Zwischen Konflikten und Harmoniebedürftigkeit: Ist Konfliktscheue nichts anderes als Unterwerfung?


Streit gehört zu jeder Beziehung dazu, trotzdem tun sich einige besonders Hamoniebedürftige schwer damit. Aber gibt es sowas wie ungesunde Harmoniebedürftigkeit? In diesem Beitrag möchte ich klären, ob Konfliktscheue nichts anderes als Unterwerfung ist.

Konflikte entstehen bei extremen Emotionen wie Gereiztheit oder Wut. Sie entstehen auch bei Missverständen oder wenn das Gegenüber einen enttäuscht. Es gibt viele Gründe, um zu streiten. Zwar fühlt es sich nicht schön an, im Streit zu sein, aber manchmal festigt eine Aussprache sogar die Beziehung.


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Einige können jedoch nur ganz schwer in einen Konflikt treten. Einige belastet jede Form von Streit. Und deshalb tun sie es nicht. Sie stehen drüber, sprechen das Anliegen nicht an oder winken es ab, um die Harmonie zu wahren. Ob das ein Problem ist? Lange Zeit hätte ich diese Frage mit einem klaren Nein beantwortet.

Ist doch schön, wenn Menschen nicht streiten wollen. Dachte ich…

Hand aufs Herz: Eigentlich sind wir doch alle ein bisschen harmoniebedürftig!

Wer hat schon plötzlich Lust, sich mit seiner ganzen Familie zu zanken und alle gegen sich aufzubringen? Klar streiten einige mehr als andere, und klar provozieren es manche auch bewusst, aber das Gefühl von Streit hat wohl niemand so richtig gern. Oder anders gesagt: Harmonie ist uns trotzdem lieber.

5 Anzeichen von extremer Harmoniebedürftigkeit:

Ihr geht Konflikten gezielt aus dem Weg.

Ihr sagt ja, obwohl ihr nein sagen wollt.

Ihr ignoriert eure eigenen Grenzen und stellt sie in den Hintergrund.

Ihr sagt selten, was ihr ehrlich denkt.

Ihr versucht es allen recht zu machen.

Harmoniebedürftigkeit bei einem großen Zugehörigkeitsgefühl

Menschen sind „Rudeltiere“. Wir brauchen Gruppen, um zu überleben. Werden wir ausgeschlossen, ob in der Schule, bei der Arbeit oder sogar in der Familie, tut das sehr weh. Das Aufrechterhalten der Harmonie stabilisiert unsere Zugehörigkeit. Völlig verständlich, aber auch nicht immer gut, vor allem dann nicht, wenn man selbst darunter leidet.

Harmoniebedürftigkeit bei dem großen Wunsch nach äußerer Bewertung

„Äußere Bewertung“ klingt im ersten Moment oberflächlich, aber das Phänomen ist sehr umfangreich. Die Rede ist nicht nur vom „Aussehen, sondern von dem Auftreten, der Art – einfach alles, was ein Mensch, an dem anderen bewertet. Natürlich ist jedem Menschen äußere Bewertung bis zu einem gewissen Grad wichtig. Bei Menschen mit einem niedrigen Selbstwert hingegen, ist der Wunsch gemocht zu werden, vielleicht einen Ticken größer.


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Harmoniebedürftigkeit = Unterwerfung?

In meinem eigenen Blog habe ich das Thema einmal ähnlich aufgegriffen. Im Post erzählte ich von einer Therapiestunde, in der meine Therapeutin mich darauf hinwies, dass das Nachgeben bei einem Streit nicht die „Reifere“ aus mir machte, sondern die „Unterworfene“. Denn damit gab ich dem Gegenüber einfach seinen Willen – nur, um nicht mehr Streiten zu müssen. Und sie hatte recht. Bei Konflikten gab ich nach und „unterwarf“ mich.

Hier ein Zitat aus meinem Blogpost, der es ziemlich auf den Punkt bringt:

Ich unterwerfe mich. Ich ertrage keinen Streit, ich ertrage keine Schuldgefühle. Ich will Frieden und gebe nach. Ich pfeife auf meine persönlichen Tagespläne, ich ignoriere meine persönliche Grenze, ich will einfach nur meine Harmonie zurück.

Und diese Form von Harmoniebedürftigkeit geht eindeutig in ein ungesundes Level über. Denn auch wenn dadurch der Konflikt endet oder gar nicht erst aufkommt, leidet man selbst oft darunter. Und das ist gewissermaßen selbstsabotierend.

Und deshalb kann der extreme Wunsch nach Harmonie zu einem Problem werden.

Lernen, sich zu streiten

Niemand streitet gern, aber manchmal ist es wichtig. Nur so können wir unsere eigenen Grenzen setzen und dem Gegenüber unsere Gefühle mitteilen. Kein Mensch ist dazu verpflichtet, alles immer runterzuschlucken.

Und überhaupt muss es auch nicht immer in einem Streit enden. Manchmal ist die Fantasie nämlich schlimmer als die Realität. Nein zu sagen, muss nicht in einem Zank enden. Seine Grenzen zu setzen, muss nicht in Streitereien ausarten.

Und wenn doch, dann heißt es AUSHALTEN.

Nicht unterwerfen, sondern aushalten

Wir neigen dazu, unangenehme Gefühle zu unterdrücken, aber bei diesen ist es besonders wichtig, sie zuzulassen.
Seid wütend und traurig. Weint, wenn euch danach ist. Schlagt gegen einen Boxsack, wenn ihr die Gefühle rauslassen wollt. Aber verdrängt sie nicht! 

Harmoniebedürftigkeit ist kein Verbbrechen. Aber sie ist suboptimal, wenn wir selbst darunter leiden.

Wie steht ihr zu dem Thema? Seid ihr ähnlich harmonisch gestimmt? Könnt ihr eure Meinung gut kommunizieren und ggf. mit anderen streiten?

Liebe Grüße
Mounia

Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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