Was ist Binge Eating? Textauszug aus meinem Buch „Zwischen meinen Worten“


Wie ihr vielleicht wisst, habe ich vor Kurzem ein Jugendbuch „Zwischen meinen Worten“ veröffentlicht, das neben Diskriminierung auch psychische Krankheiten wie Essstörungen thematisiert. Heute möchte ich einen Textauszug mit euch teilen, in dem meine Protagonistin einen typischen Binge Eating Essanfall hat.

Da ich selbst eine dunkle Vergangenheit mit Essstörungen, war mein Wunsch nach Aufklärung sehr groß. Ich wollte in meinem Buch allerdings nicht nur berichten, sondern repräsentieren. Ihr ahnt nicht, wie häufig Essstörungen vorkommen und doch sind sie nach wie vor Tabuthemen – vor allem in der Jugend. Binge Eating ist für mich ein wichtiger Begriff, aber für die meisten, die ich kennenlerne, nach wie vor ein Fremdwort. Deshalb folgt hier ein kleiner Textauszug aus einer Passage meines Buches, in der ihr in einen typischen Binge Eating Essanfall eintauchen könnt.

„Zwischen meinen Worten“ Kapitel 11, S. 95-97:

Ich habe Hunger.

Langsam erhebe ich mich und laufe auf meinen Schreibtisch zu. In der zweiten Schublade befindet sich mein kleiner Vorrat. Ich greife nach einer kleinen Packung Gummibärchen und reiße sie auf. Mit der Zeit habe ich mir angewöhnt, das Miniformat von Süßigkeiten zu kaufen, um nicht eine ganze Packung auf einmal zu futtern. Dummerweise denkt mein Gehirn, dass ich mehr von ihnen essen kann, weil sie so klein sind, aber letztendlich kommt es doch auf die Menge an und nicht auf die Größe. Ich picke mir ein kleines saures Gummibärchen aus der Packung und lutsche an ihm wie an einem Bonbon. Auch das habe ich mir mit der Zeit angewöhnt; es verhindert, dass ich die ganze Tüte auf einen Schlag in mich reinstopfe.

Oh Mann, ist das lecker.

Frau Globus würde sicher tadelnd den Kopf schütteln, wenn sie wüsste, dass ich Süßigkeiten horte und es ihr verschweige. Das mache ich übrigens erst seit Kurzem wieder. Der große Auslöser war der Fund eines alten Porträts der zwölfjährigen Lia. Ich war damals noch sehr krank und wusste es nicht. Aber ich war auch dünn. Sehr dünn.

Und schön.

Dass es eine Zeit gab, in der Binge Eating noch kein Problem für mich, sondern eher das Gegenteil der Fall war, macht mir sehr zu schaffen. Ich wurde nicht gesund, sondern bin von einer Krankheit in die nächste gerutscht.

Ich brauche mehr.

Die nächste Packung reiße ich energischer auf und kaue den Inhalt diesmal in ganzen Stücken. Das Essen hilft, wenn auch nur kurz.

Plötzlich nehme ich ein Rascheln wahr. Kurzerhand verstaue ich die beiden leeren Tüten unter meinem Kopfkissen. Doch schon bald merke ich, dass das Geräusch nicht aus der Wohnung, sondern von draußen kommt. Mama ist noch nicht da. Ich bin allein. Niemand ist hier, der mich beim Essen erwischen könnte. Britta macht wohl die Beine breit, denke ich und verziehe das Gesicht. Es hilft mir, meine Mutter beim Vornamen zu nennen, wenn ich wütend auf sie bin. Es schafft eine Distanz zu der Frau, die ich liebe, und zu derjenigen, die ich verachtungswürdig finde. Da wir uns kaum noch sehen, fühlt es sich manchmal so an, als würden wir in einer Zweck-WG leben. Jeden Tag arbeitet sie länger, und am Wochenende geht sie zum Sport; abends trifft sie sich mit Freunden und kehrt nicht vor dem Morgengrauen zurück. Ich weiß, dass ihr die Ablenkung jetzt, da Papa weg ist, guttut. Aber ich habe im Gegensatz zu ihr ein weniger ereignisreiches Leben. Klar, Netflix und allein zu chillen hat definitiv seine Vorzüge, aber nicht, wenn sie der einzige Lebensinhalt sind und die Alternative darin besteht, sich mit Menschen zu vergnügen, die mich ohne meine Maske überhaupt nicht kennen.

Ich brauche viel, viel, viel mehr.

Zum dritten Mal laufe ich auf meinen Schreibtisch zu und nehme diesmal alles heraus. Die restlichen Gummibärchen, die Schokobons, die kleinen Knoppers, einfach alles. Kurz versuche ich, dem Drang zu widerstehen, doch wie immer ist der Hunger meiner Seele zu dominierend, zu einnehmend. Mit Tränen in den Augen klemme ich mir die Süßigkeiten zwischen Brust und Unterarm, öffne eine weitere Packung Gummibärchen und stopfe sie allesamt in meinen Mund.

»Aufhören!«, schreit alles in mir. Ich darf nicht weitermachen. Ich muss aufhören. Doch ich weiß nicht wie. Es ist wie ein Zwang, den ich nicht kontrollieren kann.

Gierig reiße ich eine weitere Packung auf und beiße hinein, ohne richtig hinzusehen. Ich schmecke Schokolade und Waffeln und verziehe das Gesicht. Der Geschmack passt nicht zu den Gummibärchen, die ich gerade erst im Mund hatte. Dennoch schlucke ich die Masse gnadenlos herunter und fange kurz darauf laut zu husten an. Ich keuche und würge, kriege das Stück jedoch nicht mehr heraus. Mit einem schweren Druck in meiner Speiseröhre rutscht es schließlich hinunter und landet so schmerzhaft in meinem Magen, dass ich mir kurz einbilde, den Aufprall zu spüren.

Tiefpunkt.

Kurz entschlossen steuere ich auf das Fenster zu, öffne es hektisch und schmeiße all die Süßigkeiten in meinen Händen aus dem fünften Stock raus. Sie fallen leise ins Gebüsch und hinterlassen einen bitteren Beigeschmack von Verzweiflung und überflüssiger Umweltverschmutzung. Dann schließe ich das Fenster und lege mich wieder ins Bett. Die Süßigkeiten sind fort, doch der Geruch klebt noch an meinen Händen und um meine Mundwinkel. Ich fühle mich wie ein Tier, das sich nicht beherrschen kann, und bin gleichzeitig unheimlich erleichtert. Das hätte viel schlimmer ausgehen können.

Das war mein Textauszug aus meinem Buch  „Zwischen meinen Worten“! 

Verratet mir doch gern, wie ihr die Passage fandet und wie viel ihr über Essstörungen bescheid wisst! Mich würde außerdem interessieren, wie viel ihr über den Begriff Binge Eating bescheid wisst!

Hier der Link zu meinem Buch! (Mini Werbung – Béa sagt, ich soll das öfters bringen)

Falls euch das Thema interessiert:

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Liebe Grüße

Mounia

Mounia
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Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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