Hör auf, so ein Theater zu machen! – Der Blick hinter die „Kulissen“


Das wird mal ein etwas anderer Artikel. Ich werde hier teilweise aus zwei Videos zitieren, die ich mir in der letzten Woche angeschaut habe – gemischt mit meinen Gedanken. Zum Thema:

„Mach doch nicht so ein Theater!“ oder „Hör auf so ein Theater zu machen!“

Vielleicht habt ihr das schon gehört oder auch gesagt. Darum geht es mir heute. Was mir dabei wichtig ist: Ich bin nicht die „Sprachpolizei“. Es geht nicht darum, Formulierungen einfach wegzulassen oder bestimmte Dinge nicht mehr zu sagen. Es geht um das „dahinter“. Und was hinter so einem „Theater“ steckt, darüber schreibe ich heute.


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Im Übrigen ist für mich „Mach doch nicht so ein Theater“ nichts anderes als eine Bewertung durch die Person, die das ausspricht.

Seit meiner Traumatherapie und allem, was ich dadurch und seitdem gelernt habe, möchte ich am liebsten alle Menschen (und vor allem Eltern) fragen: „Weißt du eigentlich, wie dein Gehirn funktioniert?“. Das wird hier heute auch eine Rolle spielen.

Bevor ich jetzt loslege: Wer ist Gabor Maté? Er ist der Mann, aus dessen Videos ich hier heute zitieren werde.

Gabor Maté ist ein ungarisch-kanadischer Arzt, Psychologe und Autor. Er ist einer der führenden Experten auf den Gebieten frühkindliche Entwicklung, Trauma und Sucht. Ja, durch seine „Traumaarbeit“ bin ich auf ihn aufmerksam geworden und seitdem verschlinge ich alles, was ich von ihm in die Hände bekomme.

Auf also hinter die Kulissen zum Thema: „Theater machen“.

Ich habe das als Kind von meinen Eltern oft gehört. „Hör endlich auf mit dem Theater!“ In Situationen, in denen ich im emotionalen Ausnahmezustand war und mich wohl in den Augen meiner Eltern daneben benommen habe.

Was Gabor Maté dazu zu sagen hat (erst im Original, dann folgt meine Übersetzung):

„If a child is acting out, let’s control the behavior. And parenting books will tell you: When the kid is doing this, the parent should do that. The child acts out and the parents then should have a way of managing that acting out.

But here is a the thing about acting out. Look at the phrase itself, it’s a good English phrase, it has a very specific meaning:

We act out – and it doesn’t mean we are behaving badly- We act out, when we don’t have the language to say something in words. That is what acting out actually means. So in a game of Charades, where you are not allowed to speak, you have to act out to deliver your message. If you land in a country where nobody spoke your language and you had to portray hunger, you have to act out. Kids are acting out all the time. And our response is to control the behavior. We respond to the form of the message rather than to the content of it. And then we wonder, why it doesn’t work.“

„Wenn ein Kind ein Fehlverhalten an den Tag legt (acting out – umgangssprachlich „Theater machen“), lass uns das Verhalten kontrollieren. Und Erziehungsratgeber werden dir sagen: Wenn das Kind dies macht, müssen die Eltern jenes machen. Das Kind ‚benimmt sich schlecht‘ und die Eltern sollten dann einen Weg finden, dieses Verhalten zu kontrollieren.
Aber es ist so mit dem ‚Theater machen‘. Schaut auf den Ausdruck selbst, es ist ein guter englischer Ausdruck und hat eine sehr spezifische Bedeutung:

Wir machen Theater – und das bedeutet nicht, dass wir uns schlecht benehmen – Wir machen Theater, wenn wir nicht die Sprache haben, etwas in Worten auszudrücken. Das ist, was ‚Theater machen‘ eigentlich bedeutet. Beim Scharade spielen, wenn es nicht erlaubt ist zu sprechen, müssen wir Theater spielen, um unsere Nachricht rüberzubringen. Wenn du in einem Land ankommst, wo niemand deine Sprache spricht und du müsstest schildern, dass du hungrig bist, müsstest du es „darstellen“.  Kinder tun das die ganze Zeit. Und unsere Antwort ist, das Verhalten zu kontrollieren. Wir reagieren auf die Form der Nachricht statt auf den Inhalt. Und dann wundern wir uns, dass es nicht funktioniert.“

Also: „Theater machen“ ist nichts anderes, als dass irgendwer versucht, sich verständlich zu machen und ihm fehlen die sprachlichen Möglichkeiten dafür!

„Hör auf damit“ ist da nicht besonders hilfreich. Vielleicht ist in dem Moment Ruhe. Beim nächsten hilflosen Versuch, mich verständlich zu machen, werde ich wieder so reagieren. Und mit Ruhe meine ich: Ich verstumme. Das bedeutet nicht, ich fühle mich wohl.

Auch dazu sagt Gabor Maté etwas in dem Vortrag:

And then the adult gets exasperated: „I have told him a thousand times not to do it. But he is still doing it.“ Well, the proper response is: „If you have told him a thousand times and he is still doing it. Who has got the learning problem?“

Und dann reagiert der Erwachsene verärgert: Ich habe dem Kind tausendmal gesagt, er soll das nicht machen. Und er macht es immer noch! Nun, die korrekte Antwort ist: „Wenn du es dem Kind tausendmal gesagt hast und es macht es immer noch. Wer hat das Lernproblem?“

Ja, das klingt erst mal hart. Es trifft den Kern der Sache und damit komme ich wieder zum Anfang meines Artikels und dazu, wie das Gehirn funktioniert. Wenn ich weiß, wie so ein Gehirn funktioniert, weiß ich auch, dass ich da mit Ansagen oder sogar Strafen nicht weiterkomme!

Emotionale Regulation ist das Zauberwort.

Zu lernen: Wie reguliere ich meine Emotionen? Wie kann ich mich dann ausdrücken? Und das jenseits von Anklagen, Verurteilungen und Strafen für das vermeintliche Fehlverhalten „Theater machen.“

Festhalten also an dieser Stelle: „Theater veranstalten“, ist kein Fehlverhalten oder mich schlecht benehmen. Sondern ein Ausdruck der Hilflosigkeit, wenn die Sprache fehlt und die Möglichkeiten (manchmal auch die Fähigkeit), mich anders verständlich zu machen. 


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„Aber das Kind muss doch lernen, sich zu benehmen!“
Vielleicht kommt das dem einen oder anderen in den Sinn.

Wenn Kinder lernen, sich emotional zu regulieren und ihre Gefühle und Bedürfnisse mitzuteilen, wenn sie ihre Emotionen anders ausdrücken und anders damit umgehen können: Dann ändert sich auch das Verhalten.

Wie ich mich als Kind gefühlt habe, wenn meine Eltern gesagt haben: „Hör auf, so ein Theater zu machen?“

Hilflos, beschämt, alleine, ohnmächtig.

Was mir geholfen hätte? Eltern, die in diesen Momenten auf mich zugehen, statt mich in mein Zimmer zu schicken oder anzubrüllen. Eltern, die versuchen dahinterzukommen, was nun mit mir los ist. Was ich das gerade versuche zu vermitteln. Und wenn ich das große Bild anschaue:

Eltern, die mir emotionale Regulation beibringen und vorleben.

Ich habe auf Twitter eine Umfrage gemacht, wer in seiner Kindheit auch dieses „Hör auf, so ein Theater zu machen“ gehört hat und was es bei den Menschen ausgelöst hat, wie sie sich gefühlt haben:

Wertlos, nicht wahrgenommen, invalidiert, schwach, wie eine Last, nicht gut genug im Lieb sein, verwirrt, nicht ernst genommen, „Hör mir doch mal zu“ im Herzen…

Die Reaktionen sprechen die gleiche Sprache: Die der Hilflosigkeit.

Emotionale Regulation ist ein Lernprozess. Und dieser Lernprozess basiert vor allem auf der Grundlage, dass sich das Kind angenommen fühlt und sicher.

Butter bei die Fische: Mir platzt auch mal der Schlüppergummi bei so manchem Verhalten. Kann ich dann sofort auf den anderen (in dem Fall mein Kind) ruhig eingehen? Nein! Und jetzt kommt „der Witz“ an der Sache: Ich als Erwachsene lebe die emotionale Regulation vor! Davon lernt mein Kind.

Wenn ich dann also ungehalten oder genervt reagiere, mein Kind vielleicht sogar anbrülle: Ist das nicht hilfreich und kann eher noch Schaden anrichten.

Ich bereue das später und mein Kind ist ängstlich, hilflos, traurig und fühlt sich nicht verstanden. Es ist also an MIR, mich zuerst zu regulieren. Auch mit viel Achtsamkeit und allem, was ich an Selbstreflexion und Meditation gelernt habe, fällt mir das manchmal schwer. Und dann ist da so ein kleiner hilfloser Mensch, der all diese wertvollen Werkzeuge noch nicht an der Hand hat und der soll das können?

In einem anderen Video sagt Maté anhand eines Beispiels:

„Validate their feelings. That doesn’t mean you are permissive. The kid wants a cookie before dinner. But you know better:  If you give him the cookie, he won’t have dinner. So you are not giving him the cookie. But why shouldn’t he be angry about it? Why should I be threatened by his anger. Why should I call that naughty?
„Oh you are angry, you are really upset. You really wanted that cookie.“ „Yeah“
That is ok. I am so sorry, after dinner.
You are not permissive but you are also not demanding that the child suppresses their feelings in order to be in your presence.“

„Erkenne die Gefühle an. Das bedeutet nicht, nachgiebig zu sein. Das Kind möchte einen Keks vor dem Abendessen. Und du weißt es besser. Du weißt, wenn du ihm den Keks gibst, wird er kein Abendbrot essen. Also gibst du ihm den Keks nicht. Aber warum sollte das Kind nicht verärgert sein? Warum solltest du dich von dem Ärger bedroht fühlen? Warum solltest du das unverschämt nennen? 
„Oh, du bist wirklich verärgert. Du wolltest den Keks jetzt wirklich gerne.“ 
„Ja.“
„Das ist ok. Nach dem Essen.“

Du bist also nicht nachgiebig und du verlangst auch nicht, dass das Kind seine Gefühle unterdrückt, um in deiner Nähe sein zu können.“

Auch in diesem Video spricht er wieder an, wie wichtig die Reaktion der Eltern ist. Da kommt es auch auf die Stimme und den Tonfall an.

Warum? Selbstregulation lernen: Gefühle kommen und gehen auch wieder vorbei.
Je mehr Gefühlsworte ich mit dem Kind benutze, umso größer wird auch sein Wortschatz und die Fähigkeit sich selbst zu reflektieren.

Ich hoffe, ich konnte euch mit diesem Artikel ein wenig hinter die Kulissen des „Mach doch kein Theater“ schauen lassen.

Im zweiten Teil werde ich noch mehr aus dem Vortrag zitieren. Da tauche ich noch tiefer ein in: Wie funktioniert das Gehirn? Was sind die Defensivmechanismen: Kampf, Flucht, Erstarren? Die wir als Eltern (auch Lehrkräfte etc.) in den Kindern auslösen. Und die auch bei uns ausgelöst werden können.

Wenn ich jetzt innerlich in die Lage komme, etwas als Theater zu empfinden und genervt bin: Kleiner innerlicher Ausdruckstanz, durchatmen und dann reagieren.

Das Abschlusswort zum Thema „Theater machen“,  nehme ich aus dem Vortrag von Gabor Maté:

„Clearly what we have to do: We have to find out, what is going on for that child.“

„Eindeutig, was wir tun müssen: Wir müssen herausfinden, was für dieses Kind vor sich geht.“

Hinter die Kulissen schauen!

mindfulsun

PS: Ich habe bei den YouTube Videos mitgeschrieben und hinterher übersetzt. Rechtschreibfehler sind sicher drin. Seht es mir bitte nach. Das war sehr aufwendig und ich bin gerade kraftlos.

mindfulsun
About me

Mensch, Mama zweier Jungs, die versucht ihre Werte zu leben und die innere Balance zu halten. Ich schreibe über Achtsamkeit, vegane Ernährung, Nachhaltigkeit und verbindende Kommunikation von Herzen. Was ich mir wünsche? Einander mit mehr Mitgefühl und Empathie zu begegnen, überall auf der Welt.

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