Mein Mann und ich habe beide neue Partner und zusammen sind wir eine große Patchworkfamilie


Wie spannend! Erst gab es meinen „Brief an Eltern, die sich trennen“, dann dieser Brief einer Leserin an die Oma: „Nein, wir bleiben nicht wegen den Kindern zusammen!“.

Und dann trudelte bei uns eine andere Email ein, die mich bat, eine ganz andere Geschichte zu erzählen:

Liebe Tollabea-Redaktion,

ich bin eine stille Mitleserin hier, ich kenne Béa aber aus den Studententagen. Ich wollte euch nun auch mal erzählen, wie mein Ex und ich nun doch „wegen den Kindern zusammengeblieben“ sind. Na gut, wegen des Kindes. Wir haben nur eins.

Wir waren mal eine junge Studentenliebe.

Wir haben uns im Studium kennengelernt. Wir kommen beide aus ganz kleinen Städten, eigentlich, um ehrlich zu sein, aus zwei Dörfern. Die Großstadt und das Studium waren eine Befreiung für uns! Nächtelang feiern, nächtelang büffeln für Prüfungen, Leben in Wohngemeinschaften… hach, wir haben beide die Freiheit entdeckt. Wir haben uns gegenseitig entdeckt  – und die große Liebe.

Und dann ist es auch passiert: Ich war, kurz vor meinem letzten Staatsexamen, schwanger. Da es die „ganz große Liebe war“, haben wir uns drauf gefreut und uns geschworen, dass wir das Kind schon schaukeln werden.

Und dann kam der Druck vom Dorf: „Ihr MÜSST heiraten!“

Unsere Eltern haben uns, sobald sie erfahren haben, dass sie Großeltern werden, nur noch gegrillt: „Wann heiratet ihr? Ihr MÜSST heiraten!“ Wir hielten es eigentlich nicht für nötig, aber irgendwann sind wie eingeknickt. Wir konnten uns eh‘ nicht vorstellen, ohne einander zu leben. Aber eine Sache haben wir uns da, im Stillen und unter uns, geschworen: „Wir werden keine Spießer werden! Wir werden immer ehrlich über unsere Bedürfnisse reden.“ – das haben wir sogar auf unserer Magnettafel in der Küche meiner WG aufgeschrieben, bevor ich in die gemeinsame Wohnung ausgezogen bin. Ätsch – mit Edding!

Bei der Hochzeit, die unsere Mütter arrangiert haben, war ich kurz vorm Platzen. Buchstäblich. Drei Tage später war unsere Tochter da. Große Erleichterung für die vollständige Großelternriege: Ein eheliches Kind! Puh!

Die Babyzeit war anstrengend, aber wunderschön. Wir strotzen vor Glück!

Zweieinhalb Jahre später bekamen wir alle drei die Autonomiephase.

„Ich! Nein! Alleine!“ war nicht nur das Motto unserer Tochter, sondern es erwischte uns Erwachsene gleichermaßen. Ich selbst war voll von unerfüllten Träumen, ich wollte mehr als nur diese kleine Familie… ich wollte endlich ausgehen, Frau und nicht nur Mama sein. Ich wollte auch mal 2-3 Tage mit meinen Freundinnen wegfahren. Ich wollte arbeiten, Erfolg haben, beweisen, was in mir steckt. Ich hatte Sehnsucht nach Flirten, Spaßhaben, Erotik ohne ein „Maaaaamaaaaa!“ gleich im Hintergrund zu hören. Eigentlich keine so „ehrenvollen Gedanken“ – aber so ging es mir. Und meinem Mann, dem aufstrebenden Filmer, ging es genauso.

Woher ich das weiß?
Glaubt es oder nicht, wir haben es geschafft, ehrlich darüber zu reden.

Wir merkten, dass es kaum noch Anziehung unter uns gab. Und weil wir uns das versprochen haben, haben wir ehrlich über unsere Bedürfnisse gesprochen. Wir haben uns gegenseitig zugehört. Und weil wir keine Spießer sein wollten, haben wir uns die Freiheit geschenkt: Jeder von uns durfte tun und lassen, was er wollte – wie ein Single – wenn er nicht das Kind gerade in der Obhut hatte.

Wir haben uns brav alles eingeteilt, die Zeit mit dem Kind, die Wohnung, das Geld. Am Anfang war es holprig. Nicht alles hat geklappt. Aber wir haben immer wieder ehrlich und liebevoll darüber gesprochen und dann hat sich die Sache eingeschliffen: Ganze fünf Jahre haben wir als verheiratetes Paar in einer gemeinsamen Wohnung gelebt und waren dabei nichts anderes als „Team Eltern“!

Zwei gute Freunde, die ein Kind haben.

Klingt irgendwie traurig, war es aber nicht. Wir waren wirklich nicht mehr verliebt, es gab keine Erotik mehr, überhaupt nicht, nicht mal die leisesten Anziehung. Aber es gab Zuneigung, Verständnis, Freundschaft, Hilfsbereitschaft. Das gibt es noch bis heute!

Wir sind nun mit neuen Partnern zusammen.

Irgendwann haben wir neue Lieben kennengelernt, und wir haben sie uns gegenseitig gegönnt. Wir haben uns sogar Abends beim Rotwein Tipps gegeben…

Mein Mann hat inzwischen eine Frau, die selbst zwei Kinder aus einer anderen Beziehung hat und sich mit ihrem Ex prima versteht.

Ich selbst bin mit einem Mann zusammen, der auch zweifacher Papa ist und sich mit seiner Ex prima versteht, die wiederum mit ihrem neuen Ex ein kleines Baby hat. Das sind alles nette und ausgesprochen harmoniefähige Leute!

Insgesamt sind wir sechs Erwachsene und sechs Kinder, die sich alle miteinander wie eine Großfamilie gut verstehen.

Klar, wir haben auch mal unsere kleinen Streits und Missverständnisse… aber im Großen und Ganzen läuft alles ganz harmonisch ab. Wir machen ab und zu auch Ferien gemeinsam, so wie es sich ergibt.

Die Großeltern kommen leider nicht alle damit klar!

Naja, wie soll man das auf dem Dorf erklären? Unsere Eltern haben unser Konstrukt kapiert und irgendwie für sich akzeptiert. Allerdings haben wir die klare Ansage, dass nur wir zwei mit unserer Tochter im Dorf zu erscheinen haben – und nicht mit der ganzen „Sippe“. Das respektieren wir – ganz ehrlich, weil wir auch keine Lust auf Diskussionen haben.

Nur die Eltern der neuen Partnerin meines Mannes sind etwas hippiemäßig drauf und oft bei unseren Treffen dabei. Ihr Haus auf einer wunderbaren Mittelmeerinsel dürfen wir so bewohnen, wie es uns Spaß macht.

Ja, irgendwie klingt das ziemlich komisch, aber wir leben unser Patchwork-Familienleben recht friedlich und entspannt.

Also, ja, wir sind wegen den Kindern zusammengeblieben.
Wir haben das „Zusammen“ nur etwas neu interpretiert!

Auf dem Papier sind wir allerdings noch verheiratet. Und keinen stört es.

Verrückt, oder? Aber wir finden alle, das Leben ist zu kurz für böses Blut.

Liebe Grüße,

Anne

P.S. von Béa: Beeindruckend, oder, die Fähigkeit sich trotzdem Glück zu gönnen und sich vor allem nicht unnötig gegenseitig zu verletzten? Auch für die Kinder toll, finde ich, auch als Lebensvorbild.

Wer lebt auch in ungewöhnlichen Verhältnissen?

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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2 Kommentare

Cassier
Antworten 5. April 2018

Ich bin beeindruckt wie ehrlich ihr euch gegenüber innerhalb der Beziehung seid und wart. Das bekommen nicht viele Paare hin. Und die neue Lösung scheint doch für alle Beteiligten die beste zu sein. Hut ab! 👍

helga
Antworten 22. Februar 2019

Mit der Patchworkfamilie wäre es ja eine vernünftige Lösung! Nicht alle sind dazu bereit, wie meine Freundin, die sich von ihrem Mann scheiden ließ. Man bekommt daraus den Eindruck, dass die Lebensform der Familie die moderne Zeit nicht aushält.

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