Feuer frei im Kopf: Herzlich Willkommen zur Wolfsshow!


Gerade in der letzten Zeit habe ich einige Situationen meistern müssen, bei denen ich den Impuls hatte, jemanden auf der Stelle zerfetzen zu müssen. Und dann hat mir unsere Kolumnistin mindfulsun von der Wolfsshow erzählt. Das hat mir geholfen!

Over to mindfulsun:

Mir ist durchaus bewusst, dass meine Artikel zur Achtsamkeit und Gewaltfreien Kommunikation manchmal vielleicht diesen Eindruck vermitteln:

Ich bin wütend und sofort wächst mir eine Yogmatte am Arsch, Harfenklänge ertönen, ich verströme nur noch Liebe und Mitgefühl und werfe mit Blümchen um mich.

In anderen Worten: Ich kann sofort Zugang zu den Gefühlen hinter meiner Wut und meinem Ärger finden und diese auch achtsam kommunizieren.

So ist es nicht. Und deswegen möchte ich euch heute etwas anderes mit euch teilen:

Die Wolfsshow

In der Gewaltfreien Kommunikation wird von Wölfen und Giraffen gesprochen. Dazu haben wir eine Grafik erstellt:

(Mehr dazu könnt ihr hier lesen)

Und natürlich versuche ich mich in Giraffensprache.
Die fällt mir allerdings noch nicht in den Schoß, gerade dann nicht, wenn ich wütend bin.
Und selbst wenn sich das verfestigt hat, meine Wut werde wohl ich immer fühlen.

Was ist also diese Wolfsshow?

Wut ist wichtig für mich, sie ist quasi ein Alarmsignal. Und bevor ich dahinter komme, was sich eigentlich hinter meiner Wut verbirgt, was ich jetzt brauche und was ich dem anderen Menschen kommuniziere, braucht diese Wut auch ihren Raum.
Was ich nicht mehr möchte: Mir platzt der Schlüppergummi und ich flippe aus, beschimpfe die andere Person, bewerte und verurteile sie.

Also passiert das in meinem Kopf: Feuer frei!
Vorhang auf: Herzlich Willkommen zur Wolfsshow.

In meinen Gedanken ist alles erlaubt, alles darf raus! Jegliches Schimpfwort unter der Sonne, manchmal solange, bis ich die Person in meinem Kopf knitterfrei gebügelt habe.
Oft schreibe ich das auch auf oder ich führe Selbstgespräche. Und das geht überall: Im Wohnzimmer, im Wald, auf dem Lokus, beim Sport.

Alles OK: Nur nicht vor der Person, auf die ich wütend bin.

Früher platzte entweder alles unreflektiert aus mir raus und das machte die Situation nicht besser, endete nicht in verbindender Kommunikation oder ich machte mir Selbstvorwürfe: So was darfst du nicht denken! Oder auch, ich richtete die Wut gegen mich selbst.

Heute kann ich die Wut zulassen, und zwar im Bewusstsein:


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Diese Wolfsshow führt mich zu dem, was ich brauche. Ich kann dann erkennen, was hinter meiner Wut steckt. Wenn ich der Wut in mir richtig Platz gebe – und das habe ich in der Meditation gelernt, auch wenn das widersprüchlich klingt – dann bekomme ich Zugang zu meinen Gefühlen und Bedürfnissen, ohne dem anderen Menschen verbal vor den Koffer zu kacken: In der Hoffnung, mich erleichtert das. Diese Erleichterung war nur vorübergehend und danach galt es die verbale und emotionale Attacke wieder gutzumachen. Nicht immer gelang das. Was ich eigentlich wollte:
Einfühlung und gesehen werden, habe ich damit oft zerstört.

„In jenen Augenblicken, in denen ich wütend bin und das Bedürfnis nach Respekt habe, sehne ich mich in Wahrheit nach einfühlsamem Verständnis für die Angst und den Schmerz in mir.“ Kelly Bryson

Ich erfreue mich an der Wolfsshow also nicht aus der Freude heraus, dass ich jemanden verbal filetiere, sondern aus der Gewissheit heraus, ich kann danach mit dem Mitgefühl und der Achtsamkeit reagieren, die mir wichtig sind. Auch mir selbst gegenüber!

Denn eins ist auch klar, mich kann niemand wütend machen. Die Wut liegt in mir, etwas wurde ausgelöst und das versuche ich dann zu finden. Und natürlich hilft mir all das Bewerten, Verurteilen und Analysieren während der Wolfsshow auch den Zugang zu finden: Warum hat der andere Mensch das zu mir gesagt oder das getan? Seine Bedürfnisse und Gefühle dahinter zu sehen.

„At the core of all anger is a need that is not being fulfilled.”
Marshall B. Rosenberg

Die Wolfsshow setzt Energie frei. Energie, die ich nutze, um zu reflektieren und in ein ruhiges Gespräch gehen zu können.

Was mir hier viel Inspiration gegeben und mich auf diesen Weg geführt hat, ist dieses Buch von
Marshall B. Rosenberg. Ich kann das nur jedem ans Herz legen!

„Was deine Wut dir sagen will: überraschende Einsichten:
Das verborgene Geschenk des Ärgers entdecken.“

(affiliate Link – also Mini-Werbung)

Zum Abschluss und wirklich sehr wichtig:

Diese Wolfsshow brauche ich nicht immer.

Und mir hilft am besten, wenn ich es aufschreibe. Denn da erkenne ich später und in Klarheit sehr genau: Was ist jetzt davon ein Gedanke und was ist ein Gefühl? Auch dieser Unterschied ist sehr wichtig für mich!

Und die Wolfsshow dauert nur ein paar kurze Momente. Das ist keine Daueraufführung.

Mich in diese Wut steigern, das ist nicht Sinn und Zweck der Sache. Das führt zu mehr Gedanken und zu mehr Wut und zu einer Realität im Kopf, die es so nicht gibt.

Ich hoffe, ich konnte damit zeigen: Ich bin kein kleiner Buddha, der auf Knopfdruck im Zustand absoluter Achtsamkeit und innerem Frieden ist, mit nem verzauberten Zen Garten im Gepäck. Wut ist wichtig und sie will gefühlt werden, braucht Raum. Was ich dann daraus mache, darum geht es. Und die Wolfsshow hilft mir dabei.

Wie ist das bei euch? Kennt ihr die Wolfsshow? Kennt ihr die Grenzen oder lasst ihr sie auch mal zu lange laufen und kommt aus der Wut nicht mehr raus?

Eure mindfulsun


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Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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