Wenn die Therapeutin die Rolle des Elternteils einnimmt – Was ist Reparenting?


Therapien sind längst kein Tabuthema mehr. Viele haben eigene Erfahrung oder kennen mindestens eine Person, die in psychologischer Behandlung ist. Eine Methode hat es mir besonders angetan. Ich möchte euch heute das sogenannte „Reparenting“ vorstellen – ein Konzept, in dem der/die Therapeut:in die Rolle des Elternteils einnimmt!

Was ist Reparenting?

Therapeutin spielt Mama – klingt im ersten Moment skurril und befremdlich. Doch genau das beschreibt die Methode ziemlich genau auf den Punkt. Reparenting (auf deutsch: „Neubeelterung“) ist eine Form der Schematherapie, in der der oder die Therapeut:in in die Rolle des Elternteils der Patient:innen schlüpft und mit ihnen wie ein gutes Elternteil kommuniziert.


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Stellt euch vor, Patient:in X liegt auf dem Sofa, Therapeut:in Z steht dahinter und redet mit X, als wäre es das Elternteil. In dem Gespräch gibt es ihm das, was X während der Erziehung gefehlt hat, beispielsweise mutmachende Worte, positives Zureden, Empathie, Wärme und sonstige Fürsorge, die X gern von seinen Eltern bekommen hätte. Auf diese Weise gelingt es X, vergangene Konflikte aufzuarbeiten, und an seinem eigenen Verhalten zu arbeiten.

Klingt immer noch befremdlich, oder? Mir ging es anfangs auch so, denn für mich ist es immer besonders komisch, wenn ein Gespräch „aufgesetzt“ ist. Deshalb ist es auch wichtig, das Ganze nicht groß zu belächeln, sondern sich erst mal darauf einzulassen.

Und vielleicht denken sich jetzt einige: Wozu ständig in die Vergangenheit eintauchen?

Was passiert ist, ist passiert. Kein Wunder, viele tun sich schwer damit, zurück zum Kindheits-Ich zu gehen – vielleicht, um die eigenen Erfahrungen zu verteidigen oder zu schützen. Allerdings habt ihr somit auch die Möglichkeit, Vergangenes aufzuarbeiten, von dem ihr nicht dachtet, dass ihr das könntet.

Für wen wäre Reparenting ratsam?

Jetzt zu der Frage, für wen eine solche „Neubeelterung“ empfehlenswert wäre. Angewendet wird die Methode bei Menschen, die ganz unterschiedliche Ballaste mit sich tragen. So hilft sie jenen mit Missbrauchserfahrung und sonstigen Traumata, aber auch jenen, die selbstzweifelnd, selbstaufopfernd, unterwerfend, selbstsabotierend, ängstlich, schamerfüllt und oder besonders pessimistisch sind.

Natürlich gibt es noch viele weitere Gründe, um ein simuliertes Gespräch mit dem Elternteil zu empfehlen und jeder von ihnen wird anders gehandhabt. Mal spendet das Elternteil Liebe und Trost, mal spricht es Patient:in X auf seine Gefühle und Emotionen an. Manchmal aber motiviert es X auch zur Selbstständigkeit, beispielsweise bei Menschen, die besonders abhängig sind. Je nachdem, was X braucht, schlüpft Z in die gewünschte Rolle.

Was verspricht die Reparenting-Methode?

Grob gesagt geht es darum, das Leben von Patient:in X leichter zu machen. Es geht nicht darum, die Vergangenheit umzuschreiben, es wird die Symptome auch nicht wie durch Zauberhand verschwinden lassen. Lediglich geht es darum, am eigenen Verhalten zu arbeiten, mit improvisierter elterlicher Unterstützung.

Reparenting kann und wird kein Elternteil ersetzen können

Wichtig ist zu erwähnen, dass Patient:in X zwar elterlichen Hilfe, Halt und Aufmerksamkeit bekommt, ihm aber gleichermaßen bewusst ist, dass Therapeut:in Z die Kluft, die die eigenen Eltern hinterlassen haben, niemals ausfüllen kann.

Eine meiner Sorgen war nämlich, dass Patient:in X zu viele Gefühle auf Therapeut:in Z projiziert und als neues Elternteil anerkennt. Doch genau deshalb werden Grenzen bewahrt. X ist sich bewusst, dass Z nicht sein richtiges Elternteil ist. Dennoch bekommt X während der Therapie diejenige Unterstützung, die in der Erziehung zu kurz kam.

Jetzt wisst ihr hoffentlich was „Reparenting“ ist.

Spannend, oder? Ich hoffe, ich konnte euch das Phänomen halbwegs verständlich erklären. Ich finde das Thema super spannend und vertraue auch auf dessen Erfolgsversprechen. Wahrscheinlich ist diese Methode nicht was für jede:n, aber wissen können wir es nur, wenn wir es mal ausprobiert haben.

Abschließend möchte ich noch sagen, dass es nicht darum geht, die eigenen Eltern oder die von anderen schlecht zu machen. Aber kein Elternteil ist perfekt, alle haben ihre Stärken und Schwächen, und einige reproduzieren unbewusst die Erziehungsmethoden, die sie von ihren Eltern haben. Das soll keine Rechtfertigung sein, aber im Nachinein sind wir meist sowieso schlauer. Die Methode könnte also auch dabei helfen, zu verzeihen.


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Hier noch ein sehr schöner Instragram Post, den Béa mir weitergeleitet. Dort ist das Phänomen sehr liebevoll zusammengefasst.

Kanntet ihr Reparenting schon? Habt ihr irgendwelche Gedanken dazu?

Liebe Grüße
Mounia

P.S. von Béa: klingt es wie Reparieren? Vielleicht ist da was dran!

Und hier ist der Pin für Pinterest dazu:

Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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