aus tiefstem Herzen.
Sei nicht perfekt, sei authentisch. Und zwar authentisch du selbst. Wir haben alle gute Tage und furchtbare Tage. Wir dürfen gut gelaunt sein und zu Tode betrübt.
Pippi war genau deshalb so cool, weil sie erfunden ist. Niemand kann so sein.

Ich bin übrigens die abends Wein trinkende, zu viele Chips futternde, die ihre Kinder mal anmeckert, wenn sie wieder mal völlig daneben sind (Ja sie sind klein, aber ich bin runter mit den Nerven) und sich mal wieder ne richtig tolle Zeit mit dem Mann wünscht, ohne Kinder.

Aber das passiert erstmal nicht, also gebe ich dir was von meinem Wein ab, von meinen Chips und hoffe, die entspannen dich zumindest kurz <3

Notbremse
Antworten 2. Juni 2019

Als würdest du mich beschreiben!
Nur dass ich kein „Internet-Star“ bin 😉
Und dass ich nach einer Mutter-Kind-Kur Dir Notbremse gezogen habe, vorerst nicht arbeiten bin, sondern in einer Tagesklinik psychisch wieder aufgebaut werde.

SilkeAusL
Antworten 2. Juni 2019

Liebe Socken-Hellene,
ich muss sagen, dass es mich doch SEHR beruhigt, dass auch ein "Star" wie Du dieselben Probleme hat wie unsereins.
Wie oft hab ich mir in letzter Zeit gewünscht, auch einfach mal wieder Kind zu sein, dem etwas vorgelesen wird, das den Kakao ans Bett gebracht bekommt, weil es ihm schlecht geht usw.usf.
Stattdessen MUSS ich funktionieren, auch wenn es mir schlecht geht, es ist niemand da, der sagt: "Lass mal, mach ich schon!", der einem ohne Neid und dass man ein schlechtes Gewissen haben muss mal einen (halben)freien Tag wünscht...
Stattdessen wird einem noch das "stell-dich-nicht-so-an"-Leben vorgelebt und man wird ungläubig angesehen wenn man sagt: "Nein, das schaffe ich nicht!". Wieso nicht, was hast DU denn schon zu tun?!

Melanie
Antworten 2. Juni 2019

Hallo Hellene,
du beschreibst genau das Leben einer heutigen Frau und Mutter. Von uns wird alles erwartet. Jede sieht sich nur noch als Konkurrenz, nicht als Freund. Und wenn es uns schlecht geht, sind wir selbst die Einzigen, die uns helfen können. Nur wenige sehen, wie es uns wirklich geht, weil wir das perfekte Leben vorspielen müssen.
Wichtig ist, sich selbst nicht zu verlieren und sich Zeit zu nehmen für die schönen Dinge im Leben. Anders geht es nicht.- Hinfallen und wieder aufstehen -

Jessy
Antworten 2. Juni 2019

Das was du dir da von der Seele geschrieben hast war super mutig und ich hoffe das du dich jetzt besser fühlst. Niemand ist perfekt jeder ist so gut er kann. Scheiss auf die anderen was die von einem Denken mögen ist sowas von egal. Ich würde dir sofort Grosse Schokolade und Socken bringen.

Franziska Feifel
Antworten 3. Juni 2019

Liebe Socken—Helene.
Du hast es so gut formuliert jetzt musst du es noch umsetzen.
Das was Zuviel ist abwerfen.
Deinem Mann sagen, dass seine Überstunden auch dich treffen, vielleicht auch selber das Arbeitspensum verringern, im Internet weniger präsent sein....
deine Freizeit für dich nutzen.
Babysitter einstellen
Oft ist weniger mehr

Viel Kraft und Energie wünscht Franziska

Sandra
Antworten 6. Juni 2019

Liebe Bea,
Sei einfach du selbst- ne Pipi ist nie erwachsen geworden... hatte all die Dinge die DU hast. Wir können alles sein!
Und wir dürfen auch sagen, dass wir dicke Socken und Kakao brauchen ❤️
Das erlebe ich fast täglich: perfekte Mamas die völlig abgekämpft durch ihren Tagesablauf düsen und sich durchschlagen... lasst uns ehrlich sein!!! Sagen das wir „Pause machen“ - unseren Kindern genau das auch vorleben... damit sie nicht ein völlig schräges Bild bekommen... Lasst uns gegenseitig auf die Schulter klopfen und aufhören immer besser als die andere sein zu müssen... perfekter, ..., mit selbstangebautem Gemüse und gehäkelten Obsttaschen... in nächtlichen Überstunden genähten Kostümen... eingelegten Gurken... und bestgeplanten Kindergeburtstagen...
lasst uns atmen... und zusammen einfach nen Tee genießen...
Danke für deine Geschichte Bea!

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