Altern: Wie kann ich gut alt werden, wenn ich nicht alt werden möchte?


Ich weiß nicht, ob ihr jemals übers Altern nachdenkt… aber ich, mit einem beinah… ähm eigentlich richtig erwachsenen Kind (26 Jahre) kann ich diese Gedanken nicht mehr verdrängen. Und möchte euch daran teilhaben lassen. Bin gespannt, was ihr dazu sagt.

Ich bin mit dem Thema Altern schon als Kind konfrontiert gewesen

Mein Vater war 27 Jahre älter als meine Mutter – ich kam auf die Welt als er bereits 62 Jahre alt war. Er hat sein eigenes Altern klar zum Thema gemacht, er wollte es nicht verstecken. Er hat mich in weiser Voraussicht trainiert, was ich sagen soll, wenn  z.B. andere Kinder ihn für meinen Opa halten würden. Das hat mich selbstbewußt gemacht. Ganz leicht und ohne Verletzung gingen mir die aufklärenden Worte über die Lippen: „Weisst du, das ist mein Vater, der war Professor an der Uni und hat sich in eine Studentin verliebt – das war meine Mutter!“. Das war echt cool und kam auch cool rüber!

Aber ich habe auch genau hingeschaut. Ich liebte meinen Vater – aber ich habe mich wirklich gefragt, warum meine Mutter ihn attraktiv fand. Ich sah einen alten Mann. Ich fand bei ihm Marotten und auch körperliche Merkmale eines „alten Mannes“ schlimm.

Ich meine mich zu erinnern, wie mich manches, was ich als „alt“ ansah, an den älteren Mitgliedern meiner Familie richtig störte: Ich hatte Tricks auf Lager, dem Mundgeruch der fast 90jährigen Tante und somit ihren Umarmungen zu entweichen oder dem einem Onkel, der es mit der Körperhygiene nicht mehr so genau nahm, nicht zu nahe zu kommen. Diese älteren Familienmitglieder waren mir eher unangenehm.

Andererseits war für mich selbst das Älterwerden toll – ich wollte groß sein und unabhängig. Ich war im ganzen Freundeskreis meiner Eltern ein totaler Nachzügler, denn meine Mutter hat 9 Schwangerschaften vor mir verloren und ich war nicht nur für meinen Vater ein spätes Kind. Daher war ich unter den Kindern der Freunde meiner Eltern „der Floh“. Die anderen waren älter und ich wollte auch älter sein … Ach ja, und etwas altklug war ich da auch, wofür ich aber eher Lob als Augenrollen kassierte.

Dann starben meine Eltern, als ich 12 und 15 Jahre alt war. Und wahrscheinlich ist die Tatsache, dass ich sie nicht mehr habe, auch etwas, was diese Gedanken hier noch mal extra aufkommen lässt. Die meisten von euch werden in einer bequemen Sandwich-Position sein: Generationstechnisch gesehen habt ihr die eigenen Eltern über euch und die lieben Kleinen drunter… Ich bin, wenn wir in dieser Methapher bleiben, Deckel und Füllung zugleich.

Jetzt merke ich, dass ich mich mit dem eigenen Altern schwer tue

Im Geschäfts-Leben bin ich kein junges Gemüse mehr, sondern komme mir vor wie „Oldie“. Ich gebe zwar das erfahrene „Kreativ-Verrrückte-Huhn“ ab, die Rolle kommt gut an und ich fülle sie auch ganz gut aus…. Nur wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre ich lieber so um die 35. Forever. Wenn ich in Berlin die Startup-Orte betrete, wäre das genau das perfekte Alter – nicht zu jung und noch ordentlich vor dem Überschreiten des Mindesthaltbarkeitsdatums. Außerdem bin ich gerade dabei, nach einer Insolvenz Neues aufzubauen – auch hier verspüre ich eine Art Torschlusspanik und Ungeduld: Was bekomme ich in welchen Zeitrahmen eigentlich noch hin?

Schlimmer finde ich das mit den körperlichen Dingen

Wenn es mal im Rücken zieht oder ich eine Nacht nicht mehr mit Leichtigkeit durchmache oder mich eine Erkältung so platt macht, dass ich zu nichts mehr fähig bin… dann bauscht sich in meinem Kopf schon der Gedanke auf: „Oh je, ich werde ALT!“ Dann schießen mir Inkontinenz- und Rollator-Szenarien durch den Kopf. Besonders furchteinflössend sind für mich Themen rund um Augen, Zähne und Bewegungsapparat.

Gleichzeitig hat es mich nicht ausreichend erwischt bislang, um Sport wirklich ausdauernd und zielgerichtet zu betreiben – ich fange vieles an, und ziehe nicht durch… Schwimmen tut mir am besten, aber langweilt mich. Yoga habe ich ausprobiert, aber da bin ich zu ungeduldig. Spiele sind eher meins – man gebe mir ein Ball, dann bin ich wie ein junger Hund! Aber für Spiele muss man sich verabreden… Okay, ich höre auf mit „excuses“. Ich werde mal wieder in Badminton einsteigen und halte euch auf dem Laufenden. Howgh!

Am allerschlimmsten fände ich es, alt im Kopf zu werden

Es tut mir auch irgendwie im Herzen weh zu merken, wie liebe Freude „Alterserscheinungen“ haben und mich an die alten Tanten und Onkel meiner Kindheit erinnern…  oder noch schlimmer, „alt im Kopf“ werden, sich versperren, dazu zu lernen oder es schlichtweg nicht mehr können.  Gleichzeitig denke ich, das mir das am wenigsten passieren kann, weil ich ein neugieriger Mensch bin und bereit, mit allem – aber vor allem mit den digitalen Entwicklungen –  Schritt zu halten. Dennoch die Angst ist da: Was ist, wenn was rauskommt, was mich abhängt? Snapchat lässt mich gerade ein wenig zweifeln.

Ich will „in Würde altern“

Manchmal fühle ich mich wie so eine 30something, die zufällig im Körper einer 47jährigen steckt und sich wundert, was zum Teufel passiert ist. Andererseits habe ich auch tierisch Angst vor dem Anbiedern: So auf jung zu tun und peinlich zu sein… Zum Glück hält meine Tochter Carina da ein strenges Auge auf mich und sagt mir sofort was geht und was nicht geht. Zöpfchen hat sie mir schon mit 30 verboten…  Ich möchte, dass sie mir immer schonungslos Feedback aus ihrer Sicht gibt – ich möchte, dass sie sich mit ihrer Mama wohl fühlt und nicht komisch.

Was mir hilft, sind positive Vorbilder. Ich habe neulich die Mutter einer Freundin kennengelernt, sie ist vor einem Monat 90 geworden und eine fantastische Frau: Fit, gepflegt, blitzintelligent und auf schlagfertiger Konversationshöhe in drei verschiedenen Sprachen. Sie schmeisst mit Grandezza einen Sechs-Personen-Haushalt – zwar muss sie nicht selbst durch die Einkaufsläden touren, aber das Kommando hat sie fest in der Hand und in der Küche herrscht bei ihr „keine Demokratie“. Nach drei Tagen Besuch bin ich beseelt gewesen – und irgendwie auch versöhnt mit der Idee des Alterns.

Solche Videos sind auch der Hammer:

Ich habe großes Vertrauen in die moderne Medizin und glaube fest daran, dass in ca 20 Jahren Dinge möglich sein werden, die keine andere Generation erlebt hat. In 20 Jahren wird keiner einen Rollator mehr schieben, sondern wird von einem Exoskelett bewegt. Kleine Nano-Computer werden unsere Arterien reinigen, die Lebensqualität und -erwartung wird steigen. Dennoch glaube ich, dass es besser ist, heute mit seinem Körper und Geist so umzugehen, dass man möglichst nachhaltig fit bleibt.

Versteht ihr mich? Was tut ihr heute für euere nicht-finanzielle Altersvorsorge? 

P.S. Einige Tage später: Die liebe Frau Quadratmeter hat eigentlich zu einer Blogparade zu genau diesem Thema #älterwerden und die Unsinnigkeit des Haderns aufgerufen, von der ich erst durch einen Stups aus der Twitteria erfahren habe… Diese Gedanken passen prima dazu:
„Um so gravierender war für mich die an sich nicht erstaunliche Erkenntnis, dass ich mit einigermaßen vernünftigem Lebenswandel und einigem Glück maximal noch einmal die gleiche Lebensspanne vor mir habe, bevor ich sterbe. Das mag jetzt profan und vielleicht auch etwas albern klingen und mein jüngeres Ich hätte wohl auch nur müde eine Augenbraue hochgezogen, um sich dann einem anderen, spannenderen Thema zu widmen.

Mich aber hat das vorübergehend vollkommen aus der Bahn geworfen. Das war für mich so schwer zu fassen und gleichzeitig auch so intim und überfordernd, dass ich darüber lange mit niemandem gesprochen habe. Auch hier und jetzt fällt es mir schwer, dieses Gefühl der Ohnmacht und des Entsetzens in Worte zu fassen, dass mich in diesen Momenten überkam. Auf einmal war ich wieder 10 Jahre alt und saß nachts heulend in meinem Kinderbett, weil ich plötzlich begriff, dass meine Eltern immer älter werden und dann eines Tages sterben müssen.“  Mehr lesen hier.

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

DAS KÖNNTE DIR AUCH GEFALLEN

„Wenn du nicht aufräumst, komme ich mit dem blauen Müllsack…“ – ein Gespräch mit Nora Imlau über Drohungen und Konsequenz
26. Nov 2017
Kopftuch an Bikini – Gespräch über die Kopftuchbarbie mit Menerva, Mamabloggerin und Muslima
23. Nov 2017
Alleinerziehend und den Vater ersetzen – oder doch nicht mehr?
23. Oct 2017
Vereinbarkeit klappt! Nicht ohne meinen Wohnhelfer – Gastbeitrag von Esther
27. Jul 2017
Demenz ist ein Arschloch – Erinnerungen bewahren mit dem Charity Start-Up My Life Films
02. Jun 2017
20 Dinge, für die ich Mama dankbar bin – alles Gute zum Muttertag!
14. May 2017
Was gestresste Mütter brauchen: Kaffee und ganz bestimmte Sätze! Werbung für Tchibo Blonde Roast
21. Mar 2017
Jobbeschreibung: Mutter
08. Mar 2017
Mutterliebe gegen Krankheitstrauma – eine Lebensgeschichte
18. Feb 2017

9 Kommentare

Viola (KinderKichern)
Antworten 31. März 2016

Was meine Eltern angeht, bin ich in einer ähnlichen Situation wie du. Als meine Mutter starb war ich 26, als mein Vater starb, war ich 31. Diese Erfahrungen haben mich sehr geprägt und machen mir auch Angst, denn durch diese persönliche Erfahrungen wird der Tod so real - er ist nicht irgendetwas Abstraktes, das jeden irgendwann einmal erwartet, sondern ich denke seitdem öfter darüber nach, wie es wohl sein wird und ich muss gestehen, dass mir das Angst macht. Aber dennoch versuche ich den Gedanken immer ganz weit von mir wegzuschieben, denn noch bin ich in deinem "Lieblingsalter"

    beabeste
    Antworten 31. März 2016

    Ich müsste eigentlich noch was dazu schreiben: Vor dem Tod selbst habe ich keine Angst. Denn entweder kommt da noch was - und dann ist spannend. Oder es ist nichts - dann bekomme ich eh nichts mehr mit. Also nur das Altern macht mir Angst! Genieße mein Lieblingsalter!

Nina M. Jaros
Antworten 31. März 2016

Mein Großvater saß auf einem Stuhl. Seine Hände zitterten. Ich war etwa 25 Jahre alt und er saß da, weil er sich nicht mehr selbst rasieren konnte. Sein ganzes Leben war er der Mann in meinem Leben, der alles regeln konnte, alles richten konnte. Und ganz plötzlich hielt ich den Rasierapperat in der Hand und er war unendlich glücklich, dass ich ihn gründlich rasierte, denn das war für ihn immer ein Symbol für einen "g'standenen Mann".

Altern zu beobachten ist anders, als altern zu erleben. Vor einiger Zeit sah ich ein Foto von mir, auf dem ich lachte. Ich sah mich fröhlich, aber irgendjemand sah meine Falten. Ja, ich habe Falten - die meisten vom Lachen, die anderen vom Leben. Meine Knie schmerzen regelmäßig, ach der Körper zeigt 'oh, ich werd alt'

Ich habe aber keine besondere Angst vor dem Altern. Das liegt nicht an einem grenzenlosen Optimismus, sondern vielmehr daran, dass ich möglichst im JETZT lebe. Ab und zu erwischt mich ein Gedanke an eine weit entfernte Zukunft, aber in Wirklichkeit bin ich oft froh, wenn ich den aktuellen Monat irgendwie schaffe. Die aktuellen Probleme halten mich sozusagen davon ab, mir Sorgen über so weit entfernte Dinge zu machen. Und alle paar Jahre, wenn ich wieder darüber nachdenke, merke ich, dass ich älter wurde ... und das ist gut so.

    beabeste
    Antworten 31. März 2016

    Ein wunderschöner Kommentar, liebe Nina! Das tut gut. Genauso wie deine Freude über Cellulite... in deinem Interview neulich!

Pippi
Antworten 1. April 2016

Liebe Bea, dass Du noch so klein warst, als Deine Eltern starben tut mir sehr leid! Die Vorstellung, meine Mama zu verlieren (und ich bin schon fast 40 Jahre alt), bereitet mir eine Gänsehaut! Wie ich meinem Papa fühlen würde, weiß ich nicht. Vermutlich wäre ich traurig um eine verpasste Aussprache (haben seit unserer Hochzeit eher keinen Kontakt, er mag meinen Mann nicht), darüber, dass sein Stolz ihm so sehr im Weg steht, dass er sogar seine Enkel bisher nicht kennenlernen konnte (worüber er sehr traurig ist, das weiß ich). Meine Opa ist fast 90 und mit der Hygiene nimmt sie es wie Du schreibst, nicht ganz so genau bzw. vergisst es einfach. Es macht mich traurig zu sehen, wie ich manchmal versuche, sie zu meiden, aber ich kann sie nicht jeden Tag um mich haben (hat noch andere Gründe). Manchmal kriege ich Gänsehaut und hoffe, dass ich eine ganz patente saubere und vor allem im Kopf fitte runzelige Alte werde (meine andere Oma kämpfte 12 Jahre lang gegen Alzheimer und Parkinson) und dann irgendwann einfach tot umfalle! Aber bitte erst in, sagen wir 60 Jahren? Ich möchte meine Kinder aufwachsen sehen und meine eventuellen Enkel kennenlernen, ich möchte meinen Herzmann noch lange genießen und später die Welt erkunden (mit Gehhilfe und einem verschmitzten Lächeln). Ich möchte nicht, dass meine Kinder irgendwann mal ohne Mama sind, und doch kann man es nicht verhindern. Was dagegen hilft? Gute Frage! Ich denke, dass soziale Kontakte ganz wichtig sind! Wer sich irgendwann einigelt, hat keine Motivation, sich täglich zu duschen und sich zu bewegen! Wer alleine ist, bekommt keinen neuen Input und landet in einer Endlosschleife aus Vergangenem. Und ich möchte leben und jeden einzelnen Moment auskosten! Neues aufsaugen und nie "stehen bleiben". Und ich glaube, morgen schnapp ich mir meine Oma und gehe spazieren mit ihr! Sie mit ihrem Rollator und ich mit dem Kinderwagen...

    beabeste
    Antworten 1. April 2016

    Danke dir! Das sind ganz tolle Gedanken, die meine ganz wunderbar ergänzen!

Einen Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit einem Stern (*) markiert.