Angst, andere zu enttäuschen? Was ist FODO?


Der Begriff FOMO (Fear Of Missing Out = Angst, etwas zu verpassen ) ist inzwischen vielen bekannt, aber wie sieht es mit FODO aus (Fear Of Disappointing Others), oder der Angst, andere zu enttäuschen?

Béa und ich hatten neulich einen „Kennst du schon?“-Austausch bei WhatsApp, und dabei ist der FODO-Begriff gefallen. Fear Of Disappointing Others – vorher nie gehört, und doch wusste ich natürlich sofort, um welches Phänomen es sich handelt. Und wisst ihr, was mein allererster Gedanke war?


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Wenn es dafür sogar einen Begriff gibt, dann haben das andere wohl auch …

Und das war irgendwie … beruhigend. Versteht mich nicht falsch, ich will nicht, dass irgendwer so fühlt, aber man fühlt sich weniger allein, wenn man weiß, dass man nicht der einzige Mensch ist, dem es so geht. Geteiltes Leid ist schließlich halbes Leid.

Aber zurück zum Begriff:

Was ist FODO?

FODO (Fear Of Disappointing Others), ist wie viele Bezeichnungen sehr selbsterklärend. Wir fürchten uns davor, andere zu enttäuschen. Es ist aber nicht nur ein kurzes Gefühl, sondern eine richtige Angst, die sich festsetzt (und deshalb auch so gefährlich).

FODO kann viele Ursachen haben, die völlig individuell sind. Bei wem dieses Phänomen besonders ausgeprägt ist, wie bei mir, trägt die Wurzeln vermutlich auch seit frühester Kindheit mit sich. Ich sage nur „Schuld“, „Enttäuschung“, Scham“ oder „Versagen“, „Ablehnung“ – um mal ein paar Schlagworte zu nennen, die für FODO sorgen.

FODO kann aber auch ohne Vorbelastung entstehen, und daran ist unsere Leistungsgesellschaft leider nicht ganz unschuldig. Bei dem chronischen Stresslevel, den manche von uns haben, und dem Wunsch, immer alles perfekt, und richtig zu machen, wird man schnell überfordert. Und dann enttäuscht man andere, was normal ist, weil wir alle Menschen sind – und trotzdem geht es uns so nahe, dass wir uns regelrecht vor dem Gefühl fürchten. Das Resultat: Noch mehr Stress, um eine Situation wie diese zu vermeiden. Und was bei zu viel Stress passieren kann, muss ich euch ja nicht sagen …

„Ich richte mich nach dir.“

Ich habe FODO in einer derart ausgeprägten Form, dass es beinahe lächerlich ist. Wenn mich jemand nach einer Empfehlung fragt (für einen Kinofilm oder für ein Restaurant), traue ich mich selten, meine Meinung zu äußern, weil ich nicht will, dass jemand auf meinen Rat hin etwas tut, was ihm nicht gefällt. Wenn er oder sie meinetwegen enttäuscht ist, begleitet mich dieses Gefühl manchmal tagelang, und lässt mich nicht los. Deshalb richte ich mich oft lieber nach anderen, weil es mir leichter fällt, enttäuscht zu werden, als andere zu enttäuschen


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Grenzen setzen

Das Problem bei FODO ist, dass die Erwartungen anderer (oder die, die wir uns selbst stellen) so hoch sind, dass wir sie unmöglich erfüllen können. Der Chef brummt einem extra Arbeit auf, die Bekannten wollen sich mal wieder treffen, die Kinder wollen bespaßt werden, und man selbst für alles Zeit haben. Bei anderen sieht diese „Work-Life-Balance“ immer so leicht aus, nur bei einem selbst nicht. Wir ziehen mit, und scheitern doch irgendwo. Jemand anderes ist enttäuscht, und wir versinken in einer vollen Ladung FODO.

Deshalb ist es so wichtig, Grenzen zu setzen, und sich nicht mit Stress zu überhäufen. Das große Problem ist, FODO-Menschen trauen sich selten, Raum für sich selbst einzunehmen, denn sie wollen nunmal niemanden enttäuschen.

Lernen, NEIN zu sagen

Die ständigen „Ja“-Sager unter euch kennen FODO sicher ziemlich gut, denn das Paradebeispiel für „keine Grenzen setzen“ ist die Tatsache, nicht nein sagen zu können. Und das ist unsagbar wichtig. Ja, wir haben Angst vor Konflikten, und ja, wir wollen es allen recht machen, aber dadurch können wir uns leider trotzdem nicht vor FODO schützen. Für unsere psychische Gesundheit ist es super wichtig, den Teufelskreis zu unterbrechen. Meine Therapeutin meinte, dass das am besten mit radikaler Konfrontationstherapie geht. Einfach nein sagen, und Grenzen setzen. Beim ersten Mal tut es weh, beim zweiten vielleicht auch, aber von Mal zu Mal wird es leichter und besser.

Ob dadurch FODO weggeht?

Nein, ich glaube nicht, dass ein so starkes Empfinden durch bloße Konfrontationstherapie verschwindet. Mit der Zeit bekommen wir vielleicht ein dickeres Fell, aber pieksen wird uns die Enttäuschung anderer trotzdem.

Viele meiner Beiträge enden mit dem Appell, offen für psychologische Unterstützung zu sein, und so auch hier. Es ist immer wichtig, die Dinge überhaupt zu erkennen, und sich ihnen zu stellen, aber gerade bei Ängsten kann beispielsweise eine Verhaltenstherapie die Wurzel am Schopf packen.

Das Gehirn ist definitiv lernfähig, aber der Weg dorthin ist trotzdem schwer. Warum nicht mit etwas Hilfe? <3

Kennt ihr FODO? Wie geht ihr mit diesem Gefühl um?

Und für die Ja-Sager unter euch: Hier ein Nein-Crashkurs von Béa:

Nein sagen für Anfänger

Liebe Grüße
Mounia

Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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