Über Lehrkräfte, Eltern und das „Überreagieren“: Wie wollen wir damit umgehen?


Nachdem wir zum Thema Stolz so wertvolle, spannende und interessante Kommentare bekommen haben, dass wir die Texte nahezu komplett umschreiben werden 😉 … wollen wir heute wieder mit euch zum Thema Überreagieren in den Austausch gehen. Es geht nicht um Kinder, sondern um Erwachsene in diesem Fall.

Es geht um das, was gemeinhin als „Überreagieren“ gilt… bzw. was viele von uns im Moment oder im Nachhinein als „Überreaktion“ bewerten.

Natürlich ist es uns klar, dass jede menschliche Reaktion ihre Berechtigung hat, und absolut individuell ist. Daher ist der Begriff „Überreagieren“ schon per se irgendwie wertend… als hätten wir was falsch gemacht. Vielleicht haben wir: Kennen wir nicht die Momente, in denen wir im Nachhinein wünschen, wir wäre cooler, gelassener, weiser und ruhiger gewesen?


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Nun ja: Etwas in uns hat unser Verhalte so beeinflusst, dass wir einfach aus dem Bauch oder Reptilienhirn heraus agiert haben.

Über eine solche Situation berichtet Steph.
(Und wir sind gespannt, ob ihr euch auch an solchen Momenten erinnert: Als Lehrkraft, PädagogIn oder natürlich als Elternteil.)

Da ich als Lehrerin und ehemalige Schulleiterin Tag für Tag mit vielen verschiedenen Menschen arbeite, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Verhaltensweisen gibt, die bei mir eine Reizreaktion auslösen, ziemlich hoch.

Deshalb ist es für mich eine der wichtigsten Eigenschaften nach Möglichkeit gelassen zu bleiben. Natürlich gelingt das nicht immer und manchmal merkt man selber, dass eine gewisses Genervtsein in ein Gespräch oder eine Situation hineinfliesst.

Als Béa und ich über unseren Themenfeldern fürs Buch saßen war es auch nicht verwunderlich, dass der Begriff „Überreagieren“ ins Gespräch kam.

Ich musste ziemlich lange überlegen, bis mir eine Situation einfiel, in der ich für meine Begriffe- überreagiert habe, wenn auch mit gutem Grund.

Idealerweise löse ich problematische Situationen mit einem Gespräch und einem Lösungsansatz, mit dem beide Seiten gut leben können. Ich möchte nicht defizitorientiert arbeiten, sondern mit dem Blick auf das Potenzial, das Menschen haben. Das bedeutet nicht, dass ich nicht in meinem kleinen Kämmerlein vor mich hin fluche… und all die Dinge sage, die nicht angemessen sind! Das ist dann lediglich meine Art Dampf abzulassen… und dann brauch ich sie nicht im Gespräch sagen. (Anmerkung Béa: Unsere mindfulsun nennt das „Wolfsshow„)


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Aber da war diese eine Situation, in der ich für mein Empfinden extrem reagiert habe.

Es ging um das Abholen von zwei Kindern, deren Eltern in einem unerbitterlichen Sorgerechtsstreit verstrickt waren. Als Schule hatten wir die klare Regelung, dass wir die Kinder nur demjenigen mitgeben, der auf dem Kalender stand, den die Eltern uns am Anfang des Schuljahres gegeben hatten.

Und nun stand der Vater vor mir und wollte, obwohl er laut Kalender nicht dran war seine Kinder einsammeln!

Wir sagten „Nein!“. Um es kurz zu machen, seine Sprache und sein Verhalten wurden von Sekunde zu Sekunde aggressiver und ich musste alle meine Kraft zusammenreißen mit meinen 1,60 m einem 1,90 m Mann in Stimme und selbstbewussten, ruhigen Auftreten entgegen zu stehen.

Als er sich schließlich so vor mir aufbaute, dass er sich in weniger als 70 cm Distanz breit machte tat ich etwas, was ich normalerweise nie gemacht hätte: Ich drohte ihm. Nicht laut oder hysterisch, aber mit Nachdruck, dass wenn er sich nicht sofort benimmt ich die Polizei rufe und er Hausverbot erhält.

Jetzt könnte man argumentieren, dass es das einzig richtige war, aber als die Situation vorbei war, zitterte ich am ganzen Körper und habe, für meine Verhältnisse „überreagiert“.

Warum? Weil ich in Sorge war und das nicht für mich, sondern die Kinder und Kollegen, die Mutter der Kinder und die gesamte rechtliche Situation, die damit einher ging. Ich wollte alles einfach nur richtig machen.

Als Lehrer und Lehrerinnen regen wir uns manchmal darüber auf, wenn Eltern uns ständig sagen, was sie finden, was wir anders machen sollten.
Am Ende ist es aber bei allen nur der eine Wunsch alles richtig zu machen, fürs Kind!
Dass Eltern vielleicht manchmal nicht den Blick dafür haben, dass das „Wie“ nicht hilfreich ist, fordert uns als Pädagogen heraus uns allen dabei zu helfen das rechte Maß zu finden…

Und jetzt sind wir gespannt auf eure Gedanken und Erfahrungen:

Wie sieht es bei euch aus? Habt ihr als Eltern oder Pädagogen schon mal so richtig überreagiert? Und was war der Auslöser und die darunterliegende Emotion?

Liebe Grüße,

Steph und Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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