Klarheit statt spekulieren, was der andere….


„Wir sind niemals verärgert wegen dem, was andere sagen oder tun. Es sind unsere Gedanken, die uns wütend machen.“

Das ist ein Zitat von Marshall B. Rosenberg, und so lautet es im Original:


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„We are never angry because of what others say or do. It is our thinking that makes us angry.“

In einem meiner Jobs hatte ich ein Diensthandy: Damit ich auch unterwegs erreichbar war, denn das Gebäude in dem ich gearbeitet habe, war riesig und ich war viel unterwegs.
Eines Tages erhielt ich einen Anruf von meinem Chef (Wortlaut nicht ganz identisch, ich möchte dies als Beispiel nutzen, um mich verständlich zu machen):

„Ich habe dich schon 2x angerufen. Wieso gehst du nicht ran! Du hast das Handy, damit du erreichbar bist. Ich muss ganz dringend xy wissen.“

An seiner Stimme konnte ich hören, er war verärgert. Ich stand in dem Moment am Waschbecken, hatte mir gerade die Hände gewaschen. Ja, ich hatte die Anrufe gesehen, war aber auf dem Klo. Und genau das habe ich meinem Chef auch gesagt: „Ich war auf der Toilette und hätte dich jetzt angerufen. Oder möchtest du, dass ich deine Anrufe auch entgegennehme, wenn ich auf der Schüssel sitze?“ Ruhe am anderen Ende. Damals hatte ich mich noch nicht mit Gewaltfreier Kommunikation beschäftigt und war selbst verärgert. Da mein Chef und ich ein gutes Verhältnis hatten, haben wir uns dann zusammengesetzt und geklärt: Ich kann nicht jederzeit ans Telefon gehen. Ich rufe an, sobald es mir möglich ist. Das hat auch etwas mit Vertrauen für mich zu tun. Was in dem Gespräch auch klar wurde: Mein Chef war weniger verärgert darüber, dass ich nicht sofort am Telefon war, sondern wegen dem, was er sich in dem Moment ausgemalt hatte, was ich stattdessen tue. Seine Gedanken haben ihn verärgert! Denn eigentlich wusste er ja, dass er sich auf mich verlassen kann. Er war unter Zeitdruck.

Heute habe ich mal gleich zu Beginn des Beitrags ein Beispiel gesetzt. Eines, was vielleicht einige kennen, auch aus der Kommunikation über diverse Messenger.

Was ich mir auch oft selbst genug bewusst mache: Die Person antwortet jetzt gerade aus diversen Gründen nicht. Dann, wenn ich mir mal wieder in allen Farben ausmale, ich werde ignoriert oder der Mensch sitzt in der Hängematte mit nem Schirmchendrink und hat einfach keinen Bock mir zu antworten.

An dieser Stelle die Brücke zu: den Tücken von Interpretationen, besonders in der schriftlichen Kommunikation. Beim Schreiben fehlen Mimik, Gestik und die Tonlage.

Wenn ich etwas lese, dann interpretiere ich das meist zuerst, bevor es mir bewusst wird.

Gerade bei Menschen, die mir nahe stehen, interpretiere ich da gerne manchmal den Tonfall mit rein und Schwupps regt sich da ein Ärgerchen in meinem Magen. Statt also auf die Worte zu antworten, antworte ich aus meinem Ärger heraus. Passiert mir auch noch, auch wenn ich es mittlerweile für mich anders gelernt habe und versuche das umzusetzen.

Denn auch beim Lesen gilt für mich: Mit den Worten verbinden.
Was meint der andere? Und nicht: Wie kommt es bei mir an.

Und wenn dann meine Gedanken im Kopf den Tanz der Bewertungen und der Beurteilungen tanzen, kann ich ihnen Einhalt gebieten:
„Was steht da genau?“
Und nicht: „Was interpretierst du da rein?“

Natürlich einfacher gesagt als getan. Die Prägung sitzt tief.

Was ich mir angewöhnt habe: Ich paraphrasiere – auch in mündlicher Kommunikation. Und ich finde es auch bereichernd, wenn mein Gegenüber das tut. Manchmal bitte ich auch darum.

Was paraphrasieren ist?

Eigentlich das Gegenteil von: „Hast du das verstanden?“ „Ja.“ Und dann kommen sie, die Missverständnisse. Ich mag dieses Zitat von Bernard Shaw dazu sehr gerne:


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„The single biggest problem in communication is the illusion that it has taken place.”

„Das größte Problem in der Kommunikation ist die Illusion, sie hat stattgefunden.“

Also die Annahme, ich wurde verstanden und die Annahme, ich habe verstanden.

Also Paraphrasieren und Verbalisieren:

„Paraphrasieren ist die Wiedergabe des Gehörten mit eigenen Worten. Verbalisieren ist das Benennen der Gefühle und Bedürfnisse, die du in dem, was du gehört hast, wahrgenommen hast.“

Nicht immer kommt alles so an, wie ich es meine und nicht immer kann ich mich sofort verständlich machen. Wenn ich etwas höre und lese, vermische ich es mit meinen Gedanken.

Und das versuche ich mir stets vor Augen zu halten. Aus diesem Grund lasse ich gerade schriftliche Nachrichten auch erst mal „liegen“, besonders bei schwierigen Themen oder bei Dingen, die in mir heftige Reaktionen auslösen. Dann kümmere ich mich erst um mich und meine Emotionen und kann danach klarer lesen. Danach tue ich etwas, was mir sehr wichtig geworden ist: Nachfragen / empathisch vermuten statt interpretieren!
„Hast du das so gemeint? Ich habe xy verstanden, wolltest du das ausdrücken?“
Manchmal kommt ein: „Um Himmels willen, nein! Gut, dass du nachfragst und wir darüber sprechen.“ zurück. Erleichterung auf beiden Seiten.

Nachfragen  und empathische Vermutungen verbinden, Interpretationen und Spekulationen können trennen und Konflikte auslösen.

Wenn also das nächste Mal euer inneres Rumpelstilzchen bei einer Nachricht in eurem Bauch ums Feuer rennt: Fragt nach, ob die Worte wirklich so gemeint waren, wie ihr sie aufgefasst habt. Es lohnt sich!

Zum Abschluss noch ein kurzer Ausflug zu: „Er / sie wollte mich doch nur ärgern / provozieren.“
Das hat für mich zwei Aspekte. Zum einen, die Pseudogefühle „Ich fühle mich provoziert“. Und eine Spekulation. Gerade mit unseren Kindern sind das keine verbindenden Gedanken. Denn nichts weiter ist es: „Mein Gedanke! Meine Interpretation!“

Stattdessen kann ich in mich schauen: Was genau hat der Mensch gesagt oder getan? Und das ohne zu bewerten! Was hat es in mir ausgelöst? Die Verantwortung meines Ärgers liegt bei mir. Und empathisch vermuten: „Als du xy gesagt oder getan hast, warst du vielleicht neugierig, welches Verhalten das bei mir auslöst?“ Kinder sind neugierig, sie erforschen – auch die Reaktionen von anderen Menschen. Auch so lernen sie. Wenn ich mich mit diesem Bedürfnis verbinde, bin ich weniger ärgerlich. Das bedeutet nicht, dass das immer ok ist! Ich habe auch Grenzen und ein Bedürfnis nach Respekt. Und kann das auch entsprechend altersgerecht kommunizieren. Für eine Verbindung ist es mir allerdings wichtig, auch das Bedürfnis meines Kindes in dem Moment zu kennen und nicht zu interpretieren.

Fazit: In Situationen / Kommunikationen, die in mir unangenehme Gefühle hervorrufen, frage ich nach, bevor ich interpretiere und meinem Kopfkino und Missverständnissen freien Lauf lasse.

Bevor ich auf meine eigenen Gedanken reagiere und nicht mehr auf das, was der andere gesagt oder getan hat.

Das ist für mich Verbindung. Und mein Bedürfnis ist hier auch: Klarheit. Und ich kann mich auch empathisch mit dem „Dahinter“ verbinden. „Was sind die Bedürfnisse und Gefühle hinter den Worten / Taten?“ Und das dann auch so artikulieren.

mindfulsun

PS: Ich würde mich freuen, wenn ihr in den Kommentaren mit uns teilt, wann ihr das letzte Mal etwas auflösen konntet weil ihr nachgefragt habt.

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