Was Väter ihren Töchtern mitgeben können. Gedanken von Béa zu #MeToo


Harvey Weinstein mit seinem Machtmissbrauch im Hollywood und der Belästigung vieler Schauspielrinnen hat die Runde gemacht. Überall im Netz trendet das #MeToo, ein Bekenntnis von Frauen, dass auch sie belästigt oder gar missbraucht worden sind.

Auch ich habe ein eigenes #MeToo Post bei Facebook hinterlassen, der so lautet:

„Me too. Not often. A few times. I’ve never accepted it. Always made clear from the very beginning that it’s not acceptable, and it would end with either one (best case them, worst case me) or all people involved injured. In all cases, they apologised nicely as I kindly advised them to do. That’s how my father raised me.   …“ 

In der Tat sind meine #MeToo Geschichten kurz und schmerzlos

Ich hatte das Glück, solche Versuche schnell im Keime ersticken zu können und mein von meinem Papa nicht ganz klein gezüchtetes Selbstbewusstsein immer recht schnell und effektiv die Zähne fletschen zu lassen. Alle, die „es“ („es“ meint unwillkommene Sexofferten und Annäherungsversuche) bei mir versucht haben, haben sich nach einem klaren NEIN schnell zurückgezogen und entschuldigt.

Wie zum Beispiel der ältere Typ auf der Tanzfläche eines Münchener Studentenclubs als ich 17 war, der mir an den Po griff und gleich mein Knie in seinen Weichteilen hatte, zusammen mit der Ansage, er solle bitte seine Flossen wegnehmen und sich entschuldigen. Er tat es brav. Die nächste Runde Selbstbehauptung hatte ich dann noch gegenüber meinem damaligen Freund zu bestehen, der den Typen verprügeln wollte und dem ich klar machen musste, sein Job sei nicht, nachzutreten und mich als hilfloses Weibchen im Nachhinein zu „verteidigen“, sondern mir schlichtweg ein Glas Champagner zu reichen und mit mir meine erfolgreiche Selbstverteidigung zu feiern.

Ein anderes Mal war ich als junge Studentin am Bahnhof Zoo zu frühen Morgenstunden unterwegs. Plötzlich kamen mir zwei merkwürdige Typen entgegen und einer sagte dem anderen auf Rumänisch: „Das Püppchen greifen wir uns!“… Was sie nicht ahnen konnten ist, dass Rumänisch meine Muttersprache ist. Nicht nur, dass ich sie verstanden habe, mir gelang, sie mit einer Schimpftirade in 1 A Street-Credibility, Bukarest Style, völlig ins Hallo zu stellen und die Aufmerksamkeit vieler vorbeigehenden Fahrgäste zu erregen. Nachdem ich mehrfach ihre Mamas erwähnt habe, zogen sie verdattert ab.

Ich will hier keine Heldenstories verbreiten. Ich glaube, ich hatte schlichtweg Glück, nicht zur falschen Zeit an den falschen Orten mit den falschen Typen zu sein.

Dennoch, ich bin überzeugt, dass mein Vater mir einige Einstellungen mitgegeben hat, die ich auch sehr bewusst an meine Tochter gegeben habe: „Mit mir nicht.“ 

Und das ist folgendes:

Mein Vater hat mich mit Liebe und Vertrauen gestärkt.

Jeder in meiner Familie hat davon erzählt, wie ich als kleines Baby ihm aus dem Kinderwagen heraus die Füße entgegenstreckte – zum Küssen. Ich erinnere mich an viel Lob und Ermunterung. Es gibt ja die heldenhafte Tauf-Anekdote… Ich weiß bis heute, dass er stolz auf mich war, selbst wenn ich Unsinn angestellt habe. Er hat mir großen Selbstwert vermittelt, und das ist eigentlich der Grundstein gegen Missbrauch: Wer von Kind an geliebt und respektiert wird, liebt und respektiert sich selbst. Jedem, aber eben gerade auch Mädchen tut es sehr gut, wenn sie diesen Respekt auch von ihren Vätern spüren.

Mein Vater hat Gewalt abgelehnt und mich nie geschlagen.

Davon habe ich euch in dem Post über Gewalt mehr erzählt. Dass mein Papa Vollblutcholeriker war und öfters rumgeschrien hat, hat mich eher trainiert als eingeschüchtert. Wenn sich irgendein Kerl vor mir mit Imponiergehabe aufbauscht bleibe ich ziemlich unbeeindruckt. Es war keine sexuelle Attacke in meinem ersten TV Job, es war ein Serienchef, der gern mehrfach am Tag seine Redakteure anbrüllte. Als er einmal mit meinem Werbekonzept von mir unzufrieden war, hat er mich vor versammelter Mannschaft angeschrien, dass die Wände wackelten. Ich stand auf, wartete etwas und als ihm die Puste ausging, fragte ich: „Bist du jetzt fertig?“ Ohne ihn antworten zu lassen, meinte ich vor der gesamten Runde zu ihm: „Ich gehe jetzt in mein Büro, und wenn du dich beruhigt hast und wieder besonnen unterhalten kannst, kannst du gern vorbei kommen.“ Ich spürte, wie die anderen beinahe zum Szenenapplaus ansetzen wollten…  Er war ungefähr zwei Hierarchieebenen über mir, aber als er auftauchte, war er hinter einem Blumenstrauß versteckt. Ich habe seine Entschuldigung angenommen und wir konnten dann sachlich über seine Kritik reden.

Mein Vater hat mich ermuntert, mich selbst zu verteidigen und etwas zu riskieren.

„Und sollte ich dich im Krankenhaus abholen müssen: Dem Typen, der dich angreift, muss es deutlich schlechter gehen!“ hat er verlangt. Ja, eine solche Einstellung kann man als Gewaltablehner schon haben: Er war gegen Angriff aber pro Selbstverteidigung. Er war auch der erste, der mir erklärt hat, dass Menschen, die Mädchen oder Frauen angreifen meistens Feiglinge sind – und das man bereits die Gefahr eines Überfalls reduziert, wenn man eine Mit-mir-nicht-Haltung ausstrahlt. Die Bereitschaft, seine Haut teuer zu verkaufen, ist kein universelles Schutzschild, schon klar. Aber es kann unglaublich helfen – mitunter auch wie in meinem Fall mit den Rumänen am Bahnhof Zoo, einfach gleich seine Stimme zu erheben und Radau zu schlagen. Vielen Frauen und Mädchen, erzählt die Polizei immer wieder, verschlägt es leider zunächst die Sprache und nicht selten sogar die Bewegungsfähigkeit.

Mir hat sein Spruch sehr geholfen, eine mutige Grundsatzentscheidung zu treffen: Ich würde mich im Zweifelsfall mit aller Kraft verteidigen und nichts mit mir geschehen lassen – egal ob das weh tut oder nicht. Diese Gedanken bereits vollzogen und in kleinen Situationen eingeübt zu haben, und nicht erst im Schockmoment noch durchdenken zum müssen, hilft.

Er hat nie blinden Gehorsam erwartet und mir beigebracht, Autoritäten in Frage zu stellen.

Nie habe ich in meiner Kindheit so etwa gehört wie: „Weil ich es so sage!“. Mein Vater war sehr liberal. Gerade im kommunistischen Land, in dem wir lebten, hat er mir den Wert der Freiheit vermittelt. Blinder Gehorsam machte ihm Angst, und selbst im genervtesten Cholerikzustand konnte man ihn mit intelligenten Fragen eher beruhigen als reizen. Er wollte, dass ich alles in Frage stelle und nichts als Gegeben hinnehme. Er war ein Mensch, der gern gute Regeln hatte, sie gern einhielt, aber den Regelbruch bei schlechten oder unverständlichen Regeln zelebrierte.

Mein Vater hat mich vor Männern, die ihre Macht missbrauchen, gewarnt.

Ich war nur 12 Jahre alt, als mein Vater starb. Vielleicht können wir uns nicht vorstellen, mit Kindern, die so jung und vielleicht sogar noch jünger sind, bereits über das zu sprechen, was Typen wie Weinstein mit jungen Frauen abziehen. Mein Vater hat mit mir darüber gesprochen – und mir unmißverständlich klar gemacht, dass ich mir wertvoller sein muss als ein Job, Berühmtheit oder Geld. Er hat nicht von „Ehre“ gefaselt. Er wollte, dass ich Respekt vor mir selbst entwickle.

Und meine Mutter?

Klar war sie bei all diesen Punkte bei ihm und hat mit eingestimmt. Aber ich glaube, es von einem Mann, von meinem Vater mitbekommen zu haben, hat mich besonders gut gegen das Unangenehme an der Männerwelt gewappnet.

Und damit ich nicht wie eine spaßlose männerfeindliche Predigerin rüberkomme, hier auch mein zweiter Part des MeToo Posts:

„However, this excludes the typical Italy-style flirting. I like it and it’s fun to hear „bella signorina“ and to smile back, and feel admired, not objectified. I still think that compliments and #dolcevita flirting are a nice thing and don’t want them to stop. You see the difference?“

Und das, ihr Lieben, habe ich auch von meinem Vater mitbekommen: Er war ein großer Genießer und laut meiner Mutter ein wunderbarer Flirter. Und das hat er mir auch mitgegeben. Ich flirte gern.

Ich würde gern mit euch diskutieren, auch mit den Vätern, die hier mitlesen: Was können wir unseren Kindern mitgeben, dass sie sich gegen Missbrauch und Belästigung zu Wehr setzen können – aber trotzdem Bewunderung, Flirten und das Spielerische genießen, das so wunderbar sein kann? Damit es möglichst wenig  #MeToo Erlebnisse für sie gibt? 

Liebe Grüße,

Béa

P.S. Ihr wollt euch das merken? Dann pinnt das bei Pinterest!

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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5 Kommentare

Tinka
Antworten 20. Oktober 2017

Liebe Béa, dein Vater scheint ja ein toller Mann gewesen zu sein!
Ich erinnere mich gar nicht direkt an solche Gespräche, aber meine Mutter hat es mir vorgelebt, sich nichts gefallen zu lassen und sofort Alarm zu schlagen, Aufmerksamkeit zu erregen und deutlich zu machen, dass sie sich nichts gefallen lässt. Tatsächlich habe ich mich dabei oft unwohl gefühlt und oft gedacht, einfach ignorieren und weitergehen wäre vielleicht der bessere Weg. Zumal die Kerle häufig dann auch richtig zurück schimpften und dann die Stimmung erst richtig aggressiv wurde. Deshalb habe ich lange versucht meine Wut zu schlucken, um meinen Kindern nicht dieses Geschimpfe auf andere vorlzuleben. Sondern ihnen zu zeigen, dass man lieber ruhig und besonnen handelt. Allerdings endete das so, dass ich mehrmals gar nicht reagierte, als jemand meinem Sohn zu nahe kam. Da dachte ich mir, ich muss ihm doch beibringen, dass niemand ihn anfassen darf, wenn er das nicht möchte! Und wenn ich ihn da nicht in den Schutz nehme und etwas sage, wie soll er dann lernen das selbst zu tun? Inzwischen ist es soweit, dass wir beide Menschen hinterher brüllen, dass sie ihn nicht anfassen dürfen. Perfekt ist das wohl immer noch nicht. Aber ich weiß, dass er sich auch nichts mehr gefallen lässt. Und das ist gut.
Was mir auch wichtig ist, ist dass meine Kinder auch innerhalb der Familie selbst entscheiden dürfen, ob sie kuscheln wollen oder nicht und so lernen, dass sie respektiert werden und sich selbst zu achten. Auch wenn es mir schwer fällt, nicht immer kuscheln und knutschen zu dürfen.
Ich weiß gar nicht, inwiefern ich wirklich Gespräche über das Thema führen werde oder ob sie einfach durch das Vorleben lernen sollen. Aber mein Sohn ist erst vier Jahre, meine Tochter erst 7 Monate alt. Wahrscheinlich kommt das Thema irgendwann doch auf und ich bin gespannt inwiefern es mit meiner Tochter anders wird und wie wir es angehen. Wahrscheinlich werde ich mich dann an deinen Text erinnern.

Viele Grüße

    Béa Beste
    Antworten 20. Oktober 2017

    Liebe Tinka, vielen Dank, dass du diese Erfahrungen hier teilst! Ich glaube, der "richtige" Weg ist ein Mix aus Vorleben und Gespräche... Ganz viele liebe Grüße, Béa

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