Sonntagsfrühstück mit der Familie und meiner Essstörung


Neulich habe ich eure Frühstücksrituale zusammengefasst, was mich daraufhin in alte und negative Erinnerungen hat schwelgen lassen. Ich möchte euch daher vom Sonntagsfrühstück mit der Familie und meiner Essstörung erzählen.

Bevor meine Familie von meiner Essstörung wusste, versuchte ich zum Schein am Sonntagsfrühstück teilzunehmen.

Ich redete mich jedoch auch oft mit der Ausrede, ich habe noch keinen Hunger und würde später essen, aus. Saß ich jedoch am Tisch, hatte ich ein Problem. Wenn man Angst vor Essen hat, ist es, als würde der Feind persönlich auf dem Teller sitzen. Ich druckste lange herum, trank literweise Tee, stocherte in meinem Essen und tat so, also würde ich essen. Meine Familie bekam nichts mit, denn ich hatte ja die ganze Zeit etwas auf meinem Teller. Auch wenn ich auf reichhaltige Produkte wie Butter oder Käse verzichtete, wurde das vorerst nicht als Problem angesehen. Vielmehr erhielt ich sogar eine gewisse Anerkennung, dass ich angeblich auf meine Gesundheit achtete.

Es wurde erst dann ein Problem, als man mir die Krankheit optisch ansah. Ich hatte abgenommen – nicht so viel, wie ich wollte, aber mehr als für meine Familie gut war. Alle sprachen mich darauf an, mein Vater, meine Mutter, Freunde, Bekannte. Sie wussten nicht, dass diese Sorgenbekundungen wie Musik in meinen Ohren waren und mich erst recht dazu motivierten, weiterzumachen. Einer der Gründe, warum ich so viel abnahm war nämlich, weil ich mir unbewusst wünschte, dass meine Familie sich um mich sorgte. Mein niedriger Selbstwert brauchte Anerkennung. Und dafür wählte ich einen völlig falschen Weg.

Zurück zum Sonntagsfrühstück.

Diese waren nämlich von nun an völlig anders. Meine Mutter bemühte sich darum, es noch reicher zu schmücken und an nichts zu sparen. Mehrere Brotsorten, mehrere Marmeladengläser, mehrere Säfte, einfach alles. Als ich trotzdem nichts davon essen wollte, entstand der Konflikt.

„Du musst doch was essen!“
„Tue ich doch…“
„Aber das ist viel zu wenig.“
„Ist es nicht. Ich weiß ja wohl selbst, wann ich satt bin.“
„Aber du hast kaum was gegessen!!!“

Es ging sogar soweit, dass meine Mutter mir in alles, was ich aß, ein paar Kalorien unterjubelte. Sie hatte panische Angst davor, dass ich krank wurde, dass sie sich nicht anders zu helfen wusste. Fortan kam in jede Sauce, in jedes Omelett und in jede Schüssel Reis ein Klumpen Butter rein. Ich merkte es natürlich und weigerte mich, etwas davon zu essen. Es schmecke mir nicht, weil es mir zu „buttrig“ sei – weder sie noch ich glaubten mir.

Das Sonntagsfrühstück war demnach mit sehr viel Stress beider Parteien verbunden. Meine Mutter gab irgendwann auf, und ließ mich essen was ich wollte, nicht jedoch, ohne mich immer wieder zu etwas anderem Nahrhafterem zu motivieren. Ich blieb jedoch bei meinem mageren Müsli, redete mir ein, dass das voll gesund sei und dass das olle Käsebrot meiner Mutter nicht nur eine Kalorienbombe auf zwei Beinen, sondern auch ungesund war.


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Mein Sonntagsfrühstück hatte keine Lebensqualität mehr.

Lebensqualität ist nämlich essen und GENIEßEN. Ich genoss aber nicht mehr, ich lebte nur meinen Zwang aus, fixierte mich auf meinen Körper und wog jede Kalorie in meinem Mund ab. Ich war unglücklich, aber nicht traurig genug, um etwas an meinem Lebensstil zu ändern.

Und dann wurde das Blatt umgedreht. Und aus Magersucht wurde Binge Eating.

Essstörungen können sich verschieben. Manchmal wechselt die Form das Gesicht und genauso war es bei mir. Eben noch hatte ich gar nichts gegessen, plötzlich konnte ich nicht mehr aufhören zu essen. Wann immer ich am Sonntagsfrühstück teilnahm, brach es aus mir heraus, weil ich meinem Körper für lange Zeit all das gute Essen verweigert hatte. Er wollte sich alles zurückholen und wusste irgendwann selbst nicht mehr, wann er satt war.

Meine Familie war anfangs natürlich sehr erfreut. Endlich aß ich wieder. Endlich konnten wir wie eine richtige Familie frühstücken, ohne uns ständig zu streiten. Endlich war alles wieder okay. Bis ihnen klarwurde, dass nichts okay war.

Ich kannte kein Limit. Ich aß und aß und aß und hörte nicht mehr auf. Selbst, wenn mein Bauch wehtat, stoppte ich nicht. Selbst, als das Frühstück vorbei war, schlich ich mich wieder runter in die Küche und aß weiter. Mein Körper protestierte, aber meine Seele war nach wie vor hungrig. Die Konsequenz? Bauchschmerzen. Höllische Bauchschmerzen. So starke Bauchschmerzen, dass der Körper so viel Nahrung nicht mehr bei sich behalten konnte. Und so rutschte ich in die nächste Form der Essstörung: Bulimie.

Wieder war das Sonntagsfrühstück mit Zwängen verbunden.

Ich versuchte zurück in meine „disziplinierte“ Magersuchtszeit zurückzukehren, doch es gelang mir nicht. Ich war hungrig und konnte meinen Hunger nicht mehr kontrollieren. Wieder versuchte meine Familie mir auf halbem Weg entgegenzukommen. Anstelle von drei verschiedenen Käsesorten wurde diesmal nur eine gekauft. Genau wie nur eine Sorte Brot – dunkel natürlich. Es war das reinste Trauerspiel, denn es half trotzdem nichts. Die Krankheit hatte mich in ihre Klauen gezogen und ließ mich nicht mehr raus.

Sonntagsfrühstück – heute.

Heute, sechs Jahre später, weht ein anderer Wind. Mithilfe einer Therapie und einer Umstrukturierung meines Lebens gelang es mir, mich nach und nach aus der Essstörung zu befreien. Die Magersucht ist kein Problem mehr, genauso wenig wie Binge Eating. Ich verzichte auf keine Produkte mehr, ich esse aber auch nicht mehr, als mein Hunger zulässt. Ich wohne zwar nicht mehr zu Hause, aber unser Sonntagsfrühstück besteht noch immer. Inzwischen ist es frei von Sorgen, Zwängen oder Gesprächen rund um das Thema Essen. Ich dachte lange, dass meine Eltern sich falsch verhielten. Heute weiß ich, dass sie nur ihr Bestes versucht haben. Sie sind auch nur Menschen und nicht perfekt. Dennoch hat meine Essstörung eine Menge mit meiner Familie gemacht. Und das tut mir aus heutiger Sicht unfassbar leid.

So war also meine Erfahrung mit dem berühmten Sonntagsfrühstück mit der Familie. Habt ihr noch irgendwelche Fragen dazu?

Liebe Grüße
Mounia


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Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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