„Ich zähle bis 3!“ – Die 1-2-3 Methode und was sie bringt


Eigentlich habe ich bislang zu diesem Thema „Ich zähle bis 3!“ bzw. die 1-2-3 Methode nur geschmunzelt.
Aus zuverlässiger Quelle (Drittklässler) habe ich erfahren:

Gestern haben wir die Frage einer Mama danach bekommen und ich habe mir einige Gedanken zur 1-2-3 Methode gemacht. Und auch ein wenig recherchiert:

Woher kommt der Ansatz der „1-2-3 Methode“ eigentlich?

Ich konnte einen Eltern-Ratgeber von Thomas Phelan, seines Zeichens klinischer Psychologe mit viel Erfahrung im Familienbereich hat die  „1-2-3 Magic“-Methode etabliert und auch einen Bestseller dazu geschrieben, der in über 20 Sprachen übersetzt wurde. Seine Absicht war, Eltern, aber auch Pädagogen, ein easy-peasy Hilfsmittel an die Hand geben, damit sie verständnisvoll und geduldig konsequent mit Kindern sind. Daraus hat er ein ganzes Kurssystem mit Videos, Ratgeber, Seminaren und DVDs entwickelt… inzwischen ist ein komplettes Team hinter der Sache und es scheint auch ganz viele zufriedene Kunden zu geben. Hm? Mein Gefühl dazu? Bin skeptisch, mache mich aber weiter schlau.

Die Methode soll ja Kinder dazu bewegen, etwas zu tun, oder zu lassen. Und das mit einer Zeitvorgabe.

Also die 1-2-3 Methode triggert Start-Verhalten ODER Stopp-Verhalten.

Beim Start-Verhalten…

… geht es darum, irgendeine Aktion in einer bestimmten Zeit auszufüllen. Ich muss zugeben, so etwas habe ich schon früher, als Carina klein war, gemacht. Alle Legos in einer Box aufräumen, fertig Anziehen, Tisch abdecken. Aber bei uns war es eher in der Form einer Wette. Da sollte sie auch vorher einschlagen und dann haben wir das auch wie eine Wette gehandhabt – also entweder hat sie danach was für mich gemacht oder rausgerückt oder ich für sie. Aber besser war es eigentlich für gemeinsame Aktivitäten.

Also zum Beispiel: „Wir räumen das Zimmer zusammen auf bis wir fertig gezählt haben!“.

EINS: Wir legen los mit großen Enthusiasmus und entfernen erst Dreckszeug und Schuhe, Steine und Stöcke…

ZWEI: … wir haben schon das Kleinzeug vom Boden in Kisten untergebracht….

ZWEIEINHALB: … jetzt auch alle Klamotten entweder in den Schrank oder in die Wäsche…

ZWEIDREIVIERTEL: …oh nein, es ist Sand und Dreck im Bett wir müssen neu beziehen!!! …

DREI: …jetzt haben wir auch Charlie gefunden und er ist unversehrt! YEAAAAH!…

Das hat bis Anfang Pubertät ganz gut geklappt – und mir selbst auch Spaß gemacht, ich bin ja auch ein großes Spielkind.

Beim Stopp-Verhalten…

…geht darum, nerviges Verhalten wie Rumnörgeln, Schreien, Hauen, Streit unter Geschwistern usw. zum Abstellen zu bringen. „Ich zähl bis drei, dann hörst du auf, Mist zu bauen!“. Wenn Eltern das nach Phelan „richtig“ machen, soll das keine unterschwellige Drohung sein, sondern einige Sekunden Bedenkzeit schaffen, um die richtige Entscheidung zu treffen.
Und eine Ablenkung. Allerdings funktioniert das schon eher im Kommandoton als gesäuselt…

Andere Erziehungsratgeber ermahnen sogar, dass die Konsequenzen klar sein sollen, oder gar eine eindeutige Strafe – ich habe das bei Phelan und seinem Team anders verstanden. Es geht nicht um „… ein jeder folgt, steht stramm, pariert / … weil keiner weiß, was bei drei passiert…“  wie bei Frank Ramond:

Auch hier kommt das Gemeinsame zum Tragen.

Wenn sich Eltern und Kinder im argen Clinch befinden, kann es schon nicht schlecht sein, wenn sich alle eine kleine gemeinsame Auszeit geben: „Wir zählen alle innerlich bis drei und atmen dabei! Und dann reden wir in Ruhe über alles.“

À propos Auszeit. Das typische „Time-Out“ / Prinzip „Stille-Treppe“ hasse ich. Nichts schlimmer als Isolation und Schweigen, wenn eigentlich Kommunikation erlösend wäre! Aber gemeinsam eine achtsame Pause zu machen in einem hitzigen Moment, wenn es irgendwie klappt, ist keine doofe Idee.

Was aus meiner Sicht GAR NICHT GEHT ist, wenn das Ganze mit einer Bestrafung daherkommt. „Ich zähle bis drei und wenn du bis dahin nicht fertig bist, fällt Kino aus!“ finde ich eine unfaire Machtausübung. Auch ganz kleine Kinder können viel besser gut erklärte Konsequenzen verstehen: „Wir müssen los, sonst fängt der Film im Kino ohne uns an und wir verpassen es!“. Ich plädiere für weniger Strafen und mehr Verstehen, was die Folgen eigener Aktionen sind. Trödeln = es nicht mehr rechtzeitig ins Kino schaffen. Zur Not hilft es, einmal zu spät aufzuschlagen.

Also Fazit zur 1-2-3 Methode von mir:

Wenn das im gegenseitigen Einverständnis zwischen Eltern und Kindern zum Tragen kommt: Why not?
Es kann ein Spiel oder ein Ritual wie jedes andere sein.
Als trojanisches Pferd für Drohungen und Manipulation möchte ich euch eher davor warnen. 

Welche Erfahrungen habt ihr mit der 1-2-3 Methode gemacht? Was sagen eure Kinder dazu?

Liebe Grüße,

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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2 Kommentare

Kathrin
Antworten 4. Mai 2019

Interessant. Ich war auch immer dagegen. Dann begann mein Mann beim umziehen fürs Bett immer bis 10 zu zählen. Die Kinder fanden das toll und waren dann super stolz wenn sie schon bei 6 oder 7 fertig waren. Seitdem nutze iCh das auch manchmal. Nicht als Drohung, sondern als Ansporn :)

Maria
Antworten 6. Mai 2019

Liebe Bea, danke für den Artikel. Das ist bei uns auf jeden Fall eine akute Baustelle... aus purer Hilflosigkeit. Naja. Ich wollte aber noch was anderes, sagen, weil das bei dir schon mehrfach anklang, und zwar zum Thema Stille Treppe/Isolation. Bei meinem Sohn (4) hilft tatsächlich sehr oft die Isolation. Anfangs als Strafe eingeführt, um ihm zu Zeigen, dass Beißen und Treten bei uns nicht akzeptiert ist, inzwischen ist es eine regelmäßige Therapie für ihn geworden. Er ist oft überreizt von vielen Eindrücken des Tages, und wenn wir ihn dann allein (ohne Schwester) ins Kinderzimmer schicken, sitzt er dort seelenruhig und entspannt und spielt ganz für sich allein mit Duplo/Holzeisenbahn und kommt dabei Stück für Stück wieder runter. Bei ihm wäre das mit der Kommunikation in dem Moment genau falsch, weil er sich dann immer weiter hochschraubt, nur noch brüllt, und mit ihm ist dann echt nicht zu reden. Aber nach einer Viertelstunde/halben Stunde allein im Kinderzimmer ist er meist total ausgeglichen und aufgeräumt, und dann kann man mit ihm auch nochmal über die eskalierte Situation sprechen. Also ich würde das mit der "Isolation" nicht per se verteufeln. Ich betrachte es (je nach Typ!) als Ruhepause und Rückzug für überreizte Seelen. Mein Sohn kommt da nämlich nach mir und ich kann ihm das richtig gut nachfühlen. ;-)

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