„Es tut mir leid, mein Kind!“ – Warum ich es als wichtig und wertvoll empfinde, mein Kind um Verzeihung zu bitten


Ob und wie wir Kindern beibringen, sich zu entschuldigen, wenn sie was verbockt haben, war hier bereits Thema… Diesmal aus der Feder unserer Achtsamkeitsautorin, mindfulsun, eine Betrachtung der Sache mit dem „guten Beispiel“ und Kinder auch um Verzeihung bitten: Sie erzählt uns, warum sie es als wichtig und wertvoll empfindet, bei ihrem Kind einen Fehler einzugestehen.

Eltern sind Menschen – Menschen machen Fehler – Wenn ich einen Fehler gemacht habe, gehe ich auf den anderen Menschen zu: „Es tut mir leid.“

Eigentlich wäre dieser Artikel hiermit schon am Ende. Ich möchte gern zum Anfang zurück: Warum ich es als wichtig und wertvoll empfinde, dass Eltern auch ihren Kindern ein „Es tut mir leid“ entgegenbringen.

Seitdem das Thema Achtsamkeit in mein Leben kam, seitdem ich achtsam lebe, beschäftigt mich auch verstärkt das Thema „Verzeihen, vergeben und die Auswirkungen“.

Die Menschen, die mir am nächsten sind, sind meine beiden Jungs.

Ich bin kein perfekter Mensch, ich bin keine perfekte Mutter und ich habe diesen Anspruch auch nicht. Was mir wichtig ist: Eine liebevolle, tiefe, vertrauensvolle und authentische Bindung zu meinen Söhnen.

Sicherlich kennen das alle Eltern: Überreagieren im Stress, lauter werden – zu laut, vorschnell zu drastische Konsequenzen anzudrohen, den Kindern nicht richtig zuhören, weil man mit den Gedanken woanders ist.

Oft genug reagieren wir einfach sofort. Und oft genug habe ich es hinterher bereut. Nicht immer habe ich allerdings hinterher auch ein „Es tut mir leid“ zustande gebracht. Und aus heutiger Sicht bereue ich das, gerade bei Dingen, die ich früher als vermeintliche Kleinigkeit abgetan habe.
Denn mit der Achtsamkeit kam auch die Selbstreflexion und ich weiß heute, dass ich oft aus Hilflosigkeit oder Verärgerung reagiert habe. Und hier ist ein „Es tut mir leid“ immer angebracht.

Was Kinder aus einem „Es tut mir leid“ ihrer Eltern lernen und was es für mich bedeutet:

– Ich lebe meinen Kindern vor, dass ein wirklich gemeintes „Es tut mir leid“ Verbindungen schaffen kann, etwas reparieren kann, dass es sich für alle Beteiligten gut anfühlt.

– Fehler sind menschlich und sie passieren jedem, auch den Eltern! Wenn ich einen Fehler mache und jemanden verletze, ist ein „Es tut mir leid“ wichtig. Hier zeige ich dem anderen Menschen: Ich sehe was ich getan habe und ich übernehme die Verantwortung für meinen Fehler.
Und wünschen wir uns das nicht alle auch von unseren Kindern? Hier können wir es vorleben. Die Werte, die wir leben, vermitteln wir unseren Kindern.

– lernen zu verzeihen, authentisch und mitfühlend aufeinander zugehen

Verliere ich den Respekt meiner Kinder, wenn ich sie um Verzeihung bitte? Nein! Haben wir nicht alle mehr Respekt vor Menschen, die Verantwortung übernehmen und zu ihren Fehlern stehen?

Mit jedem „Es tut mir leid“ vertieft sich die Bindung zu meinen Kindern und jedes „Es tut mir leid“ zeigt mir auch, wo ich noch an mir arbeiten muss. Ich möchte ja nicht immer für die gleichen Dinge ein „Es tut mir leid“ aussprechen. Das hilft mir nicht und auch nicht meinen Kindern.
Was ich bei uns gemerkt habe, meine Kinder nehmen das dankbar an und sie haben mir das auch schon gesagt. Erst vor einigen Tagen hatte ich die Situation mit meinem Sohn. Ich habe nicht richtig zugehört und von ihm kam später ein: „Das habe ich dir doch schon vorhin gesagt, Mama. Du hast nicht richtig zugehört!“ Meine initiale innere Reaktion war defensiv. Das habe ich sofort gespürt und erst mal tief durchgeatmet, bevor ich dann wirklich reagierte und meinem Kind antwortete: „Es tut mir leid, ich war in Gedanken und unaufmerksam. Bitte erzähle es mir noch mal, du hast jetzt meine volle Aufmerksamkeit.“

Mein Sohn nahm die Entschuldigung dankbar an und hat mir gesagt, wie gut ihm das tat.

Diese Momente schaffen echte Verbindungen zwischen mir und meinem Kind und stärken das Vertrauen zwischen uns. Mir ist wichtig, was er zu sagen hat. Und ja, ich werde zukünftig darauf achten, noch achtsamer zu sein und nicht nur mit halbem Ohr zuzuhören. Das gleiche wünsche ich mir ja von meinem Kind auch!

Ein wirklich bedeutungsvolles „Es tut mir leid“ kann immer mit einer kurzen Erklärung verbunden werden.

Hier spielt sicher auch das Alter des Kindes eine Rolle. Mein Sohn ist 12 Jahre alt und er versteht ein: „Mama war gerade in Gedanken und somit woanders. Mama hatte Stress und war unaufmerksam. Ich habe mich hilflos gefühlt und deswegen überreagiert. Ich war traurig und habe deswegen so kurz angebunden geantwortet.“ Der Möglichkeiten gibt es viele. Authentisch sein ist hier für mich von großer Bedeutung.
Mir ist es wichtig, dass meine Jungs ein „Es tut mir leid“ wirklich so meinen und auch reflektieren. So einfach dahin gesagt, ist es auf lange Sicht nicht hilfreich. Genau hierfür sind kurze und authentische Erklärungen sehr wichtig.

Jemanden um Verzeihung bitten ist heilsam und zeigt gerade den Kindern, dass ich meinen Fehler gesehen habe und ich es auch aus der Sicht meines Kindes wahrnehme. „Du bist mir wichtig!“

Vertrauen, Mitgefühl, Liebe, Respekt, Menschlichkeit, Verbindung, Authentizität, Verantwortung – „Es tut mir leid!“

Natürlich versuche ich achtsam zu sein, nicht sofort zu reagieren, erst zu atmen, mir Bedenkzeit zu nehmen und keine vorschnellen Entscheidungen zu treffen / Konsequenzen anzuordnen. Nur keine Meditation der Welt, kein Yoga und keine Achtsamkeit werden verhindern können, dass ich nicht doch Fehler mache. Das sollen auch meine Jungs lernen: Fehler sind menschlich, wir alle machen sie. Einander annähern, aufeinander zugehen das ist wichtig und wertvoll.

Mein achtsamer Weg: Mir ist es wichtig, auch mir selbst zu verzeihen.

Ich mache Fehler im Umgang mit meinen Jungs, ich reflektiere, ich spreche mit ihnen, übernehme die Verantwortung und ich versuche etwas in mir und an meinem Verhalten zu verändern.

Eltern sind Menschen – Menschen machen Fehler – Wenn ich einen Fehler gemacht habe, gehe ich auf mein Kind zu: „Es tut mir leid.“ – Ende

Liebe Grüße,

euere mindfulsun

PS: Ich habe bewusst den Fokus auf „Es tut mir leid“ gelegt und es nicht „Entschuldige bitte“ genannt. Hier gibt es für mich einen entscheidenden Unterschied. Darüber ein andermal mehr…

Titelbild: Photo by Xavier Mouton Photographie on Unsplash

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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1 Kommentare

Julia Schöneberger
Antworten 20. November 2018

Vielen Dank für den schönen Artikel. Traf mitten in die Familie bei uns. Ich versuche, meinen Kindern den Unterschied zwischen "Entschuldige!" (war gerade unaufmerksam, ist doch nicht so schlimm, geh mal gerade rüber, ...) und "Es tut mir leid!" ist. Letzteres heißt, ich habe etwas getan oder gesagt, das so falsch war, dass es mir selbst Schmerzen bereitet (LEID), weil es unsere Beziehung stört. Und das muss ich jetzt sagen, damit du mich in den Arm nehmen kannst, und dann kannst du mir auch sagen, dass ich dich verletzt habe.
Wir haben alle ein sehr lebhaftes Temperament und dünne Haut und das "es tut mir leid" ist sozusagen die Heilsalbe, die dafür sorgt, dass keine Narben bleiben. Ich habe selber noch genug Narben aus meiner Kindheit, wo sich Eltern grundsätzlich nicht entschuldigen mussten, da ich immer Schuld hatte.
Also, danke für die Einsicht, dass ich nicht spinne, sondern andere Eltern das auch so sehen. Aber viel schöner sagen können!

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