Für alle Eltern am Ende ihrer Nerven: Es ist es wert! Eine Oma kommt zu Wort


Eltern am Ende ihrer Nerven trifft man überall: Im Supermarkt, mit kleinen Nervenbündeln, die aus Leibeskräften „Will haben!!!“ schreien. In der überfüllten Arztpraxis. In Elternforen, im Freundeskreis. Eine Tollabea Leserin, die bereits Oma ist, hat uns folgenden Gastbeitrag geschickt, der euch vielleicht Mut macht:

Liebe Mamas und Papas,

ich bin Mutter von vier erwachsenen Kindern und inzwischen schon sechsfache Oma, mit knapp 74 Jahren nun. Ich habe ein ausgefülltes Familienleben gehabt und habe es immer noch, ich war einige Jahre sogar alleinerziehend.

Die verrückten Gefühle, die ihr jetzt durchmacht,  habe ich mehrfach durch, in allen Variationen, Schattierungen und Intensitätsgraden.

Ich sehe und fühle euch: Eltern am Ende der Nerven!

Ich fühle mit jeder Mutter, die kurz nach der Geburt dieses kleine Bündel Mensch anschaut und denkt: „Und dafür soll ich jetzt für immer verantwortlich sein? Wo ist die Gebrauchsanweisung? Was hat es gerade, dass es schreit?“ Ich fühle sogar mit jedem Vater, der hilflos mit einer Windel in einer Hand mit der anderen Hand versucht, das sich windende Baby festzuhalten, und sich denkt: „Wieso ich? Ich bin gar nicht qualifiziert!“ OK, das ist jetzt noch witzig gemeint.

Ich fühle auch mit den Eltern, die nur einmal am Stück schlafen wollen… während sie nur noch unterschwellig wahrnehmen, in welchem ungeduschten Zustand sie selbst sind und in welchem chaotischen Zustand sich die Wohnung befindet. Das ist zermürbend.

Ich fühle mit den Mamas, die nur noch eins wollen: Ihren Körper für sich und ihr altes Ich zurück. Oder noch weniger: Fünf Minuten ungestört auf dem Klo.

Ich fühle mit den Eltern, die mit mehreren Geschwisterkindern den ständigen Streit nicht mehr aushalten. Ich kann mich noch erinnern, wie ich damals mit zwei Grundschulkidern die Kleinen aus dem Kindergarten abgeholt habe und mich wie bei „Täglich grüßt das Murmeltier“ fühlte: Die Kleine reißt dem Großen etwas aus der Hand, der Große will das wieder haben, zerrt es ihr weg, die Kleine stolpert über den Mittleren, der Mittlere schubst zurück, sie knallt gegen die Wand: Nasenbluten. Keine Minute später, in der Garderobe, Streit um die Jacke die eindeutig der Mittleren gehört, die Kleine will sie haben, beide Zerren an der Jacke, die Kleine lässt dann aber plötzlich los. Die Mittlere fällt auf den Hinterkopf, beisst sich auf die Zunge, schreit, blutet aus dem Mund…

Es ist fast 30 Jahre her, ich spüre die Verzweiflung bis heute. Das Ende meiner Nerven. Ich dachte damals, den nächsten Atemzug schaffe ich nicht mehr.

Ich dachte, ich überlebe das nicht.

Ich dachte ich überlebe es nicht, als die Mittlere plötzlich aus dem Garten verschwand ohne Bescheid zu sagen und ich fürchtete, ich hätte sie für immer verloren… Bis sie zwei Stunden später verschwitzt und glücklich zurückkam und meinte, sie hätte der Kleinen gesagt, sie soll ausrichten, dass sie noch kurz bei entfernteren Nachbarn spielen geht… und die Kleine konnte sich nicht erinnern.

Ich dachte, ich überlebe es nicht, als der Mittlere sich ständig in der Schule prügelte und alle Lehrer gegen sich hatte.

Ich dachte, ich überlebe es nicht, als der Große sich bei einer Party eine Alkoholvergiftung holte und ich ihn im Krankenhaus an zahllose Schläuche angeschlossen sah.

Ich habe es überlebt, und noch so viel mehr.

Und vor allem, für jeden Moment des Kummers, des am-Rande-des-Nervenzusammenbruchs-sein, für jedes mal, als ich dachte, mein Herz zerbricht endgültig in meiner Brust, habe ich andere schöne Momente vom Leben und meinen Kindern geschenkt bekommen:

Zarte Ärmchen, die sich um meinen Hals schmiegten. Erste Worte. Erste Schritte. feierliche Überreichungen von selbstgebastelten Geschenken. Kinderkichern auf einer Sommerwiese, während ich in Ruhe mein Sommergetränk austrinken durfte. Schulkonzerte. Abi-Feier. Harmonische Familienmomente. Die Geburten meiner Enkel.

Was ich meinen Kindern und Schwiegerkindern stets mitgebe, wollte ich auch euch hier mitgeben:

Es ist nicht einfach. Im Gegenteil. Es ist hart.
Es bringt euch ans Ende eurer Nerven.
Aber es ist es alles, alles wirklich wert!

Liebe Grüße,

von einer Oma, die (frei nach Hermann Hesse) „verliebt in die verrückte Familie“ ist.

Habt ihr auch eine Geschichte zu erzählen oder etwas, womit ihr anderen etwas Gutes tut? Meldet euch bei uns… 

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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8 Kommentare

Julia
Antworten 14. April 2018

Ganz lieben Dank für diesen Gastbeitrag zur rechten Zeit. In meiner Familie kann sich die ältere Generation an solche Zeiten leider nicht erinnern oder verklärt oft, sodass man sich selbst oft noch unzulänglicher fühlt als eh schon. Sicherlich keine böse Absicht und dennoch tun die obigen Worte einfach gut.

    Béa Beste
    Antworten 14. April 2018

    danke dir, ich gebe dieses Kommentar weiter an die Großmutter! Liebe Grüße, Béa

Daniela
Antworten 17. April 2018

Liebe liebende Oma,

Ich muss gerade weinen, denn Du berührst mich da wo ich es am meisten nötig habe.
Danke Dir! Eine liebende Mama, die oft denkt "Ich überlebe es nicht bzw hoffentlich überleben meine Kinder mich. Denn sie bringen sich wirklich oft in Gefahren..."

Theresa
Antworten 24. April 2018

Vielen Dank für diese wunderbaren Worte, die man irgendwo speichern, ausdrucken und immer Mal wieder lesen sollte! <3

Melanie
Antworten 27. April 2018

Oder um es mit den Worten einer älteren Dame letztens im Bus zu sagen: „Ich beneide Sie nicht, ich bewundere Sie!“ 🤗

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