„Sei nicht so neugierig!“ – Nachfragen ist nicht immer aufdringlich, sondern manchmal richtig toll!


Wer mag nicht „neugierig erscheinen“? Es gehört sich nicht, nachzufragen? Warum eigentlich nicht? Je nach Kontext finde ich Nachfragen nicht aufdringlich, sondern umsichtig und sogar respektvoll. In diesem Beitrag erkläre ich warum.

Wir alle kennen die Menschen, die sich wegen jeder Kleinigkeit die Mäuler zerreißen. Viele Dinge erzählen wir gar nicht erst, weil wir wissen, dass sie sofort die Runde machen. Und manchmal fragen wir gar nicht erst nach, denn es schickt sich ja nicht, nachzubohren …


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Für mich hatte das Nachfragen immer was von Sensationsgeilheit.

Leute, die bei Dingen nachhakten, die sie überhaupt nichts angingen.
Nur, um es zu wissen, und hinter meinem Rücken zu lästern.
Zumindest das war die Story in meinem Kopf.

Das war auch der Grund, warum ich mich nie traute, bei anderen nachzufragen, aus Angst, sie würden denken, dass es mir nur um den Gossip gehe. Dabei war die Neugier meistens ehrlicher Natur. Doch im Laufe der letzten Jahre ist mir klar geworden, dass es sehr schön sein kann, wenn jemand mal nachfragt, und dass viele dann auch gerne bereit sind zu reden.

Nachfragen kann guttun – anderen und einem selbst

Eine gute Freundin und ich freundeten uns damals nur deshalb an, weil ich einst bei ihr nachfragte. Jede:r in unserem Jahrgang wusste, dass irgendwas zwischen ihr und einem Jungen war, doch niemand sprach sie darauf an. Auf der Kursfahrt schien sie sehr unter dieser Situation zu leiden, und so fragte ich ganz leise nach. Sofort fing sie an zu erzählen – die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus. Und mir wurde klar, dass ich die Erste war, die überhaupt nachfragte, wie es ihr dabei ging. Alle schienen Bescheid zu wissen, doch niemand sprach mit IHR.

Auch ich erlebe es immer wieder, dass meine Mitmenschen viele Fragen haben, aber sich nicht trauen nachzufragen. Neulich habe ich mich mit einem alten Schulkameraden getroffen. Er wusste noch nichts über meine Schreiblaufbahn und von der Essstörungsvergangenheit. Als ich ihm davon erzählte, war er regelrecht geschockt, und stellte viele Fragen. Immer wieder hakte er nach, ob es okay wäre, dass er so viele persönliche Fragen stellte, und ich versicherte ihm, dass es okay wäre, weil ich mich nicht (mehr) für den Teil meines Lebens schäme. Später offenbarte er mir, dass er ebenfalls eine Essstörungsvergangenheit hatte, und sich darüber freute, sich endlich mal mit jemandem auszutauschen. Das Gespräch war unfassbar ehrlich und wohltuend. Noch immer denke ich gern an diesen Abend und welche besondere Verbindung wir beide hatten – und das nur, weil er sich getraut hat, nachzufragen.


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Wir glauben, dass wir höflich sind, wenn wir nicht fragen, aber manchmal kann es guttun, die Sitten beiseitezuschieben, und es doch zu tun. Einfach nachhorchen. Vorsichtig. Sanft. Respektvoll.

Aaaaaber es kommt auch immer auf den Kontext an.

1. Ernste Fragen lassen sich in einem sicheren Raum beantworten.

Intime Fragen vor den Augen aller quer über den Esstisch grätschen, ist natürlich unangenehm. Lieber einen sicheren Raum suchen, bei dem man einen Moment für sich ist, und das Gespräch, und nur das Gespräch im Fokus steht.

2. Ernste Fragen lassen sich nicht aus dem Nichts beantworten.

Wenn sich der Moment bietet, kann ich versuchen, nachzuhorchen. Eine Person einfach damit zu erschlagen, empfinde ich als ganz schön überrumpelnd, denn wer weiß, wie es der Person gerade geht und was die viele Fragerei in ihr auslösen kann. Aber vielleicht hat man ja gerade über ein ähnliches Thema geredet und kann vorsichtig in die Richtung lenken?

3. Ernste Fragen müssen nicht beantwortet werden.

Vergessen wir natürlich auch nicht, dass wir keinem Menschen irgendeine Rechenschaft schulden. Egal, wie gut wir die Person kennen, wenn wir nicht darüber reden wollen, müssen wir nicht. Wenn jemand eine Frage stellt, können wir daher jederzeit mit: „Darüber möchte ich nicht reden“ antworten. Damit will uns die Person sicher nicht vor den Kopf stoßen, sondern lediglich ihre Grenzen aufsetzen. Und auch das sollte respektiert werden.

Nachfragen ist nicht immer aufdringlich.

Manchmal ist es auch toll, weil dadurch viele ehrliche Gespräche entstehen, und wir mehr übereinander erfahren.

Wer es nicht tun möchte, muss es nicht. Aber vielleicht fühlen sich die ein oder anderen motiviert, beim nächsten Mal einfach mal nachzufragen. Viel hat man sowieso nicht zu verlieren – das Schlimmste, was passieren kann, ist ein Nein als Antwort. Und das ist schließlich auch völlig in Ordnung!

Ich hoffe, ich konnte halbwegs verständlich rüberbringen, was ich meine. Mir geht es, wie gesagt, nicht um irgendwelche Grenzüberschreitungen oder das Aufbrechen der Privatsphäre, geschweige denn irgendwelche Lästereien – sondern lediglich um das vorsichtige Nachfragen.

Was haltet ihr davon, bei anderen einfach mal nachzufragen, wenn ihr wirklich Interesse habt?

Liebe Grüße

Mounia

Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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