Wir brauchen mehr Normalität im Umgang mit Depression – Interview mit Limalisoy


Ich habe über Twitter eine wunderbare Mutter, Lehrerin und Bloggerin kennengelernt, von der ihr auch oft Texte zum Thema Depression gelesen und gewürdigt habt. Der Beitrag „Ich habe eine depressive Mutter“, in dem sie aus der Sicht ihrer Tochter über ihren Zustand schreibt, wurde vielfach geteilt und kommentiert. Nun habe ich sie interviewt – und ganz wunderbare Antworten erhalten.

Darf ich vorstellen: Yvonne M. vom Blog Limalisoy.

Lest und versteht, denn es sind beeindruckende und bewundernswerte Antworten – wie ich finde:

Du erzählst auf deinem Blog, dass die “ersten Steine der Depressionsmauer” bereits in deiner Pubertät gelegt wurden. Weißt du warum? Und weißt du, was dem vorangegangen war? Wann hast du zum ersten Mal gewußt, dass es so etwas wie Depressionen gibt?

Meine Kindheit war einigermaßen behütet, dennoch nicht unbeschwert. Ich war schon immer ein sehr nachdenkliches Kind, das allerhand mitbekommen hat: Vieles, das keineswegs Kinder belasten sollte – Existenzängste und sowas.

Ich wollte blitzschnell erwachsen werden, um eigene Entscheidungen treffen zu können. Eine unbeschwerte Kindheit gab es für mich nicht. Als Kind fühlte ich mich machtlos. Auch sonst beschäftigte ich mich als Jugendliche häufig mit Themen, die eher melancholisch waren. Eine kühle familiäre Atmosphäre und wenig emotionale Wärme führten dazu, dass ich mich auch emotional eher eingefroren fühlte. Auch meinen Freunden gegenüber konnte ich mich nicht wirklich öffnen. Beziehungen beendete ich, sobald ich das Gefühl erhielt, jemand würde in meine Seele schauen können.

Ich machte vieles mit mir selbst aus und war nie ich selbst. Um nicht anzuecken oder aufzufallen, setzte ich Masken auf. Doch das, was ich nach außen zu sein schien, war ich nie innerlich. In der Härte, mit der ich es jetzt beschreiben kann, war es mir damals jedoch nicht bewusst.
Den Begriff Depression kannte ich damals als etwas Abstraktes und konnte es nicht wirklich mit etwas Greifbarem füllen. Ich lebte in einem kleinem Dorf, da gab es globale Bezüge eher weniger. Depressionen waren demzufolge Verstimmungen, kleine Krisen, nichts Ernstzunehmendes. Dort stand die Welt eher still und alles drehte sich um das Dorfleben mit seinen eher einfach gestrickten Leuten.

Du bist ja Lehrerin. Warum diese Berufswahl? Was begeistert dich an deinem Job am meisten?

Wie so oft in meinem Leben gehe ich auch im Berufsleben nie den geraden Weg. Nachdem ich meine Ausbildung als Reiseverkehrskauffrau beendet hatte, hatte ich mich für einen Studienplatz in Wirtschaftspädagogik beworben. Das Berufsschulleben hatte mir gut gefallen, so dass ich auch diesen Weg einschlagen wollte. Doch dann bekam ich ein super gutes Angebot bei einem Reiseveranstalter und sagte den Studienplatz ab. Beim Reiseveranstalter konnte ich meine Position sukzessive verbessern und entschied mich dann für die Familienplanung. Noch während der Elternzeit ergaben sich wiederum andere Wege und ich schnupperte tatsächlich Campusluft. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich kündigte meinen Job und studierte mit Kleinkind im Gepäck für das Grund-, Haupt- und Realschullehramt. Das zog ich dann durch und habe es nie bereut.

Denn die Arbeit mit Kindern und die Herausforderungen, aus ihnen Fähigkeiten hervorzulocken, an die sie selbst nicht geglaubt hätten, fasziniert mich besonders.

Wenn die gute Fee dir drei Wünsche bezogen auf Schule und unser Bildungssystem erfüllen könnte, was würdest du dir wünschen?

Bei drei Wünschen würde ich zunächst nach weiteren Wünschen fragen 🙂

Das Bildungssystem müsste von Grund auf neu überdacht werden! Grundsätzlich würde ich mir freie Bildung für alle von Beginn an wünschen. Das fängt in der Kita an und hört bei Lehrmittelfreiheit auf. Aber das wäre ja auch nur ein kleiner Tropfen auf einen heißen Stein. Denn wenn auch kein Geld für eine gute Personalsituation vorhanden ist und Erziehungs- und Lehrpersonal weiterhin so überlastet werden, kann kaum ein gutes Lernklima garantiert werden. Gerade was Inklusion anbelangt, muss noch viel geschehen! Für besondere Kinder ist nach wie vor keine gute Grundlage geschaffen. Die wirkliche empathische und förderorientierte Arbeit der Lehrkräfte und Erzieher belastet das individuelle Gesundheitskonto sehr. Und auch wenn man 150 % gibt und sich für „seine“ Schüler richtig reinhängt, ist es nach wie vor zu wenig.

Auf den Punkt gebracht wären meine 3 Wünsche folgende:
– Bildung muss für alle Lerner in jeder Hinsicht gratis sein
– höherer Personalschlüssel (weniger Lerner auf eine Lehrperson)
– viel mehr Unterstützung für Inklusionsarbeit

3. Kreativität ist ganz wichtig für dich. Was bedeutet Kreativität in deinem Leben? Und im Zusammenhang mit Depressionen? Glaubst du, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Kreativität und Depressionen?

Kreativität ist für mich ein Weg, um meinen Gedanken und Ideen freien Lauf zu lassen. Ich erprobe und erfinde mich neu und schaue, was daraus werden kann. In depressiven Phasen hilft mir das. Denn dann komme ich oft ins Kreisgrübeln und denke ohne Pause. Das ist nicht gut für mich, macht mich teilweise sogar aggressiv. Habe ich dann aber Stifte, Farbe oder andere Materialien in der Hand, kann ich mich vom Grübeln ablenken und mich fokussieren. Meine besten Arbeiten sind in solchen Phasen entstanden, daher denke ich sehr wohl, dass es einen Zusammenhang gibt. Übrigens war ich als akut depressiver Mensch auch sehr kreativ/erfinderisch, wenn es um das Aufrechthalten meiner Fassade ging. Schauspielerisch gesehen war das sicherlich sehr kreativ :-).

4. Was hilft dir am meisten, wenn du eine depressive Phase hast? Was möchtest du allen Menschen, die mit Depressiven zu tun haben, gern mitgeben?

Ein Patentrezept habe ich nicht. Es kommt immer auf die Phase an und vor allen Dingen auf den Zeitpunkt, an dem ich selbst bemerke, dass etwas auf mich angerollt kommt.

Seitdem ich blogge, nutze ich ein solchen Zeiten das Schreiben. Meine Depressionsbeiträge werden hauptsächlich dann geschrieben, wenn ich dafür in entsprechender Stimmung bin. Ich schreibe mich dadurch frei, reflektiere und bekomme meistens die „Kurve“. Ansonsten habe ich für richtig schlechte Zeiten einen „Notfallkoffer“ mit Dingen, die mir dann helfen. Dazu zählen dann nette Briefe/Postkarten von Menschen, die es gut mit mir meinen und mir nette Zeilen für schlechte Tage hinterlassen haben. Wenn ich selbst total hibbelig und kurz vorm Durchdrehen bin, hilft allerdings nur Sport. Dann schnappe ich meine Laufschuhe, drehe Musik auf und laufe ein paar Kilometer.

Mir ist es sehr wichtig, dass sich Menschen, die mit Depressiven zu tun haben, auf die erkrankte Person einlassen können. Empathie ist hierbei Gold wert, denn jeder Depressionsschub kann anders verlaufen. Schubladendenken hilft nicht. Was aber auch sehr wichtig ist, ist die eigene Gesundheit. Gerade enge Angehörige depressiv Erkrankter essen sehr gut für sich selbst sorgen, um sich zeitweise auch abgrenzen zu können und eine Melancholie des geliebten Kranken nicht auf sich überspringen zu lassen. Helfen und unterstützen kann man nämlich nur, wenn die eigene Kraft für zwei reicht.

5. Was habe ich nicht gefragt, was wichtig für dich ist? Gibt es noch etwas, was dich bewegt?

Über diese Frage musste ich lange nachdenken. Aus dem Bauch heraus konnte ich das gar nicht entscheiden. Denn deine Fragen sind allesamt sehr individuell und ganz anders, als ich es zu diesem Thema gewohnt bin. Wenn mich sonst jemand zu meinen Depressionen oder zu meinem Umgang mit der Krankheit gefragt hatte, ging es meistens um meinen Krankheitsverlauf. Also den Tiefpunkt und meinen Weg hinaus.

Deine Fragen hingegen sind erfrischend. Ich fühle mich als Person angesprochen, weniger als Erkrankte. Und genau das ist es, was mich bewegt:

Normalität im Umgang mit depressiv Erkrankten.

Ja, es ist eine Krankheit. Aber eben kein Makel oder sowas.

Ich wünsche mir, dass psychische Krankheiten im Allgemeinen ernster genommen werden. Dass niemand befürchten muss, sein Gesicht zu verlieren. Das Stigma, die Vorurteile oder das, was manch einer doch draus macht, wenn ein „reiß dich mal zusammen“ über die Lippen kommt – muss weg! Die Depression ist eine Krankheit mit vielen Gesichtern und Symptomen. Krankheitsverläufe sind so individuell wie diejenigen, die daran erkranken – ob sichtbar oder schwelend unter der Oberfläche.

Liebe Yvonne, vielen Dank für diese erfrischenden Antworten!

Liebe Grüße,

Béa

 Und, was meint ihr: Was können wir alle tun, damit mehr Normalität im Umgang mit Depression und depressive Menschen möglich ist? bitte kommentieren und teilen – denn wir brauchen wirklich weniger Tabus und mehr Hilfe im Umgang mit diesen Themen.  
beabeste
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